Aalener Busfahrer will Rollifahrerin stehen lassen

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Die manuelle Rollstuhlrampe wird vom Busfahrer umgeklappt, damit in diesem Fall die Rollstuhlfahrerin barrierefrei in den Bus gelangen kann.
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Am Gmünder Torplatz will eine Frau in die Linie 37 Richtung Weststadt einsteigen. Was dann passiert und was OVA-Chef Peter Rau dazu sagt.

Aalen

Ein Busfahrer lässt eine Rollstuhlfahrerin an der Haltestelle stehen – zunächst. Die Aufregung ist groß. Bei der Frau, ihrem Begleiter, der selbst gehandicapt ist, sowie den Fahrgästen. Wie es dazu gekommen ist und was OVA-Chef Peter Rau darauf antwortet.

Es ist Sonntagspätnachmittag. Eine Rollstuhlfahrerin wartet am Gmünder Torplatz auf den Bus der Linie 37 in Richtung Hofherrnweiler. Der kommt auch pünktlich. Die Tür geht auf. Im hinteren Drittel des Omnibusses ist eine Rampe installiert, wenn die mechanisch ausgeklappt wird, gelangen Rollstuhl-, Rollatorfahrer oder Personen mit Kinderwagen problemlos in den Bus. Ein sogenanntes Kasseler Bord, ein spezieller Gehsteig, wie es ihn für einen barrierefreien Zugang bereits an vielen Haltestellen in Aalen gibt, ist am Gmünder Torplatz ebenso wenig realisiert wie am Zentralen Omnibusbahnhof, kurz ZOB.

Die Tür geht zu, der Bus fährt los?

An diesem Sonntag klappt es nicht, mithilfe von anderen Fahrgästen „zuzusteigen“. Vielmehr schließt der Busfahrer die Tür und will losfahren. So schildern zumindest Rollstuhlfahrerin Ferayi Ayyilgiz und Bekir Tasyoncan, ihr Bekannter, die Situation. „Ich war in dem Moment entsetzt“, sagt Ferayi Ayyilgiz und fügt an: „Es ist doch nicht die Aufgabe der Fahrgäste, mir in den Bus zu helfen.“ Niemand sei in dem Augenblick bereit gewesen, ihr zu helfen – oder vielleicht auch einfach nicht geistesgegenwärtig genug. „Dafür ist aber doch der Busfahrer da“, meint Bekir Tasyoncan. Der hätte, seiner Ansicht nach, nach hinten kommen müssen, um der Rollifahrerin die relativ schwere mechanische Rampe auszuklappen. 

Erst als die Fahrgäste intervenieren, öffnet der Fahrer die Bustüre nochmals. „Aber nicht, um zu helfen, das Ausklappen der Rampe überlässt er den Mitfahrenden“, schildert Bekir Tasyoncan. Er selbst könne nicht helfen, weil er Probleme mit den Schultern habe, entschuldigt er sich. Doch um gleich anzumerken, wie es wohl um den Versicherungsschutz stehe, wenn beim Aus- oder Einklappen der Rollstuhlrampe ein Missgeschick passiert.  Dank fremder Hilfe gelangt Ferayi Ayyilgiz über die nun ausgeklappte Einstiegsrampe in den Bus.

Ein Einzelfall?

Ein Einzelfall? Beileibe nicht, wie Ferayi Ayyilgiz betont: „Das ist leider nicht das erste Mal, dass mir ein Busfahrer nicht in den Omnibus helfen will.“

Das sagt der OVA-Chef

Dabei, so OVA-Geschäftsführer Peter Rau, seien die Busfahrerinnen und Busfahrer alle angehalten zu helfen, wenn Hilfe beim Ein- oder Aussteigen nötig sei. Grundsätzlich seien sämtliche OVA-Busse mit einer mechanischen Klapprampe ausgestattet. Zwar gebe es auch elektrische, die seien allerdings sehr störungsanfällig, so dass 98 Prozent der Busse in Deutschland eine mechanische Rampe hätten. Peter Rau betont, dass der beschuldigte Fahrer ihm die Situation allerdings anders geschildert habe. „Er wollte wohl helfen, hat aber zunächst noch Fahrscheine verkauft“, sagt der OVA-Chef. Bis er dann fertig gewesen sei, hätten Fahrgäste bereits die Rampe ausgeklappt.

So lautet die Regel

Doch wer bedient eigentlich nun diese Rampe? „Das sind schon sehr häufig die Fahrgäste“, antwortet der OVA-Chef. In der Regel seien die Mitfahrenden bereit, kurz Hand anzulegen. „Manchmal müssen unsere Fahrerinnen oder Fahrer nachfragen, ob nicht jemand kurz helfen kann und möchte“, berichtet Peter Rau vom Umgang in solchen Situationen.  Aber, so der OVA-Chef weiter, wenn niemand bereit sei, dann sei ganz eindeutig der Busfahrer zuständig. „Dann muss der Fahrer nach hinten gehen und die Rampe ausklappen; das sind unsere Regeln.“

„Wenn der Vorwurf zuträfe, dann hätte der Fahrer anders handeln müssen“, sagt Rau, der mit dem Fahrer über den Vorfall gesprochen hat. Aber ohne dabei gewesen zu sein, könne er kein Urteil fällen. „Es darf grundsätzlich nicht geschehen, dass ein Fahrgast stehenbleibt, weil die Klappe nicht bedient wird“, betont der OVA-Geschäftsführer und spricht im Falle von Missachtung auch von disziplinarischen Folgen. Allerdings schränkt er seine Aussage etwas ein. Es gebe Rollstühle, die seien etwa für eine eher schmächtige Fahrerin oder auch Fahrer zu schwer, um über die Rampe in den Bus geschoben zu werden. Deshalb sei es notwendig, dass die Aalener Stadtverwaltung die sogenannten Kasseler Borde auch am ZOB und am Gmünder Torplatz einbaut. „Wir fordern das schon seit Jahren“, sagt Rau.

Wie barrierefrei ist der Torplatz?

Erst OB Frederick Brütting habe das Problem erkannt und zugesichert, dass da etwas geschehen müsse, sagt Peter Rau. Jedoch rechnet Rau nicht damit, dass am ZOB und am Gmünder Torplatz in naher Zukunft ein barrierefreier Zugang über die Kasseler Borde möglich sei. „Für den ZOB schätze ich zwei, für den Torplatz dauert das wohl eher vier Jahre“, nennt er einen Zeitraum und fügt an: „Auch ein OB Brütting kann nicht zaubern.“ Rau räumt aber ein, dass es am ZOB wenigstens eine Haltestelle mit Kasseler Bord gibt.

Der Gemeinderat befasst sich im Übrigen an diesem Donnerstag mit der Barrierefreiheit des ZOB.

Ich war in dem Moment entsetzt.“

Ferayi Ayylgiz, Rollstuhlfahrerin

Klapprampe und Kasseler Bord

Sämtliche OVA-Busse, sind laut Peter Rau mit einer mechanischen Klapprampe ausgestattet, über die Rollstühle und Kinderwagen in den Bus gelangen. Die Rampe lässt sich von Hand aus- und wieder einklappen.

Ein sogenanntes Kasseler Bord soll Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, einen barrierefreien Zugang zu den Bussen ermöglichen. Das Kasseler Bord bedeutet einen höheren Bordstein mit einem speziellen weißen besonders geformten Bordsteinrand. Mit Niederflurbussen lässt sich die Lücke zwischen Fahrzeug und Randstein äußerst gering halten, so dass dank des Hochbords ein fast ebenerdiger Einstieg entsteht.

Der abgerundete Bordstein wurde übrigens in Kassel entwickelt und ist damit namensgebend für die heute übliche Bauform.

Hier klappt der Busfahrer die Rampe herunter.
Rollstuhlfahrerin Ferayi Ayyilgiz und Bekir Tasyoncan stehen an der Rampe. Oft klappen auch hilfsbereite Fahrgäste die Rampe herunter.
Rollstuhlfahrerin Ferayi Ayyilgiz kann so auch den Bus wieder problemlos verlassen.
Geht sehr einfach. Die Rampe wird wieder eingeklappt.

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