Als die Bomben auf Aalen fielen

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Die Archivaufnahmen zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung des Luftangriffes auf Aalen im April 1945 kurz vor Kriegsende.
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Stadtarchiv und Geschichtsverein laden zu einer Stadterkundung zum Luftangriff auf Aalen 1945. Ein Rundgang mit erschreckender Aktualität.

Aalen

Sirenen heulen, dann dröhnen die Motoren der Jagdbomber in den Ohren, kurz darauf schlagen die tödlichen Waffen vom Himmel ihre Krater in den Erdboden. Zurück bleibt nur Schutt und Elend. Kriegsschrecken, die im April 1945 auch die Aalener Bevölkerung erlebte.

Eine der Bomben, die einschlug, wird an diesem Samstag am Tannenwäldle unter großen Aufwand entschärft. Dies und die damit verbundenen Erinnerungen gewinnen angesichts des Krieges in der Ukraine an furchtbarer Aktualität. Das betonen sowohl Aalens Bürgermeister Frederick Brütting als auch Stadtarchivar Dr. Georg Wendt bei einer Stadterkundungsführung zum Luftangriff auf Aalen 1945. Initiiert wurde die Führung am Mittwochabend gemeinsam mit dem Geschichtsverein Aalen.

Rund 60 Menschen sind gekommen, stehen auf dem Vorplatz der VR-Bank im Halbkreis um Brütting und Wendt. Aalens OB betont, beide Kriege müsse man einordnen. Sie seien entstanden unter unterschiedlichen Vorzeichen. „Jeder Krieg aber schlägt Jahrzehnte lang Wunden“, so Brütting. Die Aktualität rufe bei Zeitzeugen „furchtbare Erinnerungen hervor“, sagt auch Dr. Georg Wendt. Er habe in den vergangenen Tagen einige Anrufe deswegen bekommen. Opfer seien auch 1945 viele Frauen und Kinder gewesen. „Man darf aber nicht vergessen, wo dieses Unglück seinen Anfang nahm“, so der Stadtarchivar. Im Faschismus, im Nationalsozialmus.

Auf dem Boden eines ehemaligen jüdischen Kaufhauses

Wendt, mit Mikrofon und Lautsprecher ausgerüstet, geht zurück in dessen Geschichte. In die des Aalener Kaufhauses Helm, auf dessen ehemaligen Boden die VR-Bank heute steht. „Helm“ diesen Namen hat es nicht immer getragen, wie Wendt aufzeichnet. Bis 1931 habe es dem jüdischen Geschäftsmann Eduard Heilbron gehört. Als „Sündenbock“ für die Weltwirtschaftskrise sei er ein „gefundenes Fressen“ gewesen, so Wendt, der den NS-Chronisten Karl Mutschler zitiert, der Heilbron als „Warenhausjude“ und seinen Schwiegersohn als „schmierig“ bezeichnete. Judenhass gab es auch in Aalen. Im November 1938 wurden in der Reichspogromnacht auch hier die Scheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen.

Heilbron habe das Kaufhaus dann 1931 an die Firma Wohlwert verpachtet, die es wiederum an Alfred Biermann, auch er Jude. Biermann wurde 1938 von der Gestapo inhaftiert. Er habe schon vorher mit seiner Frau, die keine Jüdin war, vereinbart, dass diese sich scheiden lassen solle, so Wendt. Das Kaufhaus trug dann den Namen Kniesser, weil Biermanns Frau Hedwig eine geborene Kniesser war. Biermann zog nach Leipzig, Hedwig heiratete später den Kaufmann Helm, unter dessen Namen dann das Geschäft fortgeführt wurde. Stolpersteine erinnern an die Familie Heilbron - Eduard Heilbron, der weggezogen war, starb bei seiner Deportation in ein KZ. Heilbrons Sohn Willi, der eine geistige Behinderung hatte, wurde 1940 in Grafeneck ermordet.

Ecke Wilhelm-Zapf-Straße

Ein paar hundert Meter geht es an den Ort, an dem April 1945 dann unter anderem die Bomben der Air Force einschlagen. Denn als die Westfront zusammenbricht und die Alliierten-Kräfte Heilbronn und Crailsheim eingenommen haben, gerät auch Aalen wegen seiner Infrastruktur kurz darauf „in den Fokus“, berichtet Wendt, der auch die Aufzeichnungen des Zeitzeugen Hugo Theurer heranzieht.

Luftangriffe kennen die Aalener da bereits schon länger - seit Ostersonntag verstärkt. Am 1. April trifft es den Gaskessel, tags darauf tragischerweise einen Transportzug mit Zivilisten und Zwangsarbeitern zwischen Unter- und Oberkochen. Auch die Luftangriffe der folgenden Tage gelten immer wieder dem Bahnhofsareal - zerstören auch die Gleise und Weichen. Eine Bombe trifft dabei auch eine Gärtnerei - ein Mensch stirbt.

Die Großangriffe aber folgen am 17. April mit den Jagdbombern vom Typ „Marauder“. Gegen halb 7 nähern sich 32 Bomber mit 21 Meter Spannweite, ausgerüstet mit Bomben mit einer Tonne Gewicht und damit überschwer. Erstes Ziel: das Heereszeugamt auf dem Gelände, auf dem heute die Firma Mapal steht. Die Bomben reißen 30 Meter breite Krater - und lassen 40 solcher Krater zurück. Der zweite Angriff kurz darauf folgt der Linie von den Laborantenhäusern bis zur Neuen Welt, wie Wendt aufzeigt. Auch hier überall Zerstörung, Leid.

59 Menschen verlieren bei den Angriffen ihr Leben. „Die meisten erstickten jämmerlich unter ihren Häusern in ihren Kellern“, sagt Wendt. Bunker oder Luftschutzstollen gab es kaum oder sie wurden nicht genutzt. Die meisten seien mit den Hand- und Kinderwagen in die umliegenden Wälder geflüchtet.

500 Menschen werden durch die Luftangriffe obdachlos. 90 Häuser zerstört. Besonders schwer trifft es das Bahnhofsgebäude. Das Kino, die Buchhandlung Henne und das Hotel „Kronprinzen“ werden völlig zerstört. Die Metzgerei Meidert an der Ecke zur Olgastraße bleibt zur Hälfte stehen.

Der Bahnhofsvorplatz

Auch die Tage danach fliegen die Amerikaner weiter Angriffe. Es herrscht Chaos, „nichts funktionierte mehr“, berichtet Wendt. Auch zu Plünderungen kommt es, während immer wieder die Sirenen heulen. „Aalen hoffte auf die Befreiung, fürchtete aber auch die Rache der Sieger“, fasst Wendt zusammen.

Nur einer kämpfte erbarmlos für weiteren Widerstand und glaubte an den „Endsieg“. Ein SS Hauptsturmführer namens Dahlmann. Er versuchte aufzurüsten, Aalen zur Festung auszubauen, sprengte sogar Brücken, hatte aber „kaum jemanden zur Verteidigung“, so Wendt. Am Ende, als die Sieger kamen, ergriff Dahlmann die Flucht.

Eine weitere Stadterkundung zum Thema gibt es am kommenden Mittwoch, 9. März, 17.30 Uhr, vor der VR-Bank. Die Teilnahme ist kostenlos, aber eine Anmeldung ist notwendig via elke.erdmann@aalen.de bzw. Tel.: (07361) 52-1113.

Reges Interesse: Rund 60 Menschen waren der Einladung des Aalener Stadtarchives und des Geschichtsvereins gefolgt.
Bombentrichter in der Olgastraße (heute: Wilhelm-Zapf-Straße) mit Blick in Richtung Innenstadt.
Reges Interesse: Rund 60 Menschen waren der Einladung des Aalener Stadtarchives und des Geschichtsvereins gefolgt.
Die Archivaufnahmen zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung des Luftangriffes auf Aalen im April 1945 kurz vor Kriegsende.
Die Archivaufnahmen zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung des Luftangriffes auf Aalen im April 1945 kurz vor Kriegsende.
Reges Interesse an der Stadterkundung mit Stadtarchivar Dr. Georg Wendt und dem Geschichtsverein.
Reges Interesse: Rund 60 Menschen waren der Einladung des Aalener Stadtarchives und des Geschichtsvereins gefolgt.
Zerbombter Beton und zerstörte Blechdächer der Bahnsteige im Aalener Bahnhof. Auch das Bahnhofsgebäude wird schwer getroffen.
Links das Kaufhaus Eduard Heilbron, später das Kaufhaus Kniesser und das Kaufhaus Helm.

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