Amazon-Coup: Was der Aalener Handel jetzt von Berlin fordert

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Sie sitzen an der Spitze des Citymarketings: Reinhard Skusa (l.) und Josef Funk.
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Der angekündigte Bau eines Amazon-Logistikzentrums bei Heidenheim sorgt für große Unsicherheit. Muss der Aalener Cityhandel Angst haben?

Aalen

In der Einzelhandelslandschaft der Innenstädte sorgt sie für große Unsicherheit und Angst, die Nachricht, dass der Internet-Gigant Amazon seine langen Finger jetzt auch in die Region Ostwürttemberg ausstreckt, wo er bei Heidenheim ein riesiges Logistikzentrum bauen will. Und das in Zeiten der Coronakrise, in denen viele Händler ohnehin um ihre Existenz bangen. Weil sich durch den wochenlangen Lockdown bereits weitere Marktanteile auf die großen Onlineplattformen verschoben haben.

Welche Chancen hat die Einkaufsstadt Aalen gegenüber der zunehmenden Sogwirkung von Amazon? Und: Wie muss sich eine City heute aufstellen, um im Wettbewerb gegen den Internet-Riesen zu bestehen? Redakteurin Ulrike Wilpert hat mit Citymanager Reinhard Skusa und dem Vorsitzenden des ACA-Innenstadtmarketingvereins, Josef Funk, gesprochen.

Muss der Innenstadthandel vor Amazon Angst haben?

Reinhard Skusa: Ich bin der Ansicht: Man muss keine Angst haben vor Amazon. Aber man muss sich als City entsprechend aufstellen und ein paar wichtige Grundsätze erfüllen, um in den Wettbewerb zu gehen.

Was ist so gefährlich daran, dass Amazon jetzt mit einem riesigen Logistikzentrum in die Region "eindringt"?

Josef Funk: Das Gefährliche ist, dass dadurch die Schnelligkeit der Auslieferung erhöht wird. Sprich: Die Bestellungen können noch am selben Tag geliefert werden, was der Bequemlichkeit der Kunden enorm entgegenkommt. Skusa: Aber auch unter ökologischem Aspekt ist das ein zunehmendes Problem: Früher hat die Post fünf Päckchen gebracht. Heute liefern fünf Paketdienste jeweils ein Päckchen.

Durch den Lockdown sind vermehrt Kunden ins Internet abgewandert. Haben Sie Sorge, sie nicht mehr für die Einkaufsstadt Aalen zurückgewinnen zu können?

Skusa: Nicht unbedingt. Unsere Riesenchance als Innenstadt ist, dass wir Erlebnisräume schaffen können. Sodass die Kunden sagen: Komm, wir fahren nach Aalen, schauen uns die blühenden Plätze an, die Kunst in den Schaufenstern, gehen schön essen und bummeln durch die Läden ... Unser Job als Citymarketing ist es, die Fischlein an die Angel zu bekommen. Und in dem Teich schwimmen ja auch viele Amazon-Käufer, die wir angeln wollen und können.

Müssen lokale Betriebe jetzt vermehrt online-affin sein? Skusa: Kleine Geschäfte haben da wenig Chancen. Funk: Das funktioniert nur, wenn der Händler selbst online-aktiv ist. Denn ein Berater wird teuer. Sobald man für online zusätzliche Mitarbeiter einstellen und Räume anmieten muss, wird man mit online kein Geld verdienen.

Die Händler müssen also punkten mit dem, was sie können. Was kann also die City Amazon entgegensetzen?

Skusa: Als wir gemerkt haben, dass die Kunden keine Lust haben, Mode mit Maske einzukaufen, haben wir uns die Aktion "Einkaufen wie im Urlaub" einfallen lassen. Viele Händler bieten ein Outlet im Freien an. Der Kunde erhält damit den Impuls, danach in den Laden zu gehen, um das Gewünschte anzuprobieren oder zu zahlen.

Poppige rosa Liegestühle und Sun-Divans inmitten von Blumenplätzen der Aalener Sommeraktion. Kommt das an bei den Kunden?

Funk: Die Liegestuhl-Aktion ist der Hammer! Die Kunden wollen alle einen haben und dafür auch bezahlen. Skusa: Wir hatten zuerst 100 Stück geordert und unseren Händlern geschenkt. Die Nachfrage war so enorm, dass wir weitere 100 bestellt haben, damit die Händler 50 davon verkaufen können. Alle weg!

Aber braucht eine City nicht darüber hinaus nicht auch einen strategisch besser durchdachten Besatz bestimmter Branchen?

Funk: Natürlich sorgen auch wir uns angesichts der Vielzahl von Dienstleistern in guter Einkaufslage. Aber die Auswahl trifft letztendlich der Eigentümer der Immobilie. Und der will natürlich einen zahlungskräftigen Mieter. Zudem hat der Lockdown dazu beigetragen, dass sogar große Unternehmen ihre Filiale schließen, sobald diese nicht mehr rentabel ist. Trotzdem glaube ich, dass ein guter Fachhandel in der Innenstadt bestehen wird.

Auch kleine Geschäfte?

Skusa. Ja. Denn eine große Chance liegt in unserer Einkaufsgutscheinkarte City Star Aalen. Denn nicht nur Privatleute, sondern auch Unternehmen können viele dieser Einkaufsgutscheine zu je 44 Euro bei uns abkaufen und sie steuerfrei an ihre Mitarbeiter verschenken. Die Gutscheine sind vielerorts einlösbar, vom Bäcker bis zur Tankstelle, vom Metzger bis zum Textilgeschäft. Ich kann nur an alle Betriebe appellieren, die noch nicht Mitglied sind im Innenstadtmarketingverein, organisiert Euch im Citymarketing!

Boomt der Absatz?

Skusa: Super. Wir machen damit in der Aalener City momentan zwischen 350 000 und 400 000 Euro Umsatz. Hochrechnet auf den damit ausgelösten tatsächlichen Umsatz in den Geschäften sind das rund 1,6 Millionen Euro. Denn der Kunde gibt erfahrungsgemäß immer mehr aus als den Wert auf der Gutscheinkarte. Das müssen wir weiter ausbauen.

Was würden Sie sich von der Politik in Berlin wünschen?

Skusa: Ganz klar: Sorgt endlich für Chancengleichheit! Die Lieferdienste des Online-Handels dürfen nicht mehr kostenfrei sein. Funk: Die große Rücksendequote ist das Problem. Es ist eine ökologische Sünde, die man Amazon, Zalando & Co. durchgehen lässt.

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