Applaus und eine Hängepartie

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Als die ersten Prognosen da waren, mussten die Teilnehmenden der Wahlparty der Linken stark sein.
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    Ulrike Schneider
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Wie die FDP, die Linke und die AfD das Wahlergebnis interpretieren. Welche Koalitionen möglich sind und was die Bundestagswahl für die Kandidaten persönlich bedeutet.

Aalen

Wahlabende sind spannend. Dieser besonders. Während die FDP jubelt und eines ihrer besten Ergebnisse deutschlandweit ebenso wie im Ostalbkreis einfährt, herrscht Tristesse bei der Linken. Bis zum Redaktionsende bleibt es eine Zitterpartie, ob die Linke es in den Bundestag schafft. Trotz stabilen AfD-Ergebnisses bereitet der Abend ihm Sorgen.

Die Liberalen: Im Hirschbach „bei Sonja“ trifft sich die FDP um Bundestagskandidat Arian Kriesch. Knapp 20 Parteimitglieder sind gekommen – unter ihren auch die beiden Kreisvorsitzenden Ute Ackermann (Aalen) und Klaus Bass (Heidenheim) um die Ergebnisse live zu verfolgen. 18 Uhr: Die Prognose sieht die FDP zweistellig. Jubel bricht aus, alles applaudiert. „Elf Prozent bundesweit sind eine deutliche Botschaft“, kommentiert der Bundestagskandidat spontan die ersten Zahlen. Die Liberalen hätten einen klugen Wahlkampf geführt, sagt Kriesch in Richtung Parteispitze. Aber auch ihm zollen die Anwesenden Lob. „Du hast einen engagierten Wahlkampf geführt“, beschreibt Jonas Rössel.

„Jetzt können wir in beide Richtungen Koalitionsgespräche führen“, sagt Kriesch als die Hochrechnungen für mehr Sicherheit sorgen und betont, dass er persönlich sowohl für eine Ampel- wie auch für eine Jamaika-Koalition offen ist. Liberales Ziel seien jetzt „kluge, inhaltliche Sondierungsgesprächen“. Dass die Linke abgestraft wird, mache ihn zufrieden. Damit sei ein rot-grün-rotes Bündnis vom Tisch. Das Abschneiden der Linken interpretiert der Liberalen-Kandidat als Zeichen dafür, dass eine Koalition mit der Linken gesellschaftlich nicht gewünscht sei.

Als Christian Lindner auf dem Bildschirm erscheint, wird es ruhig. Alle hören zu, wie der FDP-Chef das Wahlergebnis einordnet und wie die FDP auf der Ostalb von einer Regierungsbildung aus der Mitte heraus spricht. Wie Lindner hält Kriesch „anders als bei der letzten Bundestagswahl“ eine Koalition gemeinsam mit den Grünen für realisierbar. „Da sind jetzt an Personen an der Spitze“, sagt er und spielt damit auf Jürgen Trittins Rolle bei den Verhandlungen 2017 an. Auch wenn er im Wahlkreis Aalen-Heidenheim persönlich über die Erststimmen ein sehr gutes Ergebnis eingefahren hat, für den Einzug in den Bundestag wird es für Kriesch, der auf der Landesliste der FDP auf Platz 25 steht, nicht reichen.

Die Linke: Schockiert, doch nicht ohne Kampfgeist nehmen die Linken in Aalen die ersten Prognosen und Hochrechnungen auf. Denn erst war nicht klar, ob die Partei die Fünf-Prozent-Hürde nimmt, oder daran scheitert. „Ich war doch etwas negativ überrascht“, gesteht Tim Steckbauer, der für die Linken im Rennen um das Direktmandat war. Zwar seien die Umfragewerte vor der Wahl nicht gerade rosig gewesen, dass sie aber so schlecht ausfallen, „damit habe ich nicht gerechnet“. Außerdem überrasche ihn das gute Ergebnis der CDU und deren Kanzlerkandidaten Armin Laschet. „Der macht eigentlich alles falsch, was man falsch machen kann.“ Dass die Union dennoch mindestens Platz zwei belegt, „das gibt zu bedenken“. Der Abend für ihn in einem Satz: „Gute Leute, guter Wahlkampf, schlechtes Ergebnis.“

In einem Wahlkreis anzutreten, in dem sich die Direktmandate traditionell in fester Hand von Berufspolitikern liegen, das beschreibt Steckbauer als „Herausforderung“. „Aber es hat Spaß gemacht“, sagt er weiter. Sein Ergebnis nimmt er sportlich, ist mit seiner Leistung beim Wahlkampf „sehr zufrieden“. Denn am Ende, entscheide die Wählerin und der Wähler. Demokratie eben – für den 22-Jährigen „die größte Errungenschaft der Menschheit“.

Auch Thanusiya Suntharalingam und Andreas Stephan, Sprecherin und Sprecher der Linksjugend Solid im Kreis, machen wegen des vorläufigen Ergebnisses keine Freudensprünge – aber bleiben kämpferisch. „Wir werden nicht aufgeben“, sagt Suntharalingam. Selbst, wenn es der Linken nicht für den Einzug in den Bundestag reicht, „wir sind uns alle einig, dass das hier nicht das Ende wäre“, sagt sie weiter. „Die fünf Prozent tun weh“, gibt Stephan zu – und kann sich mehrere Gründe für das unterwältigende Ergebnis vorstellen. Einerseits die frühe Bekundung am Regierungsinteresse. „Vielleicht haben manche geglaubt, wir werden unsere Prinzipien verlieren.“ Das Thema um die Nato sei zum Beispiel „eine große Debatte“. Auch habe es interne Spannungen zwischen progressiven und weniger progressiven Parteimitgliedern gegeben, die sich negativ auf die Wahl hätten auswirken können. „Es gab von Anfang an keinen wirklichen Konsens.“

Die AfD: Als „stabiles Ergebnis“ bezeichnet Jan-Hendrik Czada das Abschneiden der Bundes-AfD. Das zeige, dass die Partei aus „Deutschland nicht mehr wegzudenken ist und auf Stammwähler zählen kann“. Als eine gute Nachricht bezeichnet Czada, dass ein „auch von Leni Breymaier im Wahlkampf favorisiertes rot-grün-rotes Bündnis offensichtlich nicht möglich ist“. Hingegen bedauere er es, dass keine der Parteien zu Gesprächen mit der AfD bereit sei. Ebenso bedauert er es, dass die AfD nur zwölf und nicht sämtliche möglichen Listenplätze besetzt habe. „Das wäre verheerend, wenn mit dem jetzigen Ergebnis mehr Abgeordnete hätten in den Bundestag einziehen können.

Eine AfD-Wahlparty gibt es nicht. Czada verfolgt bei sich zuhause Hochrechnung nach Hochrechnung. Doch nicht allein das Bundesergebnis interessiert den 40-jährigen Diplom-Politologen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag hängt seine eigene Zukunft auch davon ab, ob der Göppinger AfD-Abgeordnete Volker Münz über die Landesliste Baden-Württemberg erneut in den Bundestag einziehen kann. „Wenn nicht, dann bin ich arbeitslos“, sagt Czada.

Jan-Hendrik Czada zeigt sich mit dem Abschneiden der AfD zufrieden.
FDP-Wahlparty „Bei Sonja“ im Aalener Hirschbach. Arian Kriesch (vorne, Mitte) und seine Liberalen Mitstreiterinnen und Mitstreiter applaudieren bei den ersten Zahlen .Foto: aki

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