Arbeiten und Sterben auf Intensiv: Alltag im Aalener Ostalbklinikum

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Thomas Racsits, Stationsleiter Intensiv und Birgit Enenkel, Pflegeische Standortleiterin, im Foyer des Klinikums.
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Fast zwei Jahre dauert die Pandemie an. Die vierte Welle steht mit der Omikron-Mutante vor der Türe. Zwei Pflegeexperten des Ostalb-Klinikums berichten über die Situation vor Ort

Aalen. Fast zwei Jahre Pandemie. Tag und Nacht arbeiten seitdem die Pflegenden in der Intensivmedizin am Limit. Nur zwischendurch gibt es eine Art Verschnaufpause, die dem üblichen Pflegealltag zumindest ähnelt. Dann, wenn die Infektionswellen abflauen. Das scheint momentan noch der Fall. Entwarnung gibt es am Ostalb-Klinikum deshalb keine. Die Pflegerische Standortleiterin Birgit Enenkel und der Stationsleiter der Intensivstation Thomas Racsits bleiben alarmiert. Personalmangel, Impfpflicht, zu wenig Solidarität, all das treibt sie und die Beschäftigten um.

Beruhigen sinkende Inzidenzen?

Im Moment seien die Inzidenzzahlen immer noch sehr hoch, wenn auch nicht mehr ganz so dramatisch, so Enenkel. „Von Beruhigung möchte ich jetzt nicht sprechen. Wir sind in Habachtstellung, auch wegen der Prognosen, die kommuniziert werden“, sagt sie und bezieht sich auf die rasante Verbreitung der Mutante Omikron. „Die Inzidenz erfasst ja nicht die Schwere der Erkrankungen“. Es gehe um den Hospitalisierungsgrad, die Vorortlage in den Kliniken und die Belegung auf Intensiv, ergänzt die Standortleiterin.

Wird die Impflicht zum Problem?

„Es gibt schon Hinweise, dass manche in andere Bereiche wechseln werden, wo es diese Impfpflicht nicht gibt“, sagt Birgit Enenkel. Sie und auch Thomas Racsits lehnen diese ab. „Hier wird eine Berufsgruppe herausgenommen, die ohnehin schon sehr belastet ist“, so Birgit Enenkel. Eine Berufsgruppe, die gelernt habe, sich besonders gut zu schützen. Besser sei eine Impfpflicht für alle. „Es ist schon ein Thema, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewegt“, sagt auch Thomas Racsits. Es gebe auch, wie in der Gesellschaft, im Ostalb-Klinikum Menschen, die nicht geimpft seien. Aus ganz unterschiedlichen Beweggründen.

Darunter seien anfangs besonders auch jüngere Frauen gewesen. Verunsichert auch durch die sich ständig wechselnde Berichterstattung, so Racsits. „Zu Beginn war ich auch kein Freund dieser Impfung“, gesteht er. Aber in der Zwischenzeit habe das sich bei ihm wie auch bei vielen anderen Kollegen und Kolleginnen geändert. „Viele haben sich solidarisiert und damit auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung übernommen.“ Schwer aushaltbar sei aber der Druck durch die Berufsverbände oder durch Kollegen auf die Ungeimpften in den Kliniken. „Das ist fehl am Platz“, sagt Racsits. „Mir wäre wichtig, dass wir im Hause Kollegialität wahren.“ Auch unabhängig vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.

Gibt es genug Personal?

Geimpft oder nicht, im Pflegeberuf tätig oder nicht: die Virus-Variante Omikron sollte grundsätzlich für jeden Grund zur Besorgnis sein, so die Pflegeexperten. Denn es könnte noch weit enger werden auf der Intensivstation, als ohnehin schon. „Da sind wir ständig an der Untergrenze“, sagt Racsits. Auch, weil die Politik in den vergangenen eineinhalb Jahren immer noch nicht gehandelt habe. Mehr Personal, das hätte man früher angehen können. Man habe in den letzten Monaten schon viele Ausfälle gehabt, es gebe zwar engagierte Unterstützung von Fachpersonal anderer Bereiche, aber: für die 14 Intensivbetten würden sieben bis acht Vollzeitkräfte fehlen. Und man brauche diese Fachkompetenz am Bett, an der es immer noch mangele. „Das hat sich seit dem Anfang der Pandemie nicht verändert“, so der Stationsleiter weiter. „Die Politik hat wohl gedacht: das wird schon vorbeigehen.“ 20 Prozent mehr Lohn, eine Akademisierung des Berufs seien Mittel, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, so Racsits. Beides fehle.

Rentner wieder aktivieren?

Wie man fehlendes Personal aufstocken könne, wenn durch Omikron auch zunehmend Beschäftigte im Krankenhaus ausfallen, das sei brandaktuelles Thema im Krisenstab des Klinikums, erklärt Birgit Enenkel. „Es gibt natürlich niemanden, der eineinhalb Jahre nur zuhause sitzt und auf uns wartet“, sagt sie. Und wer mit 65 in Rente gegangen sei, der werde mit Sicherheit nicht zurückkommen, ergänzt Racsits. Ein Rentner sei aber auch längst von den technischen Entwicklungen in der Intensivmedizin abgeschnitten.

Was belastet besonders?

Dort ist die Situation so belastend wie nie zuvor. „Das Sterben ist man dort gewohnt. Aber nicht in diesem Ausmaß“, sagt Birgit Enenkel. Mit oder an Covid gestorben, das sei bei den Älteren immer ein Thema. Auch Geimpfte mit Vorerkrankungen seien darunter. Aber auch Schwangere, die nicht geimpft waren, seien erkrankt, so wie vergleichsweise junge Menschen zwischen 40 und 50. Auch doppelt Geimpfte darunter. „Die Impfung ist kein 100-prozentiger Schutz. Aber die Wahrscheinlichkeit, die Erkrankung zu überleben, ist sehr viel größer. Diese Erkenntnis haben auch wir gewonnen“, sagt Racsits. Psychisch belastend sei, vor allem auch für Jüngere, wenn sie erleben würden, wie alleine die Patienten in ihrem Sterben sind. „Das hat dem ein oder anderen schon dazu bewogen, sich impfen zu lassen“, sagt Racsits. Hinzu komme die körperliche Belastung, ständig in voller Schutzmontur zu arbeiten, so Enenkel.

Was weh tue, sei das Unverständnis für all das. Hier würde man mehr Solidarität erwarten, „dass andere im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich nicht so verhalten, wie sie es aktuell tun: wie bei einem Geschehen außerhalb der Pandemie“, fährt sie fort. „Ich muss nicht demonstrieren oder gar aggressiv werden“, so Racsits zu den Demonstrationen gegen die Corona-Verordnung. Die Gefahr sei da, man müsse lernen, damit umzugehen und sich entsprechend verhalten.

Intensivstation Krankenhäuser
Die Intensivstation in den Ostalb-Kliniken.
Impfpflicht für Pflegekräfte in den Kliniken.
Symbolfoto

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