Bahnhalt Aalen-West: Pro & Contra

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Der Bahnhalt-West spaltet Bürgerinnen und Bürger.
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Die Diskussionen um den zusätzlichen Bahnhaltepunkt in der Aalener Weststadt spalten die Bürgerinnen und Bürger und auch zwei Kommunen: die Stadt Aalen und die Gemeinde Essingen.

Aalen. Die Diskussionen um den zusätzlichen Bahnhaltepunkt in der Aalener Weststadt spalten die Bürgerinnen und Bürger und auch zwei Kommunen: die Stadt Aalen und die Gemeinde Essingen.

Zwei Menschen aus Aalen stellen uns ihre persönlichen Argumente vor, warum sie für oder gegen einen zusätzlichen Bahnhalt in Aalen West sind.

Uwe Lutz, 57 Jahre, Agendagruppe Umweltfreundlich mobil, pendelt täglich 20 Kilometer mit der Bahn zur Arbeit.

Pro Bahnhalt West

Der Bahnhalt Aalen-West ... ist alternativlos, weil der geplante Standort im Aalener Westen ideal ist. Entsprechende Gutachten belegen dies. Im Umkreis von einem Kilometer leben fast 6000 Menschen und arbeiten über 4000 Menschen. Sie könnten den Bahnhalt West in wenigen Minuten bequem zu Fuß, per Fahrrad oder Bus erreichen, und mit dem Zug zu ihrem Ziel weiterfahren. Für viele Menschen wäre dies eine erhebliche Verbesserung ihrer individuellen Mobilität.

Eine Reaktivierung des Essinger Bahnhofs ... ergänzend zum Bahnhalt Aalen-West und einem Bahnhalt Schwäbisch Gmünd-Ost, kann ich mir gut vorstellen, weil das ÖPNV-Angebot in der Region angesichts der Auswirkungen des Klimawandels deutlich verbessert werden muss. Dazu wäre ein Halbstunden-Takt der Nahverkehrszüge auf der Remsbahn wünschenswert, auch an kleineren Bahnhalten, mit einem zusätzlichen Angebot von schnelleren Zügen.

Die Argumentation der Essinger ... berücksichtigt bisher nicht, dass am alten Bahnhof Essingen eine neue Infrastruktur geschaffen werden müsste. Neben dem Neubau einer barrierefreien Gleisunterführung sowie Bahnsteigen in zwei unterschiedlichen Höhen, sind auch gute barrierefreie Fuß- und Radwege nach Essingen, Forst und in die nahen Gewerbegebiete zu fordern, sowie eine gute Busanbindung.

In meinem Bekanntenkreis ... würden wahrscheinlich mehr Menschen vom Auto auf die Bahn umsteigen, wenn die Verbindungen von Bus und Bahn besser aufeinander abgestimmt und zuverlässiger wären. Die Zahl der Zugverbindungen müsste erhöht, und die Zusteigemöglichkeiten verbessert werden. Ein Bahnhalt Aalen-West sowie weitere Bahnhalte mit hohem Fahrgastpotenzial in der Region, beispielsweise Oberkochen-Süd, wären hierzu wichtige Schritte.

Thorsten Rall, 51 Jahre, Geschäftsführer Stark Bauunternehmen Schulze-Delitzsch-Straße ist geschäftlich mit dem Auto bis zu 80 000 Kilometer im Jahr unterwegs.

Contra Bahnhalt West

Der Bahnhalt Aalen-West ... ist nicht an einer sinnvollen Stelle geplant. Der Bahnsteig Richtung Stuttgart ist weitestgehend auf der bisherigen Zufahrtsstraße Grundstück Reeb geplant. Hier müssten erst noch Liegenschaften gekauft werden, um die neue Zufahrtsstraße herstellen zu können. Der Bahnsteig Richtung Aalen schneidet in ökologische Ausgleichsflächen vom Bau der B 29 und der Aalener Brezel ein. Die Kosten für den Bahnhalt werden bis dato mit etwa 6,5 Millionen Euro angegeben. Unter Berücksichtigung der Kostensteigerung im Baugewerbe und der Planungskosten der Stadt Aalen, liegt man am Ende sicher bei mindestens 8 bis 9 Millionen Euro. Wenn man die Ertüchtigung der Infrastruktur noch dazurechnet, werden die Gesamtkosten bei etwa 11 bis 12 Millionen Euro liegen. Die bisherige Zufahrtsstraße – die Schulze-Delitzsch-Straße – ist jetzt schon am Anschlag und kann keinen weiteren Verkehr mehr verkraften.

Eine Reaktivierung des Essinger Bahnhofs ... anstelle der Einrichtung des Bahnhalts West halte ich für sinnvoll. Es gibt dort drei Gleise, man kann an einem Bahnsteig aus- und einsteigen. Durch das dritte Gleis können die Bauarbeiten am Bahnsteig während des laufenden Verkehrs ausgeführt werden. Somit entfallen die Kosten des Schienenersatzverkehrs. Die laufenden Unterhaltskosten sind um ein vielfaches geringer, da man ja nur einen Bahnsteig hat.

Die Argumentation der Essinger ... ist leicht nachvollziehbar, ferner ist die Gemeinde Essingen in Besitz des Bahnhofs und hat zusätzlich ein Grundstück mit ca. 2700 m², das für die Infrastruktur genutzt werden kann. Der Einzugsbereich der anliegenden Teilgemeinden wäre viel größer als in Hofherrnweiler. Fahrgäste aus Dewangen, Fachsenfeld und Unterrombach, würden zudem den Verkehrsknotenpunkt Bottichkreuzung entlasten, wenn diese in Essingen einsteigen würden anstelle in Aalen-West.

In meinem Bekanntenkreis ... würden nur wenige vom Auto auf die Bahn umsteigen, dies liegt aber nicht an der Bahn, sondern an der Dezentralität der Arbeitsstellen. Prinzipiell sollte der Zug schnell und pünktlich ankommen und nicht an jedem kleinen Bahnsteig anhalten. Dass ein Bahnhalt West nachhaltig Autofahrer zu einem Wechsel zur Bahn animiert, halte ich eher für unwahrscheinlich.

Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler.

Das sagt Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler

Thilo Rentschler betont, dass die Planungen für den Bahnhalt Aalen-West weit fortgeschritten sind. Er geht davon aus, dass sie noch 2021 in das Planfeststellungsverfahren münden werden. Das ist ein baurechtliches Verfahren bei größeren Infrastrukturmaßnahmen. Dabei können auch Bürgerinnen und Bürger Bedenken einbringen. Alle von Verkehrsexperten erhobenen Fakten sprächen für einen Bahnhalt Aalen-West und eben nicht für die Reaktivierung des Bahnhofs Essingen, so der OB. Für den Bahnhalt West spreche der große Einzugsbereich: 13 500 Menschen wohnten im Umkreis von bis zu drei Kilometern; über 4000 Menschen arbeiteten im Einzugsgebiet von einem Kilometer und für viele der 6000 Studierenden könnte der hochschulnahe Bahnhalt eine Motivation zum Umstieg auf die Bahn sein. 

Der Aalener Gemeinderat dazu:

Hinter dem im Jahr 2016 gefassten Grundsatzbeschluss für den Bahnhalt Aalen-West stehen alle Aalener Gemeinderatsfraktionen. Vor allem für die Grünen ist der Bahnhalt-West als „nachhaltiges Projekt zum Klimaschutz“ von großer Bedeutung. Die Grünen fordern daher – genauso wie die SPD-Fraktion – alles daran zu setzen, den Bahnhalt West zeitnah zu bauen. Beide Fraktionen sind aber keinesfalls gegen einen zusätzlichen Bahnhaltepunkt in Essingen. Sowohl Grüne als auch SPD stehen einem Bahnhalt Essingen, zusätzlich zu einem künftigen Bahnhalt Aalen-West, positiv gegenüber. Was aber nicht sein kann, so die Grünen: Wenn die Essinger versuchen, dem bereits aufs Gleis gesetzten Aalener Vorhaben dazwischen zu grätschen. Das sei nicht im Sinne einer klimafreundlichen Verkehrspolitik.

Wolfgang Hofer

Das sagt Essingens Bürgermeister Wolfgang Hofer

Wolfgang Hofer sieht die Standortvorteile klar in Essingen: Mit einem bestehenden Bahnhof mit drei Gleisen sei die Infrastruktur für einen Haltepunkt besser geeignet als mit sonst nur zwei Gleisen. Die verkehrsgünstige Lage und die von allen Seiten sehr gute Erreichbarkeit des Essinger Bahnhofs werde sichtbar durch den aktuellen Ausbau der B29. Zudem forderten die Betriebe in den angrenzenden Gewerbegebieten ausdrücklich die Reaktivierung des Bahnhofs für ihre Mitarbeiter. Überdies sei die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Essinger Bahnhalt sehr hoch. Anders als in Aalen, wo es offenkundig starke Bürgerproteste gegen den Bahnhalt West gebe. „Der Zug ist noch nicht abgefahren“, laute deshalb die Devise der Essinger für eine Reaktivierung ihres Bahnhalts. 

Die Essinger Gemeinderäte dazu:

„Wurde die Reaktivierung des Bahnhalts Essingen als Alternative beziehungsweise Ergänzung für den Bahnhalt Aalen-West überhaupt richtig untersucht?“, fragt Grünen-Rätin Stefanie Endig stellvertretend für das Essinger Gremium. Dieses fordert mit Nachdruck eine Erhörung seiner Interessen bei Kreis, Land und Politik ein. Das Gremium steht einstimmig hinter der Offensive des Essinger Bürgermeisters. Und hat ihn beauftragt, weitergehende Untersuchungen anzustellen, eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellen zu lassen und diese mit den zuständigen Behörden abzustimmen. Denn: In Zeiten der Mobilitätswende komme man am Essinger Bahnhof nicht vorbei. Für das Gremium ist es der logische Weg, eine bestehende Infrastruktur zu aktivieren, bevor man auf der grünen Wiese eine Haltestelle einrichtet.

Der Zeitraum.

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