Biontech für die Enkelin

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Michael Maas impft in der Unterkochener Gemeinschaftspraxis seinen 77-jährigen Patienten Josef Barth.
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Wie der Unterkochener Hausarzt Michael Maas und seine Kollegen in der Gemeinschaftspraxis die Impfungen organisiert haben und welche Probleme es dort gibt.

Aalen

Josef Barth verzieht keine Miene. „2, 3 Sekunden lassen wir die Nadel drin“, sagt Michael Maas. Dann erst zieht Maas die Spitze raus: Josef Barth hat nun seine zweite Impfung mit dem Impfstoff von Biontech bekommen. Auf Anraten seines Arztes.

Der Impfling

„Ich habe das genommen, was er empfiehlt“, sagt der 77-jährige Landwirt aus Bernhardsdorf, der mit seiner 74-jährigen Frau Rita zum Impfen gekommen ist. Aufklärung habe er nicht groß gebraucht. Sondern seinem Hausarzt aus der Unterkochener Gemeinschaftspraxis Kieninger, Maas und Strähle vertraut. „Ich habe Bluthochdruck und Zucker“, sagt Barth. An sieht man dem kräftigen Mann diese Vorerkrankungen nicht. Er wirkt stark wie ein Baum.

Der Impfstoff

Es ist Mittwoch. Impfnachmittag in der Praxis. Diesmal gehört dieser 84 Patienten, die Biontech bekommen. Die meisten zum zweiten Mal. „Wir haben ja mehrere Impfstoffe hier. So geht nichts durcheinander“, sagt Maas im Laborzimmer, während er vorsichtig mit konzentriertem Blick eine Spritze nach der anderen aus einer Kanüle aus der winzigen Ampulle zieht. Zuvor hat er in diese nach genauen Vorgaben Kochsalz dazu gegeben. Sieben Impfdosen gewinnt der Arzt daraus in einzelne Spritzen. Was in Baden-Württemberg anders als in anderen Bundesländern wie beispielsweise Sachsen, wo es nur sechs sein dürfen, auch erlaubt ist. 1,2 Millionen Impfdosen habe man deswegen so schon nicht verimpft, so Maas. „Das ist ein Irrsinn, dass man das nicht besser regulieren kann“, sagt er.

Der Druck bei den Hausärzten

Regulieren. Das scheint auch bei der Impfterminvergabe der Hausärzte kaum noch möglich zu sein: „Dank der Aufhebung der Impfpriorisierung dürfen alle sofort geimpft werden, aber die Ärzte haben weder den Impfstoff noch die Kapazität“, sagt der Vorsitzende der Kreisärzteschaft Aalen, Dr. Sebastian Hock. „Damit drängen auch die Jüngeren in die Praxen, blockieren Empfänge, Telefone, E-Mails“, sagt Hock. „Wir können immer nur an die Bevölkerung appellieren, Geduld zu haben.“ Und es positiv zu sehen, dass es überhaupt nach so kurzer Zeit Impfstoffe gebe, satt immer nur auf dem Mangel „rumzuhacken“. Weniger in den Praxen anzurufen sei wichtig. Denn neben dem Impfen gebe es dort nach wie vor auch Erkrankte zu versorgen. Dass wegen des Drucks wie schon in anderen Regionen Hausärzte überlegen würden, das Impfen wieder aufzugeben, habe er aber noch nicht gehört. Ein Grund, dass die Facharztpraxen noch nicht impfen würden, sei der fehlende Impfstoff. Der andere: Darmspiegelungen, EKGs, all das könne ja nicht einfach verschoben werden, so Hock. „Auch unser Tag hat nur 24 Stunden.“ Auch der, der medizinischen Fachangestellten, die momentan einen „herausragenden Job“ machen würden.

Der tägliche Kampf am Empfang

Auch bei Brigitte Kess und Traudl Christ-Scherer am Empfang in der Praxis Kieniger, Maas und Strähle steht das Telefon nicht still, seitdem die Priorisierung aufgehoben wurde. „Ich will. Das hören wir häufig“, erklärt Brigitte Kess. Um den Urlaub ginge es – den die beiden auch schon lange nicht mehr gemacht hätten. Aber auch, weil man jetzt eben dran sei. Dazu die Nachfragen, ob man wirklich auf der Liste registriert sei. Ob nicht doch ein anderer Impfstoff möglich sei. „Früher konnte ich Patienten noch zurückrufen. Das geht jetzt nicht mehr, weil sofort wieder andere in der Leitung sind“, erzählt Traudl Christ-Scherer. Nach den vielen Überstunden sei man abends ganz schön fertig.

An diesem Nachmittag aber bleibt das Telefon stumm. Der Anrufbeantworter ist eingeschaltet. Akribisch genau kontrollieren Traudl Christ-Scherer und Brigitte Kess, dass die Patienten ihre Ruhezeit nach der Impfung einhalten. Genau 15 Minuten sind das. „Sie müssen noch mal zurück, es sind erst zehn Minuten“, schickt Brigitte Kess eine ältere Dame, die gehen will, zurück in eines der Sprechzimmer, die nun auch Warteräume sind. Währenddessen kommen in Abständen Patienten durch die Tür. Mal allein, aber auch viele Paare. Die gelben Impfbücher in der Hand endet ihr Weg zunächst am Empfang.

Die beiden Frauen registrieren jeden genau über das Impftermin-Management, das die Praxis mit Beginn der Impfungen eingeführt hat. Über die Homepage der Praxis kann sich jeder der Patienten mit Impfwunsch registrieren.

Welcher Impfstoff für wen?

Das erleichtere die Organisation enorm, erklärt Maas. Und sei für jede Praxis einsetzbar. Trotz Aufhebung der Priorisierung versucht er sich weiter an die Empfehlung der ständigen Impfkommission (STIKO) zu halten. „Ich schaue immer noch: Bei wem pressiert es am meisten“, sagt er. Manche hätten natürlich ihre eigenen Vorstellungen, welchen Impfstoff sie vertragen. Wenn ein 50-Jähriger komme und Astrazeneca oder wie neuerdings möglich, Johnson und Johnson wolle, kläre er ihn genau über die Risiken auf. Wenn eine 80-Jährige ohne Vorerkrankungen auf Biontech beharre, frage er nach, was er denn dann ihrer Enkelin impfen solle. Helfe sowas nicht, müsse mancher warten, bis es genug Biontech für alle gebe. Über 800 ihrer eigenen Patienten habe die Praxis so schon geimpft. Kapazitäten für die Patienten anderer Praxen gebe es aber noch nicht, so Maas.

Einer davon ist nun Josef Barth. Der darf nach 15 Minuten mit seiner Frau gehen. Er fühlt sich „einwandfrei.“

Ich schaue immer noch: Bei wem pressiert es am meisten.“

Michael Maas, Arzt

Ellwanger Hausarzt: „Es ist eine Katastrophe“

Aus Ellwangen berichtet ein Hausarzt, der nicht genannt werden möchte: „Es ist eine Katastrophe. Für eine Einzelarztpraxis ist das praktisch nicht leistbar. Wir werden überrannt, ich muss ein bis zwei Arzthelferinnen nur für Terminkoordination, Impfstofforganisation und das Telefon abstellen.“ Das Telefon sei dauerblockiert, was zur Folge hat, dass die anderen Fälle, die es ja weiterhin gibt, nicht mehr zur Praxis durchkommen. Mit einem Kollegen habe er sich abgesprochen, einen festen Impftag in der Woche eingerichtet und eine Kreuz-Vertretung eingerichtet. „Anders geht es nicht, denn der Aufwand mit Kühlung, Vorbereitung und Nachbetreuung sowie Bürokratie ist immens.“

Dazu kommt ein Impfstoffengpass. Astra Zeneca sei verfügbar, liege aber wie Blei. „Ich habe endlose Diskussionen mit Patienten.“ Grundsätzlich finde er es richtig, dass Hausärzte impfen dürfen, aber auf die Art, wie kommuniziert wurde, steuern Einzelarztpraxen auf den Kollaps zu. Hinzu kommt, dass viele Patienten von der Warteliste sich nicht mehr zurückmelden, wenn sie schon einen Impftermin haben oder hatten. Sein Fazit: „Die Aussage, die Impfzentren schließen zu wollen, ist das völlig falsche Signal.“ jku

Traudl Christ-Scherer und Brigitte Kess dokumentieren alles akribisch.

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