Biontech, meine Antikörper und ich

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Die Corona-Impfung ist laut Experten das beste Mittel im Kampf gegen die Pandemie. Redakteur Tobias Dambacher hat nach seiner vollständigen Impfung sein Blut auf Antikörper testen lassen. Grafik: Carmen Apprich
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Meine zweite Impfung mit Biontech ist nun fünf Wochen her und ich will es wissen: Was hat das Mittel mit meinem Immunsystem gemacht? Habe ich Antikörper?

Aalen

Meine erste Impfung am 1. April verlief weitgehend unspektakulär, auch wenn ich eigentlich auf AstraZeneca eingestellt war. Als ich gemäß Impfverordnung mich um einen Termin bemühen durfte, wartete ich, bis im Aalener Kreisimpfzentrum etwas frei wurde. Als Redakteur hatte ich mich seit Januar mit fast nichts anderem beschäftigt. In Artikeln erklärt, wie das KIZ funktioniert, führte unzählige Telefonate mit Leserinnen und Lesern, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlten: keine Termine, zu kompliziertes Buchungssystem mit E-Mail-Codes, PIN-Codes aufs Handy und eine ständige Überlastung der Systeme. Schließlich die Entdeckung, dass der Ostalbkreis aufgrund seiner Bevölkerungsgröße, mit nur einem KIZ und seiner geographischen Lage zu Beginn systematisch mit Impfstoff benachteiligt wurde.

Ende März, als ich an der Reihe war, funktionierte schon vieles besser. Innerhalb einer Woche konnte ich einen Termin mit AstraZeneca buchen. Am Tag vor meinem eigenen Termin musste ich über den Impfstopp mit AstraZeneca berichten. „Alle, die bereits einen Termin gebucht haben, sollen trotzdem ins Impfzentrum kommen“, schrieb ich damals nach einem Gespräch mit dem Landratsamt und folgte einen Tag später meiner eigenen Meldung.

So bekam ich an diesem Donnerstag, 1. April, die gelbe Aufklärungsmappe für AstraZeneca im Kreisimpfzentrum ausgehändigt und setzte mich in den gelben Bereich und blätterte durch die Informationen über Vektorimpfstoffe. Ungleich mehr war im roten Biontech-Bereich los, wo die Älteren warteten. Dann ging alles ganz schnell. Die freundliche Ärztin musterte mich und meine gelbe Mappe und stellte treffend fest: „Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie sehen nicht aus, als wären Sie über 60.“ - “Wir dürfen Sie eigentlich nicht mit Astra impfen.“ Ich bejahte und sagte, das hätte ich mir schon gedacht. Ob auch Biontech für mich in Ordnung sei. Ich willigte ein.

Als “Switcher“ Biontech statt Astra als Impfung

Noch immer mit dem Astra-Mäppchen in der Hand ging es in den Impfraum. „Wir haben einen Switcher!“, hieß es da – so bezeichnete man im KIZ die Astra-Bucher, die man nicht mehr damit impfen durfte. Dann ging es schnell: Ärmel hoch, Biontech-Spritze mit dem mRNA-Material rein, 15 Minuten warten und ab nach Hause. Eine echte Impfreaktion zeigte mein 38-jähriger Körper nicht.

Sechs Wochen später war das anders. Zwölf Stunden nach der zweiten Biontech-Ladung, gegen 23 Uhr, ging ich mit Schüttelfrost und einem Puls von 120 ins Bett. Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer 38 Grad. Ich fühlte mich krank. Am Nachmittag war wieder alles gut.

Antikörper reichen nicht als Nachweis für Genesene

War das die Impfreaktion? Fünf Wochen später bei meinem Hausarzt Dr. Peter Hamm in Aalen drückt mir die freundliche medizinische Fachangestellte am Empfang nach meinem Wunsch auf einen Antikörpertest zunächst ein Informationsblatt in die Hand. Denn es gibt ein Problem in Baden-Württemberg: Neben Geimpften kommen auch Genesene in den Genuss von Lockerungen, weil man davon ausgeht, dass auch ehemals Infizierte genügend neutralisierende Antikörper im Blut haben. Jedoch können Genesene ihren Status nur belegen, wenn ihre Infektion damals mit einem PCR-Test festgestellt wurde. Dieser muss mindestens 28 Tage alt sein, darf aber nicht länger als sechs Monate zurückliegen.

„Ein Antikörpertest gilt in Deutschland nicht als PCR-Ersatz“, erklärt mir später beim Arztgespräch auch Dr. Hamm. Viele denken, sie könnten mit genügend Antikörpern im Blut auch ohne Impfung den Genesenen-Status bekommen. Doch das ist derzeit nicht möglich. Ohnehin ist die Datenlage noch sehr dünn, wie lange man nach einer durchgemachten immun ist. Vermutet wird, dass der Schutz bei älteren Personen mit einem schwächeren Immunsystem nicht so stark und lange anhält, wie bei jungen und fitten Menschen. Deshalb empfiehlt das Robert Koch-Institut eine Coronaimpfung sechs Monate nach der Infektion. „Zusammenfassend erlauben daher aktuell die Ergebnisse von Antikörpertests keine verlässlichen Aussagen über den Schutz vor Covid-19. Auch mit positivem Antikörpertest – ohne PCR-Nachweis einer durchgemachten Infektion – kann daher nicht sicher von einer durchgemachten Sars-CoV-2-Infektion ausgegangen werden“, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Zwei Antikörpertests im Selbstversuch

Ich will es ganz genau wissen und lasse nicht nur einen herkömmlichen Antikörpertest machen, sondern auch gezielt nach neutralisierenden Antikörpern suchen. Denn allein die Anzahl der gebildeten Antikörper sagt noch nicht allzu viel über den tatsächlichen Schutz aus. “Maximal“, interpretiert Dr. Hamm den Wert meiner gebildeten Antikörper. Was so viel bedeutet, wie die Anzahl meiner Antikörper nach der Impfung geht über den messbaren Bereich hinaus.

Der zweite Test ist ein sogenannter „Surrogat-Neutralisationstest“. Das Verfahren ist noch relativ neu und kann feststellen, wie hoch die tatsächliche Schutzwirkung ist. Bislang konnten das nur Speziallabore feststellen, da dafür mit vermehrungsfähigen Viren gearbeitet werden musste. Die neuen Tests sollen ähnlich genau und etwas einfacher zu handhaben sein und benötigen kein Labor der zweithöchsten Sicherheitsstufe 3. Auch bei diesem Test ist das Ergebnis laut Dr. Hamm bei mir „maximal“.

Die Impfung hat also so funktioniert, wie sie soll. Trotzdem hält Dr. Hamm eine solche Untersuchung für Privatpersonen für nicht notwendig. „Das ist sinnvoll für Studien“, sagt er. Ansonsten könne man sich darauf verlassen, dass die Impfungen auch wirken. Wichtig sei, dass sich nun möglichst viele Menschen in kurzer Zeit impfen lassen. Dr. Hamm findet, dass es neben den Impfungen bei den Hausärzten auch weiterhin unbedingt die Impfzentren zur Entlastung der Ärzte benötige. „Wir sind am Anschlag“, sagt er.

Dennoch gibt es ungeklärte Fragen: Wie lange wirken die Antikörper? Eine Auffrischungsimpfung im kommenden Jahr hält Dr. Hamm für möglich. Doch auch ohne Antikörper kann der Körper noch eine Schutzwirkung aufbauen – über das sogenannte zelluläre Gedächtnis. Studien dazu laufen.

Ich beschließe, meine eigene Studie zu Recherchezwecken durchzuführen, und vereinbare mit Dr. Hamm einen zweiten Antikörpertest in vier bis fünf Monaten.

Impfungen und der Schutz gegen die Delta-Variante

Gute Nachrichten gibt es bezüglich der ansteckenden Delta-Variante, die in Deutschland schon 15 Prozent des Infektionsgeschehens ausmacht. Laut einer aktuellen Studie schützt der Impfstoff von AstraZeneca nach zwei Dosen zu 60 Prozent vor einer symptomatischen Erkrankung und der Impfstoff von Biontech zu 88 Prozent nach zwei Dosen. Vor einem schweren Verlauf schützen beide Impfstoffe nach zwei Dosen und einer gewissen Wartezeit zu mehr als 90 Prozent. Zu „Johnson&Johnson“ und Moderna gibt es noch keine abschließenden Studien.

Wir haben hier einen Switcher!“

Im Kreisimpfzentrum, über den Wechsel des Impfstoffs von Astra zu Biontech
Dr. Peter Hamm, Hausarzt in Aalen, hat die Testergebnisse mit Tobias Dambacher besprochen.

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