Bombenangriff auf Aalen: Wie Wilma Bickel den Fliegerangriff überlebte

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Wilma Bickel
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Eine der letzten Zeitzeuginnen des Fliegerangriffs auf Aalen berichtet.

Aalen. Morgen, Ostersonntag, ist der 17. April. Über den schweren Bombenangriff vor 77 Jahren wurde schon viel geschrieben. Aber nicht über eine Zeitzeugin wie Wilma Bickel. Nie hat sie öffentlich darüber gesprochen, was sie damals erlebt hat. Jetzt ist sie zum Gespräch bereit. Der Grund: „Der Krieg in der Ukraine hat mich so aufgewühlt, dass alles Verdrängte von damals bei mir wieder hochgekommen ist“, bekennt die jetzt 91-Jährige.

Wie hat Wilma Bickel diesen denkwürdigen Abend erlebt? „Wir wohnten zusammen mit vier Diakonissen ganz oben im evangelischen Gemeindehaus in der damaligen Olgasstraße (heute VR-Bank). Hier war meine Mutter, wie auch noch nach dem Krieg Hausmeisterin - unterstützt von meinem Vater Eugen Schwenk“. Der machte sich als überzeugter Sozialdemokrat mit dem SSV Aalen und als Sportkreisvorsitzender äußerst verdient.

„Nachdem die erste Bomberwelle das Gelände des ehemaligen Heereszeugamts (heute Mapal) verwüstet hatte, gingen wir hinaus auf die Straße, wo eine dicke schwarze Wolke den Himmel verdunkelte. Aufgeregt unterhielten wir uns mit den Nachbarn von gegenüber. Da donnerte die zweite Bomberwelle heran. Hand in Hand mit meiner Cousine Erika stürzten wir die Kellertreppe hinab – und wurden mitsamt einem großen Holzkoffer von der Druckwelle eines Bombeneinschlags in die Höhe geschleudert. Mit uns erlebten diese Hölle insgesamt 16 Personen, darunter vier Diakonissen und Leute, die von draußen im Keller Schutz suchten. Meine Mutter drückte uns Mädchen einen nassen Lappen auf den Mund, weil wir vor lauter Staub und Dreck kaum mehr Luft bekamen. Einer schrie dann: 'Nichts wie raus hier!'.“

Dort habe es verheerend ausgesehen, berichtet die 91-Jährige. „Vor uns ein riesiger Bombentrichter. Der Gemeindesaal war bis zum Bühnenvorhang weggerissen. Einen Meter weiter und auch vom Wohnhaus wäre nichts mehr übrig geblieben“.

Und gegenüber? „Kurz zuvor hatten wir mit dem Ehepaar Schwarz und ihren Mitbewohnern, dem Ehepaar Gruber noch auf der Straße gesprochen. Jetzt waren alle tot. Und was besonders tragisch war, auch deren Sohn, der als Frontsoldat gerade Heimaturlaub hatte. Das Wohnhaus war gleichfalls in dem großen Bombentrichter verschwunden. Traumatisiert rannten wir jetzt alle rüber in den Keller des Hotel Olga.“

Wilma Bickel berichtet weiter: „Noch in der Nacht hatte Pfarrer Eßlinger nach uns geschaut und uns ins Bürgerspital gebracht. Anderntags kam dann unser Onkel. Der führte uns aufs Mädle, wo er wohnte. An einer Panzersperre vor dem heutigen Waldcafé wurden wir aber zunächst von der SS aufgehalten. Im Mädle hörten wir später den Beschuss der Panzer auf die Stadt – vom Sandberg aus.“

Nach mehreren Wochen wurden Wilma und ihre Eltern sehr beengt in ein kleineres Häuschen in der Bahnhofsstraße eingewiesen. „Nachdem mein Mann Willy aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, wurde im Hüttfeld ein eigenes Haus bezogen. Willy war wie ich im Fernmeldeamt tätig und starb 89-jährig“.

Wilma sang 40 Jahre lang im Chor der Stadtkirche. Ein Sohn lebt als Professor in den USA, die Tochter als Studiendirektorin im Oberland. Die ganze Freude der Oma sind sieben Enkelkinder.

Erwin Hafner

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Bomben auf das Aalener Bahnhofsgelände: Als die Menschen in der Stadt am 17. April 1945 auf einen ruhigen Dienstagabend hoffen, kommt es knüppeldick: In zwei Wellen greifen Mittelstreckenbomber der US-Luftstreitkräfte das Heereszeugamt und die Anlagen des Bahnhofs an.

Experten entschärfen die Fliegerbombe in 35 Minuten: Ralf Vendel und Kollegen vom Kampfmittelbeseitigungsdienst entfernen die Zünder. Besonderes Lob gibt es für Baggerfahrer Gerhard Schips.

So lief die Evakuierung, bevor die Bombe entschärft wurde: Hunderte Ehrenamtliche sind am Samstagvormittag überall in der Stadt in verschiedenen Lagezentren im Einsatz. Wie sie sich um die Sicherheit der Bevölkerung kümmern.

Gottesdienst in Aalen

Die evangelische Kirchengemeinde lädt zum Auferstehungsgottesdienst auf dem Friedhof St. Johann hinter der Kirche. Beginn ist am Ostersonntag um 7 Uhr. Den Gottesdienst hält Pfarrer Bernhard Richter, die musikalische Gestaltung übernimmt der Posaunenchor des CVJM Aalen, geleitet von Wolfgang Böttiger. Da der Ostersonntag auf den 17. April fällt, dem Tag des Bombenangriffs auf Aalen 1945, wird das Gedenken an diesen Tag zum Gottesdienst gehören.

Wilma Bickel
Der große Bombentrichter vor dem bis zur Bühne weggerissenen Saal des ev. Gemeindehauses. Das Wohnhaus wurde gerade noch verschont.

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