Breymaier: „Man kauft keine Frauen. Punkt!“

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Das Kino am Kocher war zur Filmpremiere ausverkauft.
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Kino am Kocher: Die SPD-Bundestagsabgeordnete kämpft mit einem Film für eine neue Prostitutionsgesetzgebung. Wie das Publikum diskutiert.

Aalen

Ist Prostitution ein Job wie jeder andere? Machen die Frauen das freiwillig? Welche Folgen hat Deutschlands liberale Gesetzgebung in diesem Bereich? Die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier kämpft dafür, dass Deutschland das sogenannte Nordische Modell einführt. Einer der Anstöße dazu sei kurz nach ihrer ersten Wahl von Marietta Hageney, der Leiterin der Solwodi-Beratungsstelle in Aalen gekommen, erzählt sie vor Publikum im vollbesetzten Kino am Kocher. Tief eingearbeitet habe sie sich in das Thema. Jetzt hat sie einen Film dazu drehen lassen, jetzt also die Premiere.

Keine Bilder aus Bordellen oder von Prostituierten, Breymaier setzt ausschließlich auf die Kraft der Fakten und Argumente, auf sachliche Information. In der rund 60-minütigen Dokumentation „Freier Wille“ befragt sie Experten, die das Rotlichtmilieu und den gesellschaftlichen Kontext veranschaulichen.

Sandra Norak: Sie prostituierte sich jahrelang, schaffte dann den Ausstieg. Heute ist sie diplomierte Juristin, schildert im Film die Opferperspektive und wie Frauen in die Prostitution rutschen: Häufig, indem Männer ihnen Liebe vorgaukeln, um sie psychisch abhängig machen. Und um sie schließlich unter Druck zu setzen, ihren Körper zu verkaufen, um dem „Liebsten“ aus einer vermeintlichen finanziellen Notlage zu helfen.

Das angeblich selbstbestimmte Arbeiten in der Prostitution

Helmut Sporer, Oberkriminalrat a.D., leitete 17 Jahre in Augsburg das Kommissariat für organisierte Kriminalität, war maßgeblich beteiligt an den Ermittlungen, die zum sogenannten Paradise-Prozess und Haft für den Stuttgarter Bordellbetreiber Jürgen Rudloff führten. Er nennt Prostitution „Sklavenarbeit“. Das System würde nicht funktionieren ohne ein ausgebautes Netz von Menschenhändlern. Etwa 90 Prozent der Frauen, die in Bordellen arbeiteten, kämen aus Osteuropa, würden systematisch ausgebeutet von Zuhältern, Bordellbetreibern, Schleppern.

Brigitte Schmid-Hagenmeyer: Die Psychotherapeutin arbeitet als Traumatherapeutin mit Betroffenen. Die Frauen hätten häufig massiv Gewalt oder Missbrauch in Kindheit und Jugend erlebt und ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Von „besonders viel Lust auf Sex“ oder gar selbstbestimmtem Arbeiten könne nicht die Rede sein: „Hier geht es nicht darum, was die Frau will, sondern der Freier bestimmt. Sie ist das Objekt. Zu sagen, Sexarbeit ist freiwillig, das ist aus klinischer Sicht zynisch.“

Als Gynäkologe, der viele Prostituierte behandelt, schildert Wolfgang Heide die schmerzhaften physischen Folgen der Prostitution. Die meisten Frauen hätten keine Krankenversicherung.

Sozialarbeiter Gerhard Schönborn erläutert am Beispiel Berlin, Kurfürstenstraße, die brutalen Regeln des Straßenstrichs, der dort fest in ungarischer Zuhälterhand sei. Abkassieren würden die Männer, die Frauen könnten sich keine Wohnung leisten, viele seien obdachlos. Er zeigt die toilettenhäuschenartigen „Verrichtungsboxen“, aufgestellt vom zuständigen Bezirksamt, in der Hoffnung, dass der Geschlechtsakt nicht mehr hinter Büschen oder in Hauseingängen stattfindet.

„Ich bin fassungslos!“, ruft eine Zuschauerin in der anschließenden Fragerunde, zu der Brigitte Schmid-Hagenmeyer und Helmut Sporer ins Kino am Kocher gekommen sind. Auf Nachfrage legen beide dar, dass Prostitution ein Milliardengeschäft sei, an dem auf Kosten der Frauen Viele verdienten: vom Wohnungsvermieter bis zum Menschenhändler. Werde dagegen Sexkauf verboten („Nordisches Modell“), würde dies das System „austrocknen“. Sporer: „Da richtet sich die Strafverfolgung gegen die Freier. Es gibt dann weniger Opfer.“ Leider seien Verbote gerade „out in unserer Gesellschaft“, ergänzt Schmid-Hagenmeyer.

Kritik am Frauenbild in den sozialen Medien

Aus der Besucherrunde wird die Forderung nach systematischen staatlichen Ausstiegshilfen aus der Prostitution wie Jobs und Wohnung laut. In mehreren Beiträgen wird das Frauenbild angesprochen, das in den sozialen Medien, vor allem aber in Pornofilmen vermittelt werde. Es suggeriere gerade jungen Menschen, Frauen seien eine Ware, Prostitution sei „eine Dienstleistung wie Fußpflege“, und stehe damit in diametralem Gegensatz zum Kampf um Geschlechtergerechtigkeit, kritisiert Breymaier. Unter Beifall des Publikums – fast ausschließlich Frauen – fordert sie: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Haltung zur Prostitution. Man kauft keine Frauen. Punkt!“

Als Kooperationspartnerinnen des Abends reichten die Aalener Soroptimistinnen gratis Sekt, einen Imbiss und warben um Spenden für ein Kinderheim in der Ukraine, das vom Krieg betroffene Kinder aufnimmt. Auch das Kino am Kocher spendete drei Euro von jeder Eintrittskarte für das Projekt. Der Film wird auf YouTube eingestellt. Kamera u. Schnitt: Samuel Kleine

Im Kino am Kocher: v.l. Leni Breymaier, Brigitte Schmid-Hagenmeyer, SI-Präsidentin Andrea Stockhammer, Kriminaloberrat a.D. Helmut Sporer, Marietta Hageney (Solwodi-Beratungsstelle).

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