Chaos um Impfanmeldungen

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800 Impfungen am Tag wären im Kreisimpfzentrum in Aalen möglich – davon ist man noch weit entfernt.
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Widersprüchliche Aussagen an der Hotline, Fehler auf der Buchungswebseite und nur 30 Termine pro Tag frustrieren Impfwillige.

Aalen

Die Impfterminvergabe gleicht aktuell einer Lotterie und das aus mehreren Gründen. Als am Dienstag das Landratsamt in einer Pressemitteilung um 17.16 Uhr ankündigte, weitere Impftermine seien "ab sofort" buchbar, waren sie vermutlich innerhalb der ersten Stunde auch schon wieder weg.

Ein Test der Redaktion über die Buchungswebseite bereits kurz nach 18 Uhr bestätigte: keine freien Termine. Viele vermuteten einen Fehler, doch vonseiten des Landratsamts bestätigt Pressereferentin Susanne Dietterle, dass "sehr wohl Termine buchbar" gewesen seien. Insgesamt 120, aufgeteilt auf vier Tage. Kurz vor dem Versand der Pressemitteilung seien alle Termine vom Landratsamt auf die Plattform der Kassenärztlichen Vereinigung eingepflegt worden. Ab diesem Zeitpunkt seien die Termine für den 12., 15., 16. und 17. Februar sichtbar gewesen. Auch für die Callcenter-Mitarbeiter der Hotline 116117.

Eingepflegt hat das Landratsamt allerdings Termine bis einschließlich 6. April, so Dietterle. Sichtbar sind auf der Webseite immer nur Termine für die nächsten drei Wochen. Das bedeutet, am Donnerstag, 28. Januar, sind 30 Termine für Donnerstag, 18. Februar, sicht- und buchbar. Am Freitag, 29. Januar, dann die 30 Termine für Freitag, 19. Februar. Und in der kommenden Woche geht es so weiter.

"Das ganze Prozedere für die Terminvergabe ist aus unserer Sicht so auf Dauer nicht praktikabel", sagt Dietterle. Dieser Anmeldeprozess bedeutet also für die höchste Risikogruppe der etwa 20 000 über 80-Jährigen im Ostalbkreis, es jeden Tag aufs Neue zu versuchen und täglich um 30 Termine zu konkurrieren.

"Wir können aber im Ostalbkreis nichts daran ändern, weil dies eine Vorgabe des Sozialministeriums ist und zentral gesteuert wird", sagt sie. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die die Telefonnummer und die Website verantworte, müsse aus Sicht des Landratsamts dringend nachjustieren. Es sei zwar ein Update angekündigt, doch auch im Landratsamt wisse man über die geplanten Änderungen nicht Bescheid. Die KV verhalte sich wenig kooperativ.

Unmut gibt es auch über die Hotline. Leser berichten der Redaktion von widersprüchlichen Aussagen. So auch am Dienstagabend. Sie erhielten am Telefon die – falsche! – Auskunft, dass es sich bei der Ankündigung von freien Terminen um einen Fehler handele. Probleme bei der Qualität der Hotline sind auch im Landratsamt bekannt. "Nach unserem Eindruck werden dort sehr viele unzutreffende Informationen telefonisch weitergegeben – angefangen von Wartelisten, die es nicht gibt, bis hin zu Terminen, die vermeintlich nicht existieren", sagt Dietterle. Wie die KV ihre Callcenter-Mitarbeiter schule, wisse man nicht.

Das ganze Prozedere für die Terminvergabe ist aus unserer Sicht nicht praktikabel.

Susanne Dietterle Pressereferentin im Landratsamt

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg verweist Pressesprecher Kai Sonntag darauf, dass dies ein bundesweites Portal sei. Es gebe Überlegungen, daran etwas zu ändern, doch er wisse nicht, ob und wann dies passiere. Die Verantwortung der Hotline schiebt er in Richtung Land und teilt mit: "Für die Anrufe auf der 116117 im Zusammenhang mit den Impfterminen ist ein externes Callcenter zuständig, das vom Land beauftragt ist. Wir haben keinen Einfluss auf die Auskünfte, die von dort gegeben werden."

Doch auch die wenigen Glücklichen, die nach SMS-Pin und E-Mail-Code einen freien Termin angezeigt bekommen, sind noch nicht am Ziel. Das berichtet Doris Weber, die für drei Senioren versuchte, Termine zu bekommen. "Sie haben ja keine eigene E-Mail-Adresse", erklärt sie. Allerdings sei es so gewesen, dass sie den angezeigten freien Termin am Ende doch nicht buchen konnte. "Bis ich Name und Adresse eingegeben hatte, war er nicht mehr verfügbar", sagt sie. Im Gegensatz zur Buchung von beispielsweise Kinokarten, bei der die gewählten Plätze während des Buchungsprozesses für einige Minuten gesperrt werden, können also mehrere Personen gleichzeitig ein und denselben Impftermin auswählen – es gewinnt der Schnellste.

Außerdem konnte sie den Verifikationscode, den sie per Mail erhalten hatte, nicht für ein anderes Kreisimpfzentrum verwenden. Als Aalen belegt war, wollte sie in Heidenheim buchen. Doch dafür musste sie erneut den Prozess durchlaufen. "Mit der gleichen E-Mail-Adresse konnte ich nur zwei Codes anfordern", sagt sie. Auf den dritten Code für die dritte Person musste sie einen Tag warten – oder hätte eine andere E-Mail-Adresse verwenden müssen.

Ein Leser kommentiert: "Die Chance im Lotto zu gewinnen, erscheint mir höher, als einen Impftermin zu erhalten."

Unterstützung in Schorndorf

Ein Blick in den Rems-Murr-Kreis, wo man die schwierige Anmeldeprozedur ebenfalls erkannt hat. Wer sich die Anmeldung nicht selbst zutraut, erhält in Schorndorf Unterstützung über das Familienzentrum. Mitarbeiterinnen nehmen die Kontaktdaten der Schorndorfer auf und leiten diese an Mentoren weiter, die sich dann um einen Termin bemühen.

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