Corona-Erkrankte aus Aalen helfen sich gegenseitig

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Elfriede Thierfelder gründet eine Long-Covid-Selbsthilfegruppe.
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Elfriede Thierfelder, die selbst an Long-Covid leidet, initiiert in Aalen ein regelmäßiges Treffen für von Corona betroffene Menschen und deren Angehörige. Start ist am 23. September.

Aalen. Wer an Covid-19 erkrankt, trägt oft ein schweres Bündel. Quarantäne und Isolierung, die Angst vor der Krankheit, einem Klinikaufenthalt und ihren Langzeitfolgen. „Das hat Folgen – für die Kranken selbst aber auch für deren Angehörige. Elfriede Thierfelder, die selbst an Corona erkrankt ist, und deren Mann Klaus an den Folgen von Covid-19 gestorben ist, gründet jetzt in Aalen eine Selbsthilfegruppe für Betroffene und deren Angehörige. Das erste Treffen ist für Donnerstag, 23. September, um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Aalen geplant. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Es ist eine lange Leidensgeschichte, die Elfriede Thierfelder hinter sich hat und die sie inspirierte, ein Forum zu schaffen, in dem sich Menschen austauschen können, wo sie sich treffen, um über ihr Leiden zu sprechen und bei Leidensgenossen auf Verständnis stoßen. Die Selbsthilfegruppe soll aber auch Ort sein für jene, die Covid-Patienten begleitet haben und begleiten. „Es soll eine Möglichkeit entstehen, für all jene, die viel Kraft brauchen und Gesprächspartnerinnen und -partner suchen“, sagt die Initiatorin und selbst Betroffene.

Elfriede Thierfelder und ihr Mann Klaus sind unter den Ersten, die in Aalen im vergangenen Jahr an Corona erkrankten. „Ich weiß bis heute nicht, wo wir uns angesteckt haben“, sagt die diplomierte Sozialpädagogin und erzählt ihr eigenes Schicksal und das ihres Mannes, der als engagierter Pfarrer in und um Aalen bekannt ist.

Sowohl Elfriede wie auch Klaus müssen in die Klinik. Der Verlauf ist ernst. „Ich lag sechs Tage mit einer Lungenentzündung auf der normalen Corona-Station“, erinnert die heute 75-jährige Elfriede Thierfelder. Dann wird sie nach Hause entlassen. 14 Tage Quarantäne in der eigenen Wohnung. Indessen geht es Klaus immer schlechter. Er liegt isoliert auf der Intensivstation, wird beatmet. „Ich fühlte mich so hilflos“, sagt sie. Eingesperrt, ohne persönlichen Kontakt zu nahe stehenden Menschen und ohne die Möglichkeit, ihrem Mann in diesen schweren Stunden beistehen zu können. „Das war unendlich hart und nahezu unerträglich“, kommentiert sie die Situation. Am 23. April vergangenen Jahres stirbt Pfarrer Klaus Thierfelder an den Folgen der Covid-19-Erkrankung. Erst am letzten Tag seines Lebens kann Elfriede ihn noch einmal besuchen.

Das nimmt sie psychisch enorm mit. „Wenn ich nicht gute Freunde gehabt hätte, hätte ich das nicht überwinden können“, sagt sie. Denn hinzu kommt, dass sie selbst unter den Langzeitfolgen von Covid-19 leidet. Der 75-Jährigen fehlen der Geschmacks- und der Geruchssinn. Sie hat Wortfindungsstörungen. „Ich habe mich ganz lange, ganz schwer getan“, erklärt Elfriede.

Vier Wochen Reha helfen ihr weiter. Das Bewusstsein wächst, dass sie nicht alleine mit ihren bitteren Erfahrungen ist. „Ich habe das Erlebte aufgearbeitet und erkannt, anderen geht es genauso.“ Es gehe darum, sich gegenseitig zu stützen. Dafür habe auch der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, appelliert. „Ein Ansporn für mich“, sagt Elfriede dazu und fügt an: „Ich habe mich lange mit dem Gedanken an eine Selbsthilfegruppe befasst“, sagt die 75-Jährige. Sie habe sich mit Doris Klein von der Familienbildungsstätte ausgetauscht. Die FBS sein nun als Veranstalter mit im Boot. „Das mit den Worten ist mittlerweile besser“, stellt Elfriede fest. Nun gelte es, sich bei den künftigen Treffen mit Worten gegenseitig zu stützen.

Ich habe das Erlebte aufgearbeitet und erkannt, anderen geht es genauso.“

Elfriede Thierfelder, Initiatorin einer Selbsthilfegruppe
  • Was Sie über Long-Covid wissen sollten
  • Als häufigste Langzeitfolge einer Covid-Erkrankung nennt Dr. Stefan Gölder, Chefarzt der Inneren Medizin I am Ostalb-Klinikum, das sogenannte Fatigue-Syndrom, mit schneller Erschöpfung, Abgeschlagenheit und Müdigkeit. Etwas seltener, so der Chefarzt, seien Gelenkschmerzen oder der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Fest stehe, dass jeder zweite schwer Erkrankte auch Langzeitfolgen habe.
  • Aktuell seinen vor allem Erwachsene von „Long-Covid“ betroffen. Für Kinder fehlen laut Dr. Gölder noch ausreichend verlässliche Daten.
  • Als Ursache nennt der Mediziner eine „anhaltende Reaktion des Immunsystems“, das sich in der Folge nicht gegen den Virus, sondern den Körper selbst richte. Deshalb seien auch verschiedene stellen im Körper von den Spätfolgen betroffen.
  • Die einzige Hilfe gegen Long Covid sei, so Stefan Gölder, sich impfen zu lassen. „Das belegen Zahlen einer kalifornischen Studie“.
  • Kennenlernabend Selbsthilfegruppe: Donnerstag, 23. September, 19.30 Uhr, evangelisches Gemeindehaus Friedhofstraße. aki
Long Covid – die häufigsten Symptome

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