Corona fährt im Kopf immer mit

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Marc Lerch (l.) ist seit sechs Jahren im Rettungsdienst und macht derzeit seine Ausbildung zum Notfallsanitäter. Alexander Gänßler (r.) leitet als Notfallsanitäter die Aalener Rettungswache der Malteser.
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Alexander Gänßler ist im Rettungsdienst bei den Aalener Maltesern Notfalleinsätze gewohnt. Doch die Coronalage ist auch für ihn und seine Kollegen seit einem Jahr eine Extremsituation.

Aalen

Der Melder am Gürtel der Einsatzkleidung von Notfallsanitäter Alexander Gänßler piepst um 7.50 Uhr das erste Mal in dieser Schicht. "Stoffwechsel", sagt er, "das kann alles sein.” Um 7 Uhr hat seine Tagschicht begonnen. Seit 15 Jahren ist er im Rettungsdienst, mittlerweile als Leiter der Rettungswache der Aalener Malteser. Der Alarm jetzt – wie immer kann es akut um Menschenleben gehen. Vielleicht ist es auch nicht so schlimm. Das wissen die Rettungsdienstler erst, wenn sie vor Ort sind. Routiniert machen sie sich auf der Rettungswache im Pelzwasen fertig.

Zügig, ohne Hektik. Innerhalb einer Minute ist der Rettungswagen 5/83-2 besetzt. Eine rollende Intensivstation. Beatmungsgerät, Sauerstoffanschluss, Medikamente, EKG, eine neigbare Trage und vieles mehr immer dabei. Mit Blaulicht und Sirene geht es auf die Alte Heidenheimer Straße in Richtung Unterkochen auf die Bundesstraße. Routiniert – und doch ist etwas anders. Corona fährt im Kopf immer mit.

"Meine Oma habe ich ein Jahr nicht gesehen”, sagt der 33-Jährige. Zu groß die Sorge, sie anzustecken. Relativ früh sei er bereits mit FFP-Maske Einsätze gefahren. Zu einer Zeit, als Schutzausrüstung noch knapp und ungewohnt war. "Anfangs wurde ich wegen der Maske oft auch belächelt”, erinnert er sich. Auch Freunde hat er so gut wie keine mehr getroffen. Zum einen sei es die Angst, jemanden unwissentlich anzustecken, aber auch die Angst, selbst angesteckt zu werden. Auf der Rettungswache gilt Maskenpflicht, im Rettungswagen und bei Einsätzen mindestens FFP2-Standard.

Sein Kollege ist heute der 24-jährige Rettungssanitäter Marc Lerch, der aktuell eine Ausbildung zum Notfallsanitäter macht. Lerch fährt den Rettungswagen auf der B19 in Richtung Oberkochen zügig durch den dichten Verkehr. Nicht alle machen sofort Platz. Mit einem Fußpedal schaltet er das lautere Pressluftsignal hinzu. Einigen Lkw-Fahrern, die nicht reagieren, gibt er zusätzlich Lichthupe. Gekonnt schlängelt er sich durch. Gegenverkehr, Lastwagen, die selbst kaum Platz zum Ausweichen haben.

Innerhalb von 15 Minuten sollen sie spätestens am Einsatzort sein, lautet die Vorschrift. Diesmal schaffen sie es in zehn. Gänßler reißt die hintere Wagentür auf. Eine Extra-Tasche kommt seit Corona immer mit. Sie enthält zusätzliche Einmal-Schutzkleidung, die sie bei einem Verdachtsfall schnell überstreifen und später entsorgen können.

Als es mit Corona vor einem Jahr anfing, sei es sehr hart gewesen, erzählt Gänßler. "Es gab Tage, da habe ich die Lust verloren, zu arbeiten”, sagt er. Er selbst habe auf so viel verzichtet, während das anfangs viele noch nicht taten. Und dann immer das Risiko, sich selbst anzustecken.

Die Notaufnahme sei voll gewesen. "In jedem Zimmer ausschließlich Patienten mit Atemnot, so etwas habe ich noch nie erlebt", beschreibt er die Situation. Auch kurz vor Weihnachten war die Lage extrem angespannt. "Fast alle unsere Patienten waren ein Corona-Verdachtsfall", erzählt Gänßler. In einem anderen Landkreis musste er mit einem lebensbedrohlichen Notfall an Bord in dieser Zeit mehrere Krankenhäuser abtelefonieren, bis er für seinen Patienten noch einen Platz fand. Jeden Morgen nach dem Aufstehen misst er seine Temperatur und notiert die Werte. Seit einem Jahr.

"Bitte setzen Sie die Maske auf", spricht Gänßler den Patienten an und reicht ihm eine hellblaue Einmalmaske. Anschließend hält er ihm ein Fieberthermometer ans Ohr und misst seine Temperatur. Auch das seit Corona: Routine.

Manchmal verschweigen Patienten Symptome

Nicht immer berichten Patienten wahrheitsgemäß. Zu groß sei häufig ihre – unbegründete – Angst, bei Coronasymptomen oder Quarantäne nicht behandelt zu werden. Oder ins Krankenhaus zu müssen, wo sie eine Ansteckung befürchten. Das macht es dann dem Rettungsdienst besonders schwer, das eigene Risiko abzuschätzen.

In jedem Zimmer in der Notaufnahme Patienten mit Atemnot, so etwas habe ich noch nie erlebt.

Alexander Gänßler Notfallsanitäter bei den Maltesern

Im Zimmer des Patienten herrscht große Unordnung. Tabletten und Nadeln liegen auf dem Tisch. Der Mann mittleren Alters liegt im Bett, kann aber sprechen und später sogar aufstehen. Sein Blutzucker liegt bei über 300 im kritischen Bereich. Der Pflegedienst hat deshalb den Notruf abgesetzt.

Allerdings: Ins Krankenhaus will er nicht und sein Zustand ist nicht lebensbedrohlich. Der Patient zündet sich jetzt eine Zigarette an, Gänßler bittet ihn, das zu unterlassen. Gegen seinen Willen dürfen sie ihn nicht mitnehmen. Das besprechen sie auch mit dem gesetzlich bestellten Betreuer am Telefon. Eher ein menschlicher als ein medizinischer Notfall. Auch das: Alltag.

Zeit für eine Pause bleibt nicht. Direkt der nächste Einsatz. Eine Jugendliche ist mit Atemnot zusammengebrochen. Unweigerlich ist das Corona-Thema wieder im Kopf. Doch vor Ort ist schnell klar: kein Fieber, keine Kontaktpersonen. Trotzdem soll auch sie eine medizinische Maske aufsetzen. Die Schutzanzüge bleiben in der Tasche. Beruhigend redet Alexander Gänßler auf das Mädchen ein. Die beiden Rettungskräfte messen den Blutdruck. Der 16-Jährigen geht viel durch den Kopf, private Probleme, Stress ist ein großes Thema.

Corona ist auch für junge Menschen eine Ausnahmesituation. Sicherheitshalber kommt sie in die Notaufnahme zum Durchchecken. Auf einem der Zimmer steht in Großbuchstaben: Covid. Eine Mitarbeiterin in Schutzkleidung schiebt gerade einen Patienten mit Maske in das Zimmer. Corona – auch auf der Notaufnahme immer noch allgegenwärtig.

Im Rettungsdienst hatten sie bislang Glück, erzählt Alexander Gänßler. "Wir hatten noch keinen Coronafall im eigenen Team", sagt er.

Mittlerweile seien viele seiner Kollegen bereits geimpft. Auch Gänßler hatte schon die zweite Dosis des Biontech-Impfstoffs erhalten. Seitdem hat die Angst nachgelassen. "Ich bin deutlich entspannter", sagt er.

Fünf Tage nach der Impfung ist er allerdings mit 40 Grad Fieber aufgewacht. Gedanken schwirren ihm durch den Kopf. Ein paar Tage zuvor hat er einen Covid-Patienten reanimiert. "Ich dachte: jetzt habe ich es!", erzählt er. Sofort hat er seine Eltern angerufen, sie vorsorglich informiert. Seine Kollegen haben ihm von der Rettungswache ein Abstrichset in den Briefkasten geworfen. Jeder Rettungsdienst-Mitarbeiter, der sich testen lassen möchte, kann das immer tun. Das Ergebnis war negativ.

Sechs Stunden später war das Fieber wieder weg. Vermutlich eine Impfreaktion. "Aber da ging mir schon kurz die Düse", erzählt er. Corona – immer allgegenwärtig.

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