Corona-Notbremse ab Donnerstag

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Verstärkt Tests an Schulen, Präsenz-Ostergottesdienste sind fraglich, keine Perspektive für Wirte, auch Biergärten müssen zu bleiben und der Handel in der verwaisten Innenstadt wird nun in den "Click & Collect"-Modus geschickt. Collage: bo
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Diffuses Infektionsgeschehen und Inzidenzzahl stabil über 100: Der Landkreis setzt mit neuer Verordnung die Vorgaben des Landes um – was Handel, Gastronomie und Kirchen frustriert.

Aalen

Keine Corona-Entspannung. Für Ministerpräsident Kretschmann steckt das Land wegen der Mutante gar in einer völlig neuen Pandemie. An Lockerungen sei daher nicht zu denken, im Gegenteil. Die Kontaktbeschränkungen werden verschärft, Osterfeste in der Großfamilie verboten. Die "Notbremse" muss in allen Kreisen gezogen werden, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz drei Tage lang über 100 liegt. Das ist im Kreis der Fall, weshalb Landrat Dr. Joachim Bläse keine Wahl hatte, als am Dienstag eine schärfere Verordnung zu erlassen.

Diese ändert ab Donnerstag, 25. März, Folgendes:

Kontakte: Private Zusammenkünfte sind nur gestattet, wenn sich diese aus Angehörigen eines Haushalts und höchstens einer weiteren Person eines anderen Haushalts zusammensetzen; Kinder bis einschließlich 14 Jahre zählen dabei nicht mit.

Kultur: Museen und Galerien bleiben zu; in Musik-, Kunst- und Jugendkunstschulen ist nur Onlineunterricht zulässig.

Sport: Die Nutzung von Sportanlagen ist untersagt, außer auf weitläufigen Außenanlagen für Gruppen aus einem Haushalt und einer weiteren Person.

Körper: Kosmetik-, Nagel-, Massage-, Tattoo-, Sonnen- und Piercingstudios und kosmetische Fußpflegeeinrichtungen sind zu. Physio- und Ergotherapie, Logopädie, Podologie und Fußpflege bleiben erlaubt.

Kindertagesstätten: Beim Umgang mit Kindertagesstätten bleibt die Kreisverwaltung zögerlich. Am Mittwochabend hat der Landrat in einer Video-Konferenz mit Ostalb-Bürgermeistern dieses Problem gemeinsam erörtert. Ergebnisse lagen bis Redaktionsschluss nicht vor.

Schulen: An den Schulen läuft zunächst alles weiter, wie gehabt. Doch nun wird mehr getestet: Wie Stadtsprecher Sascha Kurz sagt, habe die Stadt 5000 Selbsttests besorgt, die für eine erste Testung in der laufenden Woche an die Schulen verteilt wurden. "Präsenzschüler, Schulpersonal und Lehrkräfte können sich auf freiwilliger Basis noch in dieser Woche testen. Der Abstrich wird im vorderen Nasenbereich vollzogen. Dazu wurden Vertreter aller 15 Aalener Schulen vom DRK geschult." Weitere 5000 Testkits habe die Stadt über den Landkreis geordert. "Damit wird eine erneute Testung vor Ostern in KW 13 möglich. Diese sollen bis Freitag vorhanden sein und an Schulen verteilt werden", informiert Kurz. Der Gesamtelternbeirat plädiere dafür, Schulen freizustellen, ob zuhause oder vor Schulbeginn in der Schule getestet wird. Vor allem Grundschüler sollen zuhause testen können. Für beide Methoden gebe es Argumente, das Land habe hier nichts festgelegt.

Nach Ostern soll die Landes-Teststrategie greifen. Zugesagt sei, dass eine erste Lieferung von Schnelltests den Bedarf bis zum 24. April decken soll (KW 15/16). "Diese ist bislang noch nicht bei uns eingetroffen.", sagt Kurz.

Gastronomie: Die Gastronomie bleibt bis 18. April zu. Die Hoffnung auf Biergärten ist verpufft. "Wir sind mehr als am Boden zerstört", sagt der stellvertretende Dehoga-Vorsitzende Martin Hald. "Unsere Branche wurde von der Regierung heruntergefahren, seit sieben Monaten. Wir erwarten Lösungen und Perspektiven und keine Vertröstungen", sagt der Chef im Ellwanger Landgasthof "Hirsch". Gastronomie sei die Hygienebranche schlechthin, lange vor Corona. "Anderswo gibt es null Kontrolle und die Leute drängeln sich, das versteht doch keiner mehr", ist Hald wütend. Statt unter Einhaltung der Regeln im Lokal, würden nun eben viele daheim gemeinsam zu Ostern essen. Viele in der Branche stünden vor dem Aus. Alle seien frustriert.

Handel: Ab Donnerstag ist statt "Click & Meet" nur noch "Click & Collect", also die Abholung bestellter Ware, gestattet. Er bedauere es sehr, diesen Schritt gehen zu müssen, sagt der Landrat. Er habe sich gerade hier eine günstigere und einheitliche Regelung der Bund-Länder-Konferenz erhofft. "Die Stimmungslage reicht von Verzweiflung bis Depression", berichtet City-Manager Reinhard Skusa. Händler hätten alles richtig gemacht, hätten Hygienekonzepte und müssten nun trotzdem wieder schließen. Das Ostergeschäft sei nach Weihnachten wichtigster Faktor im Jahresumsatz. "Bitter", sagt Skusa. Aber: Aalen werde sich erholen, ist er sicher. "Als nun wieder geöffnet war, hat man gesehen, wie froh die Menschen waren, die hätten ihren Händler am liebsten umarmt. Sobald die Gastronomie wieder öffnen kann, wird Aalen rasch wieder als Einkaufsstadt erstarken", ist er sicher.

Helfen werde die Stadt mit einem neuen Projekt: Schaufenster-Shopping wird digitalisiert. "Das ist deutschlandweit ein Pilot, den wir am Freitag präsentieren", kündigt Skusa an.

Gottesdienste: "Ich gehe davon aus, dass Präsenzgottesdienste über Ostern stattfinden können", verweist der evangelische Dekan Ralf Drescher auf eine Stellungnahme "seiner" Kirchenleitung. Dort heißt es: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehen wir keine Notwendigkeit, unsere strengen, bewährten und nachhaltigen Regelungen für Präsenzgottesdienste zu ändern. Diese orientieren sich an regionalen Inzidenzen und sehen eine Absage von Präsenzgottesdiensten erst ab einer Inzidenz von 300/100 000 Einwohner vor."

Der Vorschlag der Bund-Länder-Konferenz habe ihn sehr erstaunt, sagt der katholische Dekan Robert Kloker. Karfreitag und Ostern seien die wichtigsten Feste der Christenheit. Es mache betroffen, dass sich die Politik gerade diese fünf Tage für einen harten Mini-Lockdown aussuche. Auch er sieht keine Notwendigkeit, anbetracht bewährter Konzepte Präsenzgottesdienste nun nicht zu feiern.

Landrat und OB: "Nun bleibt uns allen gemeinsam nur, nach vorne zu schauen und die Kontakte noch mehr einzuschränken, damit wir schnell mindestens unter die Marke 100 kommen. Helfen Sie bitte alle mit, dass Selbstständige im Einzelhandel und bald auch Gastronomen eine Öffnungsperspektive haben", appelliert der Landrat.

"Wir sind an einem Tiefpunkt in den Bemühungen des Staates bei der Pandemieeindämmung angekommen. Durch die sich häufenden und ausufernden Beschlüsse und Verordnungen verliert sich der Staat in schwer nachvollziehbaren Regularien und wird so geschwächt", sagt OB Thilo Rentschler. Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, sei Eigenverantwortung und mündiges Verhalten gefragt. "Auf Grundlage der AHA-Regeln, unterstützt durch eine einheitliche Teststrategie und viele und rasche Impfungen."

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