Corona-Strategien fürs Trommelfell

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Josoa Kohn, alias Dr.ums, hat mit seiner Schlagzeugschule schwere Zeiten überstanden. Neue Ideen sollen neue Kundschaft bringen hofft er, wie viele andere private Musikschulen.
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Private Musikschulen stehen wegen Corona mit dem Rücken an der Wand. Exemplarisch gibt "Dr.ums", Josoa Kohn, Einblick in die Branche und lotet Chancen für die Zukunft aus.

Aalen

Private Musikschule gibt es Dutzende in Aalen und dem näheren Umland. Große, mit viel Personal und One-Man-Shows. Von der Pandemie gebeutelt aber sind sie alle. Wie die Lage in der Branche ist, und mit welchen Ideen man den Herausforderungen begegnen kann, darüber haben wir uns exemplarisch mit „Dr.ums“ unterhalten.

Josoa Kohn, der Schlagzeug-Doktor, betreibt seine Drumschule in der Ulmer Straße seit 20 Jahren. Als Musiklehrer aktiv ist er aber bereits seit 1986. Dennoch: „Eine vergleichbare Herausforderung wie die Pandemie habe ich in meiner Berufslaufbahn noch nie erlebt“, sagt er.

Der erste Lockdown im März 2020 habe die Branche komplett zum Erliegen gebracht. „Da ging gar nichts mehr. Zum Glück gab es staatliche Unterstützung, sonst hätte ich mir einen neuen Job suchen müssen“, bekennt Kohn. Bereits bezahlte Kursgebühren konnte er dadurch wieder zurückerstatten. Denn: „Ohne Leistung, kein Geld“, findet er.

Durchgekommen sei er dennoch irgendwie, wie viele seiner Kollegen auch, zum Glück, denn denen fehlten ja zudem Einnahmen aus Konzerten.

Doch auch als es wieder erste Lockerungen gab, konnten Musikschulen sich nicht rundum freuen. Viel später als andere Branchen durften sie wieder an den Start. Musikschulen mussten Hygiene- und Raumkonzepte vorlegen, die dann vor Ort geprüft wurden. „Ich hatte viele Telefonate mit dem städtischen Ordnungsamt oder dem Gesundheitsamt. Je nachdem, denn abhängig von der aktuellen Inzidenz, war entweder das eine oder eben das andere Amt zuständig“, erinnert sich Kohn.

In seiner Musikschule musste er für Abstände sorgen, 4,5 Meter zwischen zwei Schlagzeugen, was nicht ganz einfach war. Es durfte immer nur ein Schüler gleichzeitig da sein. Drumsticks musste jeder selbst mitbringen, die Instrumente und alles Drumrum, vom Hocker bis zur Toilette oder den Türklinken, muss Kohn bis heute jedesmal desinfizieren, bevor der nächste Schüler kommt. Und natürlich galt und gilt Maskenpflicht beim Unterricht, wie auch ein Schnelltest für Schüler ab 13 Jahren zwingend ist. „Klar, dass ich mich auch ständig teste. Die Kids wurden in der Schule getestet, das half natürlich“, sagt Kohn.

Weil klar war, dass es irgendwie weitergehen muss für ihn, habe er alle Vorgaben erfüllt und umgesetzt. „Auch wenn das ein großer Aufwand ist, aber es geht ja allen so.“ Auch Fernunterricht am Computer hat Kohn versucht. Sich dazu zuvor das nötige technische Rüstzeug beschafft. „Online ist aber schwierig in einem Gewölbekeller“, musste er erfahren und auch: „Schlagzeugunterricht am Bildschirm, das ist wie Bonbonlutschen und das Papier ist noch dran“, lacht er. So richtig gut funktioniert habe das nicht. Vor allem jüngere Schüler ließen sich in der Distanz doch viel leichter ablenken als bei ihm in der Schule. „Ganz Junge haben gern mal Verstecken gespielt am Bildschirm. Kuckuck, wo bin ich?“, lacht er.

Stichwort Ablenkung. In der Pandemie hätten viele Jugendliche offenbar die Lust am Musizieren verloren. Kohn hat auch festgestellt, dass es immer weniger Schülerinnen und Schüler mit Leistungsfach Musik an den Gymnasien gebe. „Seit Corona ist mir ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler weggebrochen, das geht anderen sicher ganz ähnlich“, zieht er heute ein Fazit.

Fluktuation, das gehöre zum Geschäft, weiß er. „Erst bringt die Mama die Kinder, dann kommen sie mit dem Fahrrad, danach mit dem Motorroller und schließlich mit dem Auto, bevor sie aufhören, weil sie studieren gehen oder in die Arbeit“, weiß Kohn. Ein Wachstumsmarkt, nein, das seien Musikschulen längst nicht mehr. Früher, so glaubt Kohn, waren die Jugendlichen in einem Sportverein und haben ein Instrument gelernt. Basta. Heute gebe es viel mehr Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und viele junge Leute hätten heute einen randvollen Terminkalender.

Als es erste Lockerungen gab, hätten viele potenzielle Musikschülerinnen und -schüler wohl erst mal die wiedergewonnene Freiheit genutzt und sich in tausend andere Dinge gestürzt, glaubt Kohn.

Bedauerlich sei, dass er seine jährlichen Benefizkonzerte vorm Alten Hobel seit zwei Jahren nicht mehr durchziehen konnte. „Da darf und durfte jeder mitspielen, der wollte, ohne Zwang und am Ende kam eine Spende für einen guten Zweck heraus. Aber ich wollte auf keinen Fall, dass es nur irgendeinen Coronafall wegen des Konzertes gibt“, begründet Kohn die Absagen.

Blick nach vorne

Kohn hat alle seine Kunden angeschrieben und die neuen Unterrichtsspielregeln kommuniziert. Doch wer überleben will, muss neue Kunden finden, muss innovativ sein, weiß er und setzt nun eine Idee um, die er schon lange hat und die Corona ausbremste. „Statt Play-alongs, bei denen die Schüler quasi im Karaokemodus zur Musik spielen, habe ich die Möglichkeit geschaffen, dass Schlagzeugschüler Band-Erfahrung sammeln können“, erzählt er. Zwei junge Leute, Jonas Lechner am Bass und Emma Brucker an der Gitarre, kommen in Kohns Musikschule und jeder Schüler kann mit ihnen gemeinsam spielen und erleben, wie es ist, Schlagzeug in einer Band zu spielen, nennt Kohn sein Konzept.

Zudem bietet Kohn nun auch Schnupperstunden an. Wer will, kommt einfach mittwochs zwischen 14 und 17 Uhr vorbei und darf sich gratis ans Schlagzeug setzen und herausfinden, ob er das Instrument mag, erklärt Kohn. Und dann bietet er ab sofort auch Einsteigerkurse. Vier Wochen lang, in denen jeder ohne längere Bindung das Schlagzeugspielen ausloten kann. „Natürlich braucht es jetzt in unserer Branche besondere Angebote, die jeder individuell aufzieht, um Kundschaft neu oder zurückzugewinnen, denn schließlich lieben die meisten Musiklehrer ihren Job so sehr, dass sie sich gar nichts anderes vorstellen können oder wollen“, findet Kohn. Optimismus? „Warum nicht, irgendwie wird es weitergehen, musiziert werden wird immer und auch diese Pandemie dauert nicht ewig“, hofft er.

„Schlagzeugunterricht am Bildschirm, das ist wie Bonbonlutschen und das Papier ist noch dran."

Josoa Kohn, Schlagzeuglehrer
Josoa Kohn, alias Dr.ums, hat mit seiner Schlagzeugschule schwere Zeiten überstanden. Neue Ideen sollen neue Kundschaft bringen hofft er, wie viele andere private Musikschulen.

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