Corona: zwei Kundgebungen an einem Tag in Aalen

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Protest gegen die Corona-Maßnahmen auf den Greutplatz.
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Gegner der Corona-Verordnungen ziehen durch die Innenstadt und zu Kundgebung – fast zeitgleich Gegenkundgebung. Ein Rundgang.

Aalen. Wie gehen wir mit dem Corona-Virus um? Sind die Maßnahmen zielführend? Wegen diesen Fragestellungen haben nach eigenen Angaben "besorgte Bürger aus Aalen und Heidenheim" am Samstag zu einem Demonstrationszug mit anschließender Kundgebung auf dem Greutplatz aufgerufen. Gut 500 Menschen folgten diesem Aufruf. Fast parallel dazu gab es eine Gegenkundgebung auf dem Hof der Greutschule. Etwa 200 Teilnehmer setzten sich dort kritisch mit der Bewegung der sogenannten "Querdenker" auseinander. Die "Querdenker" hatten zunächst eine Veranstaltung in Aalen machen wollen, diese dann aber abgesagt, worauf eine Gruppe um Sigrun Böhnlein in die Bresche gesprungen war. Und das Aalener Netzwerk für Demokratie hat beim Wochenmarkt zu einem Dialogtisch geladen. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Ein Rundgang.

Der Dialogtisch: Auf dem Wochenmarkt, wo Maskenpflicht gilt, bieten Mitglieder des Netzwerkes für Demokratie bereits am Morgen Gelegenheit zum Austausch. "Wir stehen hier, weil wir merken, dass es eine zunehmende Radikalisierung gibt in dieser Bewegung mit der Tendenz, die Demokratie zu gefährden", sagt etwa Tonio Kleinknecht mit Blick auf die "Querdenker". Dies gefährde die Gesellschaft, spalte sie. In der Pandemie gebe es keine einfachen Lösungen, "querdenken" aber sei kein Ansatz. Eva-Maria Markert will gegen diese Rechtsradikalisierung Position beziehen. Gerburg-Maria Müller spricht sich für Dialog und Austausch aus, sie sehe aber Grenzen. Und anschreien lasse sie sich nicht.

Der Demonstrationszug: Vor der Bohlschule treffen sich die Teilnehmer des Demonstrationszugs. "Wir sind keine Corona-Leugner, wir sind gegen die Corona-Maßnahmen,", sagt Sarah Zajic, die sich zusammen mit Sigrun Böhnlein um die Organisation kümmert. Böhnlein erklärt die Spielregeln: Maskenpflicht hat die Stadt keine verordnet, aber Abstände seien einzuhalten. Flaggen und Fahnen gibt es viele: mit Zitaten von Goethe, Voltaire, Schopenhauer oder Perikles, eine Regenbogenfahne, mehrere Deutschland- und Landesfahnen – und keine von den Reichsbürgern oder anderes verfassungsfeindliches Zeug. Landwirte fahren mit ihren Schleppern voraus: "Zurück das Land in Bauernhand" steht auf einem Transparent – man sei solidarisch mit Corona-Maßnahmengegnern, sagt ein Landwirt, der nicht namentlich genannt werden will. Der Zug zieht anschließend durch die Innenstadt. Die Teilnehmer kommen aus vielen Teilen der Bevölkerung, Familien mit Kindern sind dabei, Senioren, Jugendliche, auch einige Auswärtige. Man grüßt sich, kennt sich von anderen ähnlichen Veranstaltungen. Eine Gruppe von AfD-Mitgliedern ist auch dabei. "Frieden, Freiheit", rufen die Demoteilnehmer und: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut." Als sie an der Stadelgasse vorbeiziehen, kommt es zu einigen verbalen Scharmützeln. Zuschauer rufen "Nazis raus" und "Haut ab". Es gibt zustimmende Rufe für die Demonstranten.

Die Gegenkundgebung: Um 12.30 Uhr startet im Schulhof der Greutschule die Gegenkundgebung unter dem Motto "Solidarisch und ohne rechte Hetze durch die Pandemie". Timo Steckbauer beschreibt, welche Auswirkungen die Pandemie auf viele Bereiche der Gesellschaft hat und appelliert an die Solidarität in der Krise. An den Corona-Maßnahmenkritikern kritisiert er den "Schulterschluss mit Rechts" und sagt, Bewegungen wie die Querdenker ließen sich "von Rechtsextremen vor den Karren spannen". Valentin Simon erklärt, die Querdenker verwechselten Fakten und Meinungen: Es könne aber kein Diskurs funktionieren, wenn Fakten nicht anerkannt werden. Melanie Kraus sagt, es gebe Manches, das man an den aktuellen Maßnahmen kritisieren könne. Wenn aber Andersdenkende, Politiker oder Journalisten angeschrien oder sogar angegriffen würden, dann seien Grenzen überschritten. Roland Hamm kritisiert, dass die Aalener Stadtverwaltung für den Demonstrationszug und die Kundgebung keine generelle Maskenpflicht verordnet hat.

Die Begegnung: Der Demonstrationszug führt bei der Greutschule an der Gegenkundgebung vorbei. Gut bewehrte Polizisten sichern zwischen beiden Gruppen. Es kommt zu Wortgefechten, die teils die sachliche Ebene verlassen, teils werden aber auch Argumente ausgetauscht. Weiter oberhalb – und außerhalb des Demonstrationszuges – steht eine Gruppe aus der rechten Hooliganszene: Polizeibeamte gehen zu ihnen hin, sprechen. Es passiert nichts.

Die Hauptkundgebung: Kurze Zeit darauf treffen die Teilnehmer des Demonstrationszuges, immer noch angeführt von Landwirten auf ihren Traktoren, auf dem Greutplatz ein, verteilen sich mit Abstand, und – es ist kalt – immer wieder dorthin gehend, wo Sonnenstrahlen wärmen. Es sprechen Dr. Jens Edrich, ein Mediziner, Wilfried Kessler, ein Lehrer aus Ulm, Markus Haintz, ein Anwalt, und Wolfgang Greulich, Unternehmer. Hauptredner ist Jens Edrich, der betont, dass ihm an einem Dialog gelegen ist angesichts der Gräben, die sich in der Gesellschaft auftun. Im Anschluss kritisiert er die Corona-Maßnahmen als aus medizinischer Sicht nicht sinnvoll und teilweise auch gesundheitsschädlich sowie die "fixierten Vorstellungen", nur mit Eingriffen in die Freiheitsrechte der Bürger lasse sich der Krankheit beikommen. Er sprach in Bezug auf deutsches Pflichtgefühl von einer Irrationalität, die vom Wesentlichen ablenke – und verglich dies mit dem SS-Mann Adolf Eichmann, immer mit seiner Pflicht argumentiert habe, als ihm der Prozess gemacht worden sei. Die "gut gemeinte deutsche Dienstbefindlichkeit" verhindere aktuell "Widersinnigkeiten" zu erkennen und als solche zu benennen. Es sei aber wichtig, sagte Edrich am Schluss, andere "die Angst haben" zu verstehen. Wilfried Kessler nennt Corona eine "hochgeputschte, inszenierte Pandemie", die "eingeführt" worden sei. Er frage sich, welche Geist hier wirke, wenn eine Panik geschürt werde, "Menschen verachtend" sei dies. Gegner der Maßnahmen seien vergleichbar mit Gegnern des NS-Regimes, Sophie Scholl etwa. Markus Haintz schließlich, aus Aalen stammender Anwalt, erklärt, Vergleiche mit Diktaturen wie der NS-Zeit oder der DDR seien durchaus angebracht, denn: "Wehret den Anfängen". Derzeit würden Grundrechte abgeschafft, und da müsse deutlich gesagt werden: "Hier läuft etwas in die falsche Richtung."

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