Das Patientenwohl im Blick

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Maria Sinz und Dr. Rolf Siedler im Gespräch über die Pflege.

Wo Maria Sinz, Initiatorin des „Treffpunkts Pflege“, und Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler Potenzial für die Verbesserung der Situation von Pflegekräften sehen.

Aalen

Der Pflegenotstand ist in aller Munde. Immer mehr Frauen und Männer gehen aus ihrem Beruf, den sie eigentlich sehr gerne und mit Herz ausgeübt haben, weil auch sie nur ein Leben haben und die Work-Life-Balance schon lange nicht mehr stimmt. Scharenweise laufen Pflegekräfte den Krankenhäusern davon, die Pandemie fordert zu sehr. Zu schwer, zu belastend ist die Arbeit auf den Intensiv- und Covid-Stationen.

Wo genau müsste man also anpacken, um die Situation von Pflegekräften deutlich zu verbessern, damit zumindest die zurückkommen, die der Pflege den Rücken gekehrt haben? Ein Gespräch mit Maria Sinz, Regionalsekretärin der KAB und Initiatorin des „Treffpunkts Pflege“, sowie mit Dr. Rolf Siedler, Betriebsseelsorger, Mitglied im Kreistag und im Verwaltungsrat des Ostalb-Klinikums.

Zum Hintergrund: Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit. 400 Milliarden Euro fließen jährlich ins Gesundheitssystem und 5,7 Millionen Menschen arbeiten darin. Dennoch kommen beispielsweise in den USA 5,3 Patienten auf eine Pflegekraft, in der Schweiz 7,9 und in Deutschland 13. Nachts liegt der Schlüssel sogar bei 22 Patienten für eine Pflegekraft.

Woran liegt das?

Rolf Siedler: Die Einführung des sogenannten DRG-Systems im Jahr 2004, bei dem stationäre Krankenhausbehandlungen unabhängig von der nötigen Verweildauer des Patienten über Fallpauschalen abgerechnet werden, führt zu absurden Fehlsteuerungen. Die öffentlichen Krankenhäuser dürfen nur den Normalfall abrechnen, Komplikationen nach einer OP sollte es am besten nicht geben. Und ganz verrückt ist, dass Pflegeanteile nicht mit in die DRGs eingerechnet sind, obwohl bekannt ist, wie wichtig eine gute und professionelle Pflege im Krankenhaus ist und die Genesung vorantreibt. Die Einführung des Pflegebudgets Ende 2019 war eine hilfreiche und notwendige Korrektur.

Maria Sinz: Die DRGs stammen aus einer wirtschaftsliberalen Steuerung des Gesundheitssystems. Krankenhäuser sollen Gewinne erwirtschaften, sind jedoch aufgrund der tatsächlichen Situationen weit davon entfernt. Beispielsweise ist der Kreistag hier bei uns damit beschäftigt, die Defizite aufzufangen. Die Rahmenpolitik treibt die öffentlichen Krankenhäuser in die Misere.

Es müsste sich also am Gesundheitssystem an sich etwas Grundlegendes ändern?

Rolf Siedler: Genau. Wir müssen wieder vom Patientenwohl her denken und überlegen, unter welchen Bedingungen wir das bestmögliche für die Patienten erreichen können. Das geht nicht über Fallpauschalen oder darüber, dass Pflegekräfte 15 Kilometer am Tag durch die Flure von einem Patienten zum anderen hetzen.

Aber wie bekommen wir denn wieder mehr Pflegekräfte? Was können wir tun, damit sich mehr Menschen für den Beruf entscheiden?

Maria Sinz: Das Interesse an Pflegeberufen ist sehr hoch und die Akzeptanz in der Bevölkerung steigt. Deshalb gilt es jetzt, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Wichtig ist meines Erachtens auch, dass Mitarbeitende auch mitreden dürfen und zusammenstehen, damit sich etwas tut.

Wenn wir so viel Geld im System haben, könnte man doch auch Pflegekräften mehr bezahlen.

Rolf Siedler: Es ist ein Problem der Verteilung des Geldes. Medikamente sind bei uns im internationalen Vergleich gesehen, sehr teuer. Außerdem verdienen manche Berufsgruppen im Gesundheitssystem unverhältnismäßig viel. In Deutschland wird insgesamt viel Geld im Gesundheitssystem verdient. Und das muss sich ändern. Keine Rendite aus Gesundheit und Pflege. Und: Krankenhäuser sollen keine Rendite erwirtschaften müssen.

Dann könnte also eine gerechtere Verteilung der Gelder in Richtung Pflege der Schlüssel für mehr Pflegekräfte sein?

Maria Sinz: Ja, das ist so. Wir brauchen eine Steuerung der Gelder, die dafür sorgt, dass die Gelder auch im Kerngeschäft ankommen, nämlich bei der Arbeit zwischen Pfleger und Patienten.

Rolf Siedler: Pflege ist so viel mehr als Arbeit. Die Menschen dort geben ihr Herz und ihre Gefühle mit. Und besonders als Christen muss das Patientenwohl unsere Währung sein.

Link: Video "Happy Running – genug geklatscht"; https://www.youtube.com/watch?v=LjL70CoTO5A

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