Das zauberhafte zweite Leben der Oma-Reißer-Krippe

  • Weitere
    schließen
+
Christian Stussig und Rebecca Reißer (li. oben) feiern Weihnachten in der Tradition der verstorbenen Oma Marianne Reißer (r. Mitte), deren handgefertigte Krippe sie wiederbeleben.
  • schließen

Wie Familie Reißer/Stussig in der stillen Corona-Zeit den Kindern Hanna und Fiona eine märchenhafte Vorfreude auf Weihnachten beschert.

Aalen

Die "Stille Nacht" erhält in diesem Corona-Jahr eine ganz eigene, für viele Menschen mitunter auch eine klagvolle Bedeutung: Keine üppigen Restaurantbesuche, keine Großfamilie unterm Weihnachtsbaum – und wer Oma und Opa liebt, sollte die Beiden am besten gar nicht zu sich einladen, der Infektionsgefahr wegen.

Von diesem allgemeinen Lamento aber lässt sich Rebecca Reißers kleine Familie nicht anstecken. "Was wird jetzt aus Weihnachten?" Auf diese Frage hat die 39-Jährige gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Christian Stussig für ihre Töchter Hanna (4) und Fiona (9) schon rechtzeitig eine Antwort gefunden; eine individuelle und zugleich zauberhafte.

Pünktlich zum 1. Advent hat sich das Dachzimmer des Wohnhauses in der Waldhäuser Albstraße in ein kreatives Weihnachtszimmer verwandelt: Ein dreieinhalb Meter hoher Weihnachtsbaum hebt mit warmem Licht die benachbarte orientalische Krippenlandschaft aus ihrem Schatten, in dem sie mehrere Jahre tief versunken schien. Denn die Krippe mit ihren von Hand modellierten Figuren ist gleichsam das ehrende Gedenken an Rebeccas Großmutter, an "Oma" Marianne Reißer, die 97-jährig vor drei Jahren gestorben ist. Nur die älteren Aalener werden sich wohl noch an Marianne Reißers Tante-Emma-Laden mit dem Namen "Bürsten Brucker" erinnern. Jetzt im Corona-Jahr ist die Familienkrippe aus dem dunklen Keller der verstorbenen Großmutter umgezogen und verkündet nun im Hause Reißer/Stussig die frohe Botschaft.

Staunend vor der Krippe

2004 hat die SchwäPo schon einmal über diesen Heiligen Stall berichtet, nach einem Besuch der damals 83-Jährigen in ihrem Haus in der Aalener Bahnhofstraße. Hat sich damals von der Kreativschaffenden erzählen lassen, dass sie von allen "Zutaten" für die Krippe nur die Modelliermasse für die Figuren gekauft hat. Dass sie für den Korpus einer jeden Figur Zeitungspapier zu einem festen Knäuel geballt und daran die Extremitäten verdrahtet hat, danach Schicht für Schicht Knetmasse aufgetragen und Schicht für Schicht an der Luft hat trocknen lassen. Stoffreste, Perlchen und feine goldene Ketten hat die Künstlerin auf der Bühne und im Keller zusammengesucht, hat Flohmärkte nach Schätzen durchstöbert. Hat jeder der Figuren mit filigranem Pinsel einen anderen starken Ausdruck ins Gesicht gesetzt.

Ich glaube, Oma schaut auf uns herunter und freut sich, dass ihr weihnachtlicher Zauber jetzt bei uns ist.

Rebecca Reißer

Jetzt sitzen Hanna und Fiona, die Urenkeltöchter der "Reißer-Oma" vor der Krippe und staunen. Allerdings nicht nur über das Geburtswunder. Sondern auch über die Weihnachtsgeschichten und Gedichte, die ihnen Rebecca Reißer im Schein von Krippe und Baum erzählt. "Meine Großmutter hat viele Gedichte geschrieben", sagt sie. "Und als sie schon nicht mehr sehen und hören konnte, hat sie alle nach und nach meiner Schwester erzählt, die sie aufgeschrieben hat." Ein komplettes Buch sei daraus entstanden.

Der Weihnachtsbüttel

"Ich glaube", sagt Rebecca Reißer nach ein paar Minuten. "Ich glaube, Oma schaut auf uns herunter und freut sich, dass ihr kreativer Geist jetzt bei uns ist." Wie auch der weihnachtliche Zauber aus scheinbar längst vergangenen Tagen im Hause Reißer/Stussig gerade jetzt, im Corona-Jahr, mit viel Liebe und Muße wiederbelebt wird. Und dafür sorgt nicht nur der kniehohe Wichtel im roten Gewand, der an der Tür zum Weihnachtszimmer batteriebetrieben und lautstark die Heilige Christnacht ausschellt. Ebenfalls ein Erbstück, von Rebeccas anderer Großmutter Gabi Greiner. "Alt-Aalener werden sich noch an diesen Weihnachtsbüttel erinnern, der früher in der Auslage des Juweliergeschäfts meiner Großeltern Eugen und Gabi Greiner in der Aalener Löwenstraße stand – heute Brillen Bammert." Heute wacht er nicht nur über Christbaum und Krippe, sondern auch über den Weihnachtswichtel, der bei der Familie Reißer/Stussig alljährlich im Advent Einzug hält. "Ulrich" steht auf dem Türchen, das kaum höher ist als eine Wandleiste. Ein Schlitten en miniature lehnt davor und auch ein Postkasten ist montiert. Dahinein werfen Hanna und Fiona ihre kleinen Briefe an den Wichtel, die das kleine Männchen mit weißem Bart dann klammheimlich beantwortet. Ganz im Charme von E.T.A. Hoffmanns Weihnachtsmärchen von "Nussknacker und Mausekönig". Ja, wer will da nicht selbst wieder Kind sein.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL