Der Krieg ist auch ein Thema bei Kindern

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Unter anderen liefert TikTok Sekunden-Beiträge über den Ukraine-Krieg. Ohne die richtige Einordnung werden Kinder schnell mit diesem Thema Krieg überfordert.
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In den Kitas und Schulen ist der Ukraine-Krieg mal mehr, mal weniger Thema. Wie sich das zeigt und wie die Erzieherinnen, Erzieher und Lehrerschaft damit umgehen.

Aalen

Die Bilder von Krieg, von Leid, Zerstörung und Flucht, die Gespräche darüber - auch an Kindern geht das alles nicht vorbei. Sowohl in den eigenen vier Wänden, als auch in den Kitas und den Grundschulen ist der Krieg in der Ukraine angekommen. Schon bei den Fünf- oder Sechsjährigen.

„Es ist Thema, wenn auch indirekt“, sagt die Leiterin Yvonne Müller vom Kindergarten Maria Fatima in Unterkochen. „Wir merken, dass die Kinder mehr mit Schießen und Pistolen machen.“ Das sei noch sehr dezent, aber „wir erwarten, dass da noch mehr kommt“, so Müller. Noch habe man darüber nicht im großen Kreis gesprochen und wolle erst eine Kinderkonferenz organisieren, zum zu klären, was die Kinder interessiert. „Wir wollen ja auch nicht einfach so ein Fass aufmachen.“ Corona sei bei den Kindern zwei Jahre lang kein Thema gewesen - erst jetzt, als Kind erkrankt sei und gefragt habe, ob es nun sterben müsse.

„Bei uns ist das Thema noch nicht aufgeploppt“, berichtet Carolin Strobel, Leiterin der Kita Hokuspokus in Wasseralfingen. Nur ein Kind habe einmal etwas erwähnt. Auch die Eltern hätten das Thema noch nicht angesprochen. „Es kommt ja auch immer darauf an, was die Kinder mitbringen, welche Nachrichten sie mitbekommen bei Eltern und älteren Geschwistern“, so Strobel. Wenn das Thema aber aufkomme, werde man es nicht totschweigen, sondern individuell auf die Ängste und Fragen eingehen.

Gespräche über Traurigkeit, sticken in den Ukraine-Farben

Anders im Kinderhaus Lilliput in der Innenstadt. Vor ein paar Tagen hätten sich dort die Kinder beim Mittagessen wie immer unterhalten. Ein Junge habe dann den Krieg und die Nachrichten zur Sprache gebracht. „Der kannte sogar den Namen Lukaschenko“, berichtet Erzieherin Viktoria Gall. Eine Kollegin habe das Gespräch dann geleitet. Es ging um Traurigkeit, auch um die der Ukrainer, um Angst, ums Sterben, auch die Bomben hätten die Kinder erwähnt. Mittlerweile gibt es im Lilliput auch einen zwölfseitigen Informationsaushang „Wie spreche ich mit Kindern über Krieg“, für die Eltern. Interessierte bekommen ihn auch per Mail zugesandt.

„Es ist ein Thema. Der Krieg beschäftigt die Schülerinnen und Schüler, das ist auf jeden Fall ein Thema“, sagt Matthias Rehn, Rektor der Welland-Gemeinschaftsschule in Unterrombach. Der Umgang damit sei nicht immer einfach. „Wir sind ja zur Neutralität verpflichtet“, erklärt Rehn. Es könne daher nur über den Krieg allgemein gesprochen werden. Dass er Leid verursacht, dass er keine Lösung ist, dass es nur Verlierer gibt. Rehn unterrichtet Englisch. „Da frage ich immer das aktuelle Geschehen ab“, sagt er. In der 5. und in der 7. Klasse sei der Krieg in seinem Unterricht konkret Thema gewesen. „Ich kann ihnen die Angst ja nicht nehmen. Ich kann nicht sagen, es wird alles gut. Ich weiß es ja nicht“, sagt Matthias Rehn.

Reden, wenn Bedarf ist - so handhabt man das Thema Ukraine-Krieg auch in der Greutschule, so Rektor Matthias Thaler. „Aber das Thema nimmt nicht den ganzen Schulalltag ein, nicht jede Stunde.“ Es gebe Eltern mit russischem Migrationshintergrund, Probleme habe es bisher aber nicht gegeben, so Thaler.

Manche Kinder halten sich die Ohren zu, andere sind neugierig

Die ersten drei Tage nach den Ferien sei alles noch still gewesen, erzählt Katharina Morrison, die Rektorin der Schwarzfeldschule Dewangen. Die Kinder seien erst mal damit beschäftigt gewesen, wieder in der Schule anzukommen. „In den vergangenen zwei, drei Tagen kam das dann doch hoch“, so Morrison. Ein Erstklässler habe sich beim Sticken konkret die Farben Blau und Gelb herausgesucht, um die Ukraine-Fahne zu sticken. „Als es dann um das Thema ging, haben sich zwei Mädchen, die mit dabei waren, gleich die Ohren zugehalten“, erzählt Morrison. „Wir wollen das nicht wissen“, hätten sie dazu gesagt. Manche wiederum würden genau wissen, was passiert. „Aus den Kindernachrichten, Logo, auch aus der Tagesschau“, sagt Morrison. Also habe man das Thema auch im Sachunterricht besprochen. Ein Mädchen müsse nun nicht mehr kommen, wenn es wieder darum geht. „Sie reagiert total sensibel“, so die Rektorin. Gefühle zwischen Angst und Neugier, ein ganz unterschiedlicher Wissenstand, „all das ist dabei und macht es schwierig, so Morrison. „Mit dem Thema Krieg umzugehen, ist ein Balanceakt und eine pädagogische Herausforderung.“ auch die Einordnung „altersgerecht“ sei nicht immer einfach. Fest stehe: wenn eines der Kinder nicht mit dem Thema konfrontiert werden wolle, dann könne es die Situation und den Unterricht verlassen. „Jeder hat seinen persönlichen Grenzen. Wir wissen nicht, was die Kinder erlebt haben, was sie damit assoziieren.“

Mittlerweile sei das Thema auch im Lehrerzimmer angekommen, berichtete die Pädagogin. „Es ging um die Frage, wie gehen wir damit um?“. Man wolle auch hier ernstzunehmender Ansprechpartner sein. Angedacht sind nun eine Unterrichtseinheit zum Thema, eine Ausstellung zum Thema „Krieg und Frieden“ für die Kinder zu organisieren, all dem Leid auch positive Beispiele entgegensetzen. Dafür müsse man auf jeden Fall auch die Eltern mit ins Boot holen, so Katharina Morrison. Dann zitiert sie einen Spruch, den vor kurzem gelesen hat. „Ich habe mir den Tag, an dem keiner mehr über Corona spricht, anders vorgestellt.“

In einigen Aalener Kindereinrichtungen werden Eltern Informationen angeboten, damit sie besser mit den Fragen der Kinder zum Thema Krieg umgehen können.
In einigen Aalener Kindereinrichtungen werden Eltern Informationen angeboten, damit sie besser mit den Fragen der Kinder zum Thema Krieg umgehen können.

Mit dem Thema Krieg umzugehen, ist ein Balanceakt und eine pädagogische Herausforderung.“

Katharina Morrison, Rektorin Schwarzfeldschule
  • Ellwangen. Wie spreche ich mit meinem Kind über den Krieg. Viele Eltern wird diese Frage momentan beschäftigen. Im Interview erklärt der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und Psychosomatik Ellwangen Dr. Jens Retzlik, auf was man dabei achtgeben sollte.
  • Herr Dr. Retzlik, der Ukraine-Krieg ist überall Thema. Soll man Kinder von diesen Nachrichten fernhalten oder bekommen diese nicht ohnehin alles mit?
  • Ich denke, generell fernhalten sollte man sie nicht. Das Thema ist omnipräsent in den Medien, in den Gesprächen von Erwachsenen - das bekommen Kinder auch sehr wohl mit. Kinder sind grundsätzlich sehr resilient, können gut mit Belastungen umgehen. Aber was sie aufnehmen, kann - je nach Alter - nicht immer verständlich für sie sein und Ängste auslösen. Diese unheimliche Präsenz verursacht auch Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Zudem ist es neue Krisensituation, die auf eine bestehende trifft, die Kindern und Jugendlichen auch schon viel abverlangt hat.
  • Ist es aber besser, das Thema nicht selbst aktiv aufzugreifen?
  • Man kann es durchaus bewusst ansprechen, sollte das aber altersgerecht und transparent machen. Je nach Alter des Kindes beispielsweise eine Weltkarte nehmen, um den Konflikt geografisch einzuordnen. Kindersendungen wie Logo und neuneinhalb anbieten, die das Thema altersgerecht aufbereiten und auch die Bilder filtern. Wichtig ist dabei, die Kinder nicht alleine vor dem Fernseher zu lassen. Ganz zentral aber ist emotionale Unterstützung, Trost, Geborgenheit, Nähe und Sicherheit.
  • Wenn mein Kind konkret Angst hat, wie kann ich da helfen?
  • Es kann hilfreich sein, keine Dauerbeschallung zu installieren. Wichtig ist es, sich bewusst auch mit anderen Themen zu befassen, damit man die Informationen überhaupt verarbeiten kann. Das Leben läuft ja weiter. Es ist aber wichtig, Gefühle wie Angst ernst zu nehmen und diese nicht kleinzureden. Das ist unabhängig vom Alter. Generell hilft es, aktiv zu werden und nicht in Angst zu verharren. Es gibt die Möglichkeit, auf kreative Art mit der Angst umzugehen. Ein Bild zu malen, eine Geschichte schreiben zu lassen, an einer Solidaritätsbekundung teilzunehmen oder eine Kerze in der Kirche für die Opfer aufzustellen. All das hilft, aus der Passivität herauszukommen.
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  • Manche Erwachsene sind mittlerweile emotional selbst sehr belastet. Was raten Sie denjenigen?
  • Wenn Eltern selbst emotional belastet sind, sollten sie das den Kindern auch erläutern, das aber weder dramatisieren noch emotionalisieren. Wichtig ist es, sachlich und nüchtern zu bleiben. Kinder orientieren sich am Verarbeitungsmodell ihrer Eltern. Mir muss klar sein:  wenn ich in Panik gerate, wissen die Kinder, das etwas Schlimmes passiert. Es kann Kinder verängstigen und in Panik versetzen, wenn sie merken, das diejenigen, die sie schützen sollen, schutzlos sind.
Die sozialen Medien liefern oft nur Sekunden-Beiträge mit aktuellen Informationen. Ohne die richtige Einordnung sind Kinder schnell mit dem Thema Krieg überfordert.

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