Der Mann mit der Guzzi

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Spontanität bei der Arbeit. Das hölzerne Treppenhaus auf dem Weg zu Ulrich Protts Wohnung ist einfach reizvoll. Kurzentschlossen findet der Portrait-Termin auf Treppenstufen und an Flurfenstern statt.
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Ulrich Protts Wanderjahre vom Niederrhein in die schimmernde Provinzmetropole Aalen.

Aalen

Der Mann auf der Guzzi mit der riesigen Windschutzscheibe war ganz vorne dabei, wenn sich Freunde und Oldtimer zusammentaten und Ausfahrten durchs Aalener Ländle machten. „Die Scheibe war so groß. Da konnte man hinter rauchen. Während der Fahrt“, sagt der 60-jährige Uli Prott mit verträumtem Blick in die entfernte Ecke seines Wohnzimmers.

Hinter der Wand ist die Welt, ist Aalen, ist die City. Hier wirkt Ulrich Prott seit mehr als 20 Jahren für Markt und Händler, für heimisches Publikum und Touristen. Prott ist aktiver Bürger und Marketingspezialist, denkt sich Aktionen und Maßnahmen aus und organisiert sie und freut sich, wenn sie funktionieren. Den Wochenmarkt zum Beispiel betreut er mit Inbrunst, als Werber, Fürsprecher und flanierender Beobachter.

Gelernt hat er Buchhandel, in renommierten Buchhandlungen in Nürnberg und Nördlingen. Seine niederrheinische Heimat verlässt er mit 18 Jahren: Meldung zum Zivildienst in Bayern, danach verschiedene Schauplätze, diverse Erlebnis-Sphären. Die Konfrontation mit dem Staat gehörte dazu, typisch für die Nach-Achtundsechziger. Prott folgt einer Freundin zu einem Rockkonzert nach Krefeld. Gleichzeitig ist der US-Präsident in der Stadt, Absperrungen allerorten, Polizei in Masse, das Pflaster eines sehr großen Platzes prasselt in Einzelsteinen auf weiße Mäuse und schwarze Limousinen. Uli vom Niederrhein ist einen Moment zu lange an der falschen Stelle, wird festgenagelt als Täter, der er nicht war. Schließlich werden die falsch beeideten Aussagen von zwei Polizisten geknackt und entlarvt und Prott wird mit allen Ehren freigesprochen: „Der Rechtsstaat hat obsiegt“, berichtet er.

Uli Prott hatte sich inzwischen zurückgezogen in die Bücher. Sartre und Co. prägten, machten aus ihm einen existenzialistischen Stubenhocker. „Ich habe eigentlich nie was anderes gemacht, nichts,“ sagt er jetzt, im Januar 2022. Zum Nichts gehörte die Buchhändlerlehre, der Aufbau und der Betrieb eines Kulturcafés mit allem Drum und Dran in Nördlingen (eine Coproduktion mit der Freundin aus dem Krefeld-Drama). Anfang 2000 ein Besuch von „ein paar aus Aalen“, die auch gerne so eine Kulturkneipe mit Programm und Kleinkunst am Aalener Markt hätten.

„Daraus wurde das Podium“, nuschelt Prott und lässt offen, welches sein Beitrag zu dieser Erfolgsgeschichte war. Er ist jetzt in Aalen. Lernt Reinhard Skusa kennen und lernt von ihm Citymarketing. Lernt den Steuerberater Kiesel kennen, der Marketing für seine Kanzlei haben möchte. Uli Prott ist fasziniert, aus dem Werbeauftritt für die Kanzlei wird die Vision eines gehobenen urbanen Lebens, Keimzelle für einen City-Kiez, wieder mit allem Drum und Dran. Prott ist überall, Marketing hier, Marketing da, der Kunden- und Klientenkreis wächst. Er angekommen im beschaulichen Leben einer schimmernden Provinzwelt.

Uli Prott heiratet, seine Frau ist auch Buchhändlerin, kommt aus der evangelischen Szene in Aalen. Man zieht in das ehrwürdige Kayser-Haus Bahnhofstraße 1. Prott kennt die Stadt, kennt die City, den revolutionären Säulenheiligen der Stadt C.F.D. Schubart durch ausgedehnte Lektüre und den Stadtkater Silvester aus eigener Beobachtung, über beide hat er ein gemeinsames Buch geschrieben, 500-mal drucken lassen, mehr als 400 Exemplare innerhalb weniger Wochen verkauft.

Den Sommer verbringt das Ehepaar Prott und Lange auf einem abgelegenen Campingplatz im Hohenlohischen. Sie schafft mit der Bahnhofsmission und er ist „das Kommunikationsbüro“ und liest und liest. Jetzt nicht mehr aus der Bücherwand, sondern mit dem Tablet. Und schreibt, an einem Science-Fiction-Roman. Der Mann mit der Guzzi schaut in die Zukunft, jetzt durch die Windschutzscheibe eines praktischen Dacia. Die Guzzi ist verkauft. „Irgendwann ist es dann soweit.“

Spontanität bei der Arbeit. Das hölzerne Treppenhaus auf dem Weg zu Ulrich Protts Wohnung ist einfach reizvoll. Kurzentschlossen findet der Portrait-Termin auf Treppenstufen und an Flurfenstern statt.
Spontanität bei der Arbeit. Das hölzerne Treppenhaus auf dem Weg zu Ulrich Protts Wohnung ist einfach reizvoll. Kurzentschlossen findet der Portrait-Termin auf Treppenstufen und an Flurfenstern statt.
Spontanität bei der Arbeit. Das hölzerne Treppenhaus auf dem Weg zu Ulrich Protts Wohnung ist einfach reizvoll. Kurzentschlossen findet der Portrait-Termin auf Treppenstufen und an Flurfenstern statt.

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