Der stille U-Boot-Kommandant aus dem Hüttfeld, über den die Welt sprach

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Der verschwiegene Kriegsmarineoffizier lebte in der Ludwigstraße im Aalener Hüttfeld (Pfeil). Nach dem Krieg kehrte der U-Boot-Fahrer nach Aalen zurück und gründete hier eine Familie.

Otto Wermuth lief vor genau 75 Jahren mit U 530 im argentinischen Hafen von Mar del Plata ein. Nach der Gefangenschaft und seiner Heimkehr auf die Ostalb schwieg der Aalener jedoch eisern zu der abenteuerlichen Fluchtfahrt. Auch zu den vielen Gerüchten wie dem, Hitler selbst sei an Bord gewesen, verlor er bis zu seinem Tod im Alter von 90 Jahren nie ein offenes Wort.

Aalen/Mar del Plata

Sein bescheidenes Grab auf dem Aalener Waldfriedhof entspricht der Rolle, die Otto Wermuth aus der Ludwigstraße 1 im Hüttfeld nach dem Krieg für sich gewählt hatte. Wenn man mehr Privates über den schmächtigen U-Boot-Kommandanten der Kriegsmarine wüsste, dann könnte man hier vielleicht sogar sein Lebensmotto erkennen: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Lieber klein und unscheinbar. Bloß nicht auffallen. Abtauchen eben.

"Opa erzählt vom Krieg …" - das war nichts für den mehrfach ausgezeichneten Oberleutnant zur See, der U 530 am 10. Juli 1945 mit 54 Mann an Bord als 24-Jähriger sicher in den Hafen von Mar del Plata in Argentinien schipperte – nach einer spektakulären Unterseereise über 130 Tage und 11 000 Seemeilen.

Mit der Abenteuergeschichte hätte der Schubart-Abiturient prahlen und als Redner um die Welt reisen können. Denn die Gerüchteküche kochte über, seit das schwer gezeichnete, rostige U 530 in Südamerika ohne Waffen, Munition, Kriegstagebuch und Enigma angekommen war.

Vom "Geisterkommandanten" war die Rede, der statt Wermuth auf dem Turm des U-Bootes vom Typ IX C/40 gestanden haben soll, um sich zu tarnen. Auch von einem geplanten Nervengasangriff auf New York, einer Meuterei und Nazischätzen handelte das wilde Seemansgarn. Und natürlich, die schrägste Legende von allen, dass Hitler selbst samt Eva Braun und Gefolge an Bord gewesen sei ...

Die Lügengeschichten gingen um die Welt. Nur: Wie hätte der "Führer" aus Berlin auf ein U-Boot kommen sollen, das seit Anfang März 1945 im Atlantik unterwegs war und Ende April – kurz vor den Selbstmorden im Bunker der Reichskanzlei – vor New York auf der Lauer lag?

Otto Wermuth selbst hätte alle kruden Mythen entzaubern können. Aber er tat es nicht. Er schwieg. Beharrlich. Und verkaufte im zivilen Leben Herrenkleidung im Geschäft seiner Schwiegereltern. Zunächst bei "Stückle" in der Aalener Bahnhofstraße 9, später in Schorndorf.

Wermuth fuhr viel langsamer als möglich.

Dr. Axel Niestlé U-Boot-Historiker

Der Weltkriegsveteran lebte nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft beschaulich, heiratete seine Hanna und wurde 1952 Vater eines Sohnes. Vom Krieg sprach er draußen nicht, obwohl viele über ihn, "den U-Boot-Helden", redeten: "Meine Mutter und meine Großmutter berichteten, dass nach dem Krieg das Gerücht umgegangen sei, Otto Wermuth habe Adolf Hitler oder irgendwelche anderen Nazi-Größen mit seinem U-Boot nach Argentinien gebracht. Er selbst sagte dazu aber gar nichts", erinnert sich der Aalener Rechtsanwalt Michael Fleischer. Der Fraktionschef der Grünen wuchs in Wermuths Nachbarschaft auf. Und Hanna Wermuth war die Schwägerin seines Onkels.

"Ottos Sohn Stefan war vier Jahre älter als ich." Sie spielten manchmal gemeinsam im Garten, hörten später Schallplatten zusammen. "Er zeigte mir auch chemische Experimente, für die er schon damals ein großes Faible hatte." Wermuths Sohn promovierte später in Chemie. Und gründete selbst eine Familie.

Das sehr gepflegte Haus des Ex-Kommandanten blieb tabu für Besuch, erinnert sich Fleischer an seine Kinder- und Jugendzeit: "Der Otto lebte völlig zurückgezogen und wirkte im Grunde genommen immer wie jemand, der von allen in Ruhe gelassen werden will."

All das deckt sich mit dem Bild, das mehr und mehr entsteht, wenn man sich der historischen Figur Otto Wermuth zu nähern versucht: "Ihn umgab eine Aura der Unnahbarkeit", erinnert sich ein anderer Nachbar, "er war immer sehr introvertiert." Unter den Krieg hatte der hochdekorierte U-Boot-Mann (Eisernes Kreuz 1. und 2. Klasse), der mit dem sehr erfolgreichen Boot U 103 drei Schiffe versenkt hatte, einen dicken Schlussstrich gezogen. Auch die Reichskriegsflagge seines U-Bootes U 530, die ihm Ende der 60er-Jahre aus Argentinien über das Auswärtige Amt in Berlin angeboten wurde, erinnert sich der Zeitzeuge, "wollte Wermuth nicht wiederhaben". In Mar del Plata, so heißt es, sei er "durch seine Ritterlichkeit nachhaltig in Erinnerung geblieben".

Die Flagge hatte der Kommandant von U 530, der trotz seiner nur 24 Jahre schon als erfahrener "Alter" galt, der argentinischen Marine übergeben. In der trügerischen Hoffnung, im neutralen Argentinien der Kriegsgefangenschaft entgehen zu können, legte der Oberleutnant zur See das Schicksal der Crew in die Hände des Landes, das schon seit März 1945 nicht mehr neutral war. Die Feindfahrt, die zur Flucht wurde, endete dann doch in Kriegsgefangenenlagern in den USA, Großbritannien und Deutschland – bis zur Entlassung am 12. Oktober 1946 aus dem "Munsterlager" in Niedersachsen. Danach lebte der Aalener bis zu seinem Tod am 6. Februar 2011 – nur vier Tage nach seiner Ehefrau – ein neues, ganz ruhiges Leben.

Nahm der verschwiegene U-530-Kommandant doch ein Geheimnis mit in den Tod? Seit dem Auslaufen des Langstreckenbootes wussten die Alliierten mit jeder Seemeile besser, was die verhassten "Grauen Wölfe" vorhatten. Der einzigartige Augenzeugenbericht von U-Boot-Matrose Walter Gerhard Nellen, der nach unseren aktuellen Recherchen als Funkgefreiter (damals 20) auf U 530 im Einsatz war, zeichnet die "Feindfahrt" sehr genau nach: "Unser Operationsgebiet, welches wir Ende April ‘45 erreichten, lag vor der Ostküste der Vereinigten Staaten." Dorthin hatte der Befehlshaber der U-Boote (BdU) neben U 530 fünf weitere "Paukenschlagjäger" befohlen: U 190, U 866, U 548, U 857 und U 879. Die alliierte U-Boot-Abwehr kannte jedoch die Marschwege, hörte die entschlüsselten Wettermeldungen der Deutschen mit – und postierte "Killer-U-Jagdgruppen" mit Flugzeugträgern und Zerstörern entlang der Korridore. Sie rechneten die Geschwindigkeiten der Deutschen hoch – und orteten sie dann in den überwachten Seegebieten mit tödlichem Erfolg.

Ihn umgab eine Aura der Unnahbarkeit.

Ein Zeitzeuge Nachbar aus der Ludwigstraße

Aber Wermuths U 530 blieb unentdeckt. Weil er in ständiger Unterwasserfahrt genauso geduldig wie vorsichtig über den Atlantik schlich und somit weit hinter den Berechnungen blieb. "Er hinkte förmlich hinterher, fuhr viel langsamer als möglich, kassierte dafür sogar einen schweren Rüffel per Funk vom BdU", sagt der renommierte U-Boot-Historiker Dr. Axel Niestlé. Aber U 530 gewann mit der "Schneckentaktik" viel Zeit – und wich den U-Boot-Jägern erfolgreich aus. Während bei U 866, U 548, U 857 und U 879 die Fallen zuschnappten, die Boote mit voller Wucht auf den Meeresgrund gebombt wurden, konnte U 530 der Treibjagd entkommen.

Der junge, aber schon gewiefte Oberleutnant zur See Otto Wermuth wusste sicher, wie aussichtslos die Feindfahrten im längst verlorenen Krieg geworden waren – und dass das Ende nah war. Hat er ganz bewusst Zeit geschunden? Stellte er das Überleben seiner Mannschaft über den sinnlosen "Heldentod"?

Jedes zweite deutsche U-Boot kehrte damals nicht mehr zurück. Viele seiner Kameraden, die er seit seinem Eintritt in die Kriegsmarine im September 1939 kennengelernt hatte, waren schon gefallen, als er für seine erste Mission als Kommandant in See stach. Wermuth wählte einen ungewöhnlichen Kurs: Vor der US-Ostküste tauchte er erfolgreich ab – und erst vor Argentinien wieder auf. Einen letzten Beweis dafür, ob das schon früh seine Absicht war, wird es nie geben. Und auch die US-Navy-Protokolle zu den Vernehmungen des auch dabei recht zugeknöpften Kommandanten sind mit größter Vorsicht zu genießen: Sie sind schon auf den ersten Blick fehlerhaft bei simpel nachprüfbaren Kleinigkeiten.

Aber: In wesentlichen Passagen decken sich die Kommandantenaussagen mit den sehr glaubhaften Schilderungen des Bordfunkers Nellen aus dem heutigen Duisburger Stadtteil Homberg, der schrieb: "Als einziger Ausweg erschien uns der Gedanke einer Landung an neutraler Küste." Und die Wahl der 54 zumeist sehr jungen Deutschen fiel auf Mar del Plata.

Alle Mann überlebten den Krieg. Ihr Kommandant aus Aalen hatte sie in Sicherheit gebracht. "Es ging vor allem darum, möglichst unentdeckt zu bleiben. Unkonventionelles Verhalten war 1945 wie eine Lebensversicherung für deutsche U-Boote, um der Vernichtung zu entgehen", beschreibt Niestlé die Lage zum Kriegsende. Und vielleicht schwieg Otto Wermuth, weil diese Geschichte keine klassische Heldengeschichte war, wie man sie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch in Deutschland noch immer hören wollte. Dabei ist Wermuths mutige Fluchtfahrt, die 54 Menschenleben rettete, eine laute Erzählung wert …

Damian Imöhl und Erwin Hafner

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Der schmächtige Kriegsmarineoffizier galt mit nur 24 Jahren schon als fronterfahrener "Alter". So nannten die U-Boot-Männer ihre Kommandanten. Otto Wermuth trug auch schon das Eiserne Kreuz.
U 977 und U 530 (r.) liegen nach der Flucht gemeinsam vertäut im Hafen. Das Langstrecken-U-Boot U 530 vom Typ IX C/40 ist größer als U 977 (Typ VII C), das erst am 17. August 1945 in Mar del Plata einlief.
Nach der Überführung von U 530 in die USA wurde das Unterseeboot bei Kriegsbeutetouren ("War Bond Tours") präsentiert, bis die US Navy es bei Torpedoübungen am 21. November 1947 versenkte.
Vier Tage vor seinem 25. Geburtstag wurde Wermuth in Buenos Aires von der US Navy vernommen.
Der Auszug aus dem Geburtsregister: Vor fast genau 100 Jahren wurde Otto Wermuth in Aalen geboren.
Das Grab von Hanna und Otto Wermuth auf dem Waldfriedhof in Aalen. Er starb am 6. Februar 2011, nur vier Tage nach seiner Ehefrau, im Alter von 90 Jahren. Nach dem Krieg hatte der Ex-Kommandant im Bekleidungsgeschäft seiner Schwiegereltern gearbeitet, zunächst in der Aalener Bahnhofstraße, später dann in Schorndorf. Fotos/Repros/Layout: Stadtarchiv Aalen, di, ca, opo, afn, Niestlé

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