Die Klinikfrage: Von Nähe und Leuchttürmen

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Leni Breymeier (li) und Rocherich Kiesewetter (re)
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In der aktuellen Diskussion über die optimale Klinikstruktur im Ostalbkreis melden sich nun die Aalener Bundestagsabgeordneten Breymaier und Kiesewetter zu Wort.

Aalen

Ein neues Zentralklinikum, zwei Gesundheitscampus und ein Gesundheitszentrum? Oder doch zwei Kliniken plus weitere Standorte der ambulanten Versorgung? Bislang haben sich Leni Breymaier (SPD) und Roderich Kiesewetter (CDU) mit Aussagen zur Zukunft der Kliniken zurückgehalten. Gegenüber der SchwäPo haben sich beide nun geäußert.

Wie die optimale Klinikstruktur für den Ostalbkreis aussehen soll, da will sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier nicht festlegen. „Mir ist wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger im akuten Notfall zügig eine adäquate Behandlung bekommen.“ Aber auch bei komplexeren Erkrankungen, die einer umfassenderen Behandlung bedürften, sei es wichtig, „eine gute, spezialisierte Versorgung zu haben“. Breymaier: „Nähe allein ist nicht alles.“ Wer wisse, dass er kompetente Behandlung erfahre, sei „auch bereit, 15 Minuten länger zu fahren“.

Den Kreistagsbeschluss, erst einmal keine Standortentscheidung zu treffen, sondern in einen Beteiligungsprozess mit der Bevölkerung zu gehen, findet sie richtig. „Die, die Interesse an dem Thema haben, sollten die Möglichkeit haben, Entscheidungsprozesse und Rahmenbedingungen kennenzulernen.“ Sie wünsche sich, dass am Ende „Notwendigkeiten“ das maßgebliche Kriterium sind bei der Ausgestaltung der Kliniklandschaft auf der Ostalb und nicht lokales Wunschdenken.

Ansatz „nicht verkehrt“

Zu erwarten sei auch, dass das neue Krankenhauskonzept von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach „hart“ in die Standortpolitik eingreifen werde. Es sieht vor, dass Kliniken nach neuen Kriterien honoriert werden, so dass es eine Grundversorgung gibt, Spezialeingriffe aber auf besonders gut ausgestattete Kliniken konzentriert werden. „Beim ersten Draufschauen“ finde sie diesen Ansatz „nicht verkehrt“. Ihr Anspruch sei, „dass alle die Versorgung bekommen, die sie benötigen. Geld ist genug da im Gesundheitssystem.“ Langfristig favorisiere sie noch immer dessen Finanzierung über eine Bürgerversicherung, „aber dafür gibt es keine Mehrheit“.

Kritik am Kirchturmdenken

Auch Roderich Kiesewetter, der Aalener CDU-Bundestagsabgeordnete, hat sich bislang in der Klinik-Frage zurückgehalten. Im Gespräch mit der SchwäPo gibt er diese Zurückhaltung aber auf - weil er sich sorge, wie er sagt: „Die große Chance, die Kliniklandschaft zu reformieren, wird jetzt wieder vertagt, vertagt, vertagt“. Dann wolle man die Bürger „miteinbeziehen“. Viel wichtiger wäre es jedoch, dass man den Bürgern sagt, „was brennt, wenn man nichts tut“. Dann könne man Bürger beteiligen – auf Grundlage von Faktenwissen. Er sei „ein bisschen enttäuscht“, dass man noch nicht weiter sei, und man jetzt wieder in einen Abmangel von 30 Millionen Euro gehe, ohne dass jemand mutig und beherzt vorangehe. In Aalen und Schwäbisch Gmünd sieht Kiesewetter Kirchturmdenken – und er bewundere die Ellwanger, bei denen er diesbezüglich eine Zurückhaltung erkennt. Man müsse klar machen, was auf dem Spiel steht: „eine Topversorgung“. Derzeit könne man von Topversorgung nicht sprechen – und es werde noch schlechter. Kiesewetter verlangt eine Zeitenwende, auch bei den Kliniken auf der Ostalb.

Führung gefragt

Es sei jetzt Führung gefragt. Wenn man nichts mache, dann drohe die Gefahr, dass man in naher Zukunft drei nicht funktionstüchtige Kliniken habe. Die Bürger hätten schon mit den Füßen abgestimmt – und gingen in die Klinken nach Stuttgart oder Ulm. Das habe Auswirkungen – weil gute Ärzte nicht mehr in die Region kommen. Daher spricht sich Kiesewetter dafür aus, einen Leuchtturm zu schaffen – mit Grund: „Wenn wir die Top-Spezialisten haben wollen, dann müssen wir denen was bieten“, davon ist Kiesewetter überzeugt. Grundversorgung gebe es weiter in Mutlangen, Ellwangen und auch Bopfingen. Und wenn immer ins Feld geführt werde, dass ein neues Klinikum 800 Millionen Euro koste – dann müsse auch gesagt werden, dass es in Aalen einen Investitionsbedarf von 500 Millionen Euro gebe, in Ellwangen von zehn Millionen und in Mutlangen von 100 Millionen Euro. Rechne man  den Verlust von 30 Millionen Euro jährlich dazu, dann liege man „bei über einer Milliarde in zehn Jahren“. Das könne ja kein Dauerzustand sein. Landrat Dr. Joachim Bläse sieht er auf dem richtigen Weg mit seinem Vorschlag, einen Regionalversorger anzustreben und Grundversorgung in den Räumen. Und entscheiden müsse der Kreistag.

Kritik an Aalener Alt-OB

Kritik übt Kieswetter an „zwei Alt-Oberbürgermeistern“, weil dies „unnötigen Druck“ auf jetzt in der Verantwortung stehende Oberbürgermeister ausübe. Kiesewetter meint damit die Aalener Alt-OB Thilo Rentschler und Ulrich Pfeifle, die sich in Stellungnahmen klar für den Erhalt des Aalener Ostalb-Klinikums positioniert hatten.

Leni Breymaier
Roderich Kiesewetter am 02.07.20 in Berlin im Deutschen Bundestag. / Foto: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

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