Die Meisterin der Ostalb-Osterkerzen

  • Weitere
    schließen
+
Ein Besuch bei Benediktinerschwester Immaculata in ihrer Kerzenwerkstatt in der Abtei Kellenried in der Nähe der barocken Klosterstadt Weingarten. In aller Stille, mit Blick in den Kreuzgarten, gestaltet sie hier jährlich mehrere hundert Osterkerzen.
  • schließen

Die aus Aalen stammende Schwester Maria Immaculata Kieninger widmet sich seit 58 Jahren in der Benediktinerabtei Kellenried einer sehr intensiven Form der Glaubensverkündigung.

Aalen

Ihre Osterkerzen brennen zum Auferstehungsfest in vielen Kirchen der Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg und auch im Bistum Augsburg. Die Handschrift der gebürtigen Aalenerin, Schwester Maria Immaculata Kieninger, tragen aber traditionell auch die Osterkerze in der Aalener Marienkirche und weitere Auferstehungskerzen in 30 katholischen Kirchen der Ostalb. Seit 58 Jahren widmet sie sich in ihrer Kerzenwerkstatt in der Benediktinerabtei Kellenried nahe Weingarten einer sehr intensiven Form der Glaubensverkündigung: Ihre Freude am Evangelium drückt die Zweitälteste der dort noch lebenden 15 Schwestern in christlichen Symbolen aus. Die Konturen schneidet sie mit ruhiger Hand und mit Hilfe feiner Messerchen ins Wachs, bevor sie sie mit Farbpigmenten und Lack füllt.

"Wissen Sie, mein Leben ist unwahrscheinlich glücklich verlaufen", erzählt die 91-jährige Ordensschwester, während sich der elektrische Bohrer in ihrer Hand schrill jaulend ins noch jungfräuliche Wachs einer Kerze schafft. Hier hinein wird sie einen der fünf Nägel treiben – kleine, dunkel gefärbte Wachspyramiden, die die fünf Wundmale Jesu symbolisieren. "Die beziehe ich von meiner Außenwerkstätte in Aalen", schmunzelt die Nonne. Und erzählt von ihrem heute 93-jährigen Bruder Josef Kieninger, der für sie die Kreuzesnägel seit 30 Jahren daheim in seiner Kellerwerkstatt auf der Aalener Heide aus heißem Wachs gießt.

Die Erste für die Heimatsmühle

Sprichwörtlich wie die Jungfrau zum Kind sei sie damals zum Kerzenmachen gekommen. Ihre erste Kerze war keine Oster- sondern eine Hochzeitskerze. Die hatte ihre Mutter 1963 für die Hochzeit von Hede und Max Ladenburger von der Heimatsmühle bestellt. "Also habe ich's probiert. Wie gestaltet man Symbole, wie bekommt man sie auf die Kerze. Das war der Anfang."

Längst hat sich die von Schwester Immaculata aufgebaute und geleitete Kerzenwerkstatt im Kloster auf einer Anhöhe unweit von Weingarten zu einem bedeutenden Erwerbszweig der Abtei entwickelt. Die Kerzen werden sogar bis nach Italien, Frankreich, Indien, Polen und Skandinavien verschickt. "Stellen Sie sich vor, in wie vielen Kirchen um diese Zeit eine Osterkerze von uns brennt. Mit den Kerzen geben wir viel Segen hinaus. Das ist doch etwas Großartiges", freut sich die Ordensschwester, die direkt aus Aalens Mitte stammt, aus der früheren Gewerbeschule. "Dort haben wir im obersten Stockwerk gewohnt. Im Winter sind wir auf der Bundesstraße, der heutigen Stuttgarter Straße, Schlittschuh gelaufen", erinnert sich die ausgebildete Krankenschwester, Katechetin und Landwirtin.

Der Vater war Hausmeister der Gewerbeschule und hat die Stadtwaage bedient. "Jeder Heuwagen musste dort gewogen werden." Die Mutter war eine sehr fromme Frau. "Aber normal christlich, überhaupt nichts Übertriebenes. Dafür bin ich heute noch sehr dankbar."

Ab der Erstkommunion ging Maria Kieninger, so ihr bürgerlicher Name, täglich hinüber in die Kirche. Aus freien Stücken. 25 Jahre war sie alt, als sich die Flügel des Klosterportals Kellenried hinter ihr zum ersten Mal schlossen. Was sie zu diesem Schritt bewegt hat? "Das ist Berufung. Das ist, wie wenn sie verliebt sind", sagt sie und ihre Wangen glänzen dabei noch ein wenig rosiger.

Mit unseren Kerzen geben wir viel Segen hinaus.

Schwester Immaculata Benediktinerabtei Kellenried

Einzige Frau unter 80 Burschen

Als Novizin war sie für den Klostergarten zuständig, dann hat man sie für die Landwirtschaft bestimmt. Auch davon hatte sie zunächst keine Ahnung. "Also meldete ich mich mit 36 Jahren an der landwirtschaftlichen Schule an und büffelte als einzige Frau unter achtzig 16- bis 17-jährigen Burschen Ackerbau, Grünland und Tierzucht." Tagsüber rackerte Schwester Immaculata im Stall und auf den Feldern. Und nachts machte sie sich in filigraner Fingerarbeit an die Gestaltung der Kerzen.

Auch heute noch geht jedes einzelne Exemplar durch ihre Hände. In den "besten Jahren" waren es etwa 1000 Osterkerzen im Jahr. Hinzu kommen Kerzen für Hochzeiten, Taufen und Kommunion. "Das waren jährlich bis zu 1800 Kerzen."

Doch diese goldenen Zeiten sind vorbei. In diesem Jahr sind es nurmehr 351 Osterkerzen. "Jedes Jahr geht die Zahl weiter zurück", stellt die Ordensschwester fest. "Die Kirchenpfleger müssen sparen. Und die jungen Pfarrer wissen gar nicht mehr, dass es uns gibt."

Mit ihrem Geburts- und Heimatort Aalen bleibt Schwester Immaculata im Herzen verbunden. Jeden Sonntag wird von ihr alles, was unter der Postleitzahl 73430 aufgeführt ist, mit dem Psalm 125 bebetet. "Weil's da heißt: Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr um sein Volk von nun an auf ewig." Das Wort Jerusalem tauscht sie dann eben ganz pragmatisch gegen Aalen aus.

"Wissen Sie", sagt die Ordensschwester dann. "Was ich alles umgetrieben habe ohne anfangs eine Ahnung davon zu haben... Meine ganz intensive Christusbeziehung, mein ganz großes Urvertrauen hat mir immer geholfen." Unvermittelt breitet sie beide Arme aus. "Meine zwei Flügel, die ich jetzt noch habe, sind Dankbarkeit und Vergebungsbereitschaft. Das ist das A & O jeder Gemeinschaft."

Fachmännisch setzt sie die Bohrmaschine an.
Regenbogen und Taube als christliche Symbole.
Jede Osterkerze erhält eine Beschreibung und wird verpackt.
Josef Kieninger stellt die Kreuzesnägel her.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL