Die Palmers und Aalen

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Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

Boris Palmers verbale Eskapaden haben mit seinem Vater zu tun, dem „Remstal-Rebellen“. Erinnerungen an den OB-Wahlkampf 1975.

Aalen

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Dieses Sprichwort trifft haarscharf auf Boris Palmer zu - den Tübinger OB, der jetzt erneut bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Ein sehr selbstbewusster Mann, der, ob seiner Pandemie-Erfolge in Tübingen bestaunt, in kaum einer Talkrunde fehlt. Und sich jetzt nach Ansicht vieler gewaltig im Ton vergriffen hat.

Wer diesen Polarisierer zu beurteilen versucht, muss seinen Vater Helmut und dessen Verhältnis zu ihm kennen. Der sogenannte „Remstalrebell“ trat in den 70er-Jahren überall im Ländle als Aufsehen erregender OB-Kandidat auf. Sägte im Wahlkampf Alleebäume um, versetzte Ortstafeln und wetterte in Großanzeigen der Lokalpresse genauso wie beim Verkauf seiner „Palmer-Rettiche“ gegen Missstände und örtliche Obrigkeiten. Und sah stets bei Begegnungen mit der Polizei „braun“. Weil er nie über seine Behandlung als Sohn eines jüdischen Vaters im Dritten Reich hinweg gekommen war.

Öfters saß er wegen solcher Ausfälle gegen die Ordnungshüter auf dem Hohenasperg ein. Und schrieb mir von dort Kartengrüße, obwohl er mich in Anzeigen gleichfalls angegangen und als „Sch...Hafner“ apostrophiert hatte. Auch steht in meinem Bücherschrank Palmers Buch „Mein Kampf – im Filbinger-Land“.

Dann die Aalener OB-Wahl am 9. November 1975. Palmer kam auf fast 20 Prozent, im ersten Wahlgang sogar über 26 Prozent. Er verhinderte damit den Sieg des absoluten Favoriten Dr. Eugen Volz (CDU). Nicht zuletzt wegen dessen Rolle in der vorangegangenen Gemeindereform, bei der Wasseralfingen nach Aalen zwangseingemeindet worden war. Und verhalf somit Ulrich Pfeifle, der von der Reform unbelastet nach Aalen kam, zum großen Durchbruch.

Als dies erlebte Sohn Boris hautnah. Er hatte keine rosige Jugend. An jedem Wochenende musste er in aller Herrgottsfrühe mit auf den Großmarkt in Stuttgart, den Verkaufswagen aufladen und anschließend auf den Märkten Gemüse verkaufen. Auch in Aalen und Wasseralfingen. Und hatte dabei die Provokationen seines Vaters mit zu ertragen. Der duldete auch keinen Widerspruch des Sohns. Und hatte eine „lockere Hand“, die hin und wieder „ausrutschte“.

Auch Palmers Frau hatte es nicht leicht. Nach der Kandidatenvorstellung wurde er im Ratskeller von einer geselligen Runde an den Tisch gebeten. Darauf angesprochen, ob er bei seinen Tag-und-Nacht-Einsätzen überhaupt noch Zeit für seine Frau habe, meinte er laut lachend: „Im Monat einmal. Das aber ist dann jedesmal ein mittleres Erdbeben“.

Dieser Abend hatte indes ein Nachspiel. Palmer war bei der Kandidatenvorstellung in der Stadthalle mit einem Satz auf die Bühne gesprungen, als ihm OB Schübel das Mikrofon abstellte, und, als Hinweis auf dessen Nazi-Vergangenheit die rechte Hand zum Hitler-Gruß erhoben, in den Saal schrie: „Sieg heil, sieg heil“! Die Aalener Rathaus-Mitarbeiter, die danach dann mit Ratskeller dabei waren, mussten anderntags dann bei Schübel „vorreiten“.

Kindheitserlebnisse

Zurück zu Boris Palmer. Dessen verbale Aussetzer erklären manche mit der Erziehung durch den Vater. Den hat er wohl einerseits bewundert, andererseits aber auch unter ihm gelitten – psychologische Komponenten? Traumatisierte Kindheitserlebnisse?

Wie auch immer der Fall Boris Palmer und die Grünen ausgeht: Palmer bleibt selbstbewusst und sagt: „Diese Partei braucht mich.“

Rassistische Begriffe werden ungern gehört

Auf seiner Facebookseite hat Palmer einen Artikel über die verbalen Entgleisungen der Fußball-TV-Experten Aogo und Jens Lehmann gepostet. Lehmann hatte den Ex-Bundesliga-Profi Aogo als „Quotenschwarzer“ bezeichnet. Aogo hatte den Ausdruck „Trainieren bis zum Vergasen“ benutzt. Palmer wiederum hatte ironisch das Wort „Neger“ gebraucht.

Die Grünen brauchen mich.“

Boris Palmer, OB von Tübingen
Kandidatenvorstellung in der Stadthalle am 17. Oktober 1975. Am Rednerpult Kandidat Helmut Palmer, der sogenannte „Remstal-Rebell“. Das Interesse an der Kandidatenvorstellung ist groß, die Halle ist voll besetzt. Während Palmer spricht, warten die anderen Kandidaten im Dirigentenzimmer. Archivfoto: SP

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