Durchgefallen! Wenn man beim Fahren beobachtet wird

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Begleitet von Fahrlehrer Harald Bullinger bei einer Beobachtungsfahrt. Dabei schaut er mit Argusaugen auf die Fehler, die sich nach jahrzehntelanger Routine eingeschlichen haben.
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Nach der Führerscheinprüfung vor 35 Jahren unterwegs mit einem Fahrlehrer. Welche Fehler sich seitdem eingeschlichen haben.

Aalen

Nach 50 Metern bin ich durchgefallen. Theoretisch. Meinen Führerschein habe ich glücklicherweise schon vor rund 35 Jahren gemacht. Nach dieser Zeit habe ich mich nun für eine sogenannte Beobachtungsfahrt hinters Steuer gesetzt. Man weiß ja nie, was man noch kann in Zeiten, in denen man darüber nachdenkt, seinen alten Führerschein gegen ein neueres Exemplar umzutauschen. Lohnt das noch, ist die - auch hier eher theoretische - Frage.

Unter die Lupe nehmen lässt man sich nicht alle Tage. Ich bin aufgeregt, als ich mich neben Fahrlehrer Harald Bullinger an Steuer setze. Vor mir neueste Technik, die mir der Fachmann von der Fahrschule Diebold erst mal erklären muss. Mein alter Golf braucht einen Zündschlüssel, hier genügt es, einen Knopf an der Armatur zu drücken. Nach fünf Minuten darf ich los - drehe das Auto auf der Gartenstraße um 180 Grad und fahre Richtung Rewe. Kein Problem, denke ich.

Denkste: Bullinger zählt auf Drei. „Jetzt wären sie durchgefallen“, sagt er. Drei Sekunden lang war ich in der 30er-Zone über fünf Stundenkilometer zu schnell unterwegs. „Das habe ich auch schon gehabt in der Prüfung“, sagt Bullinger. „Da ist dann Feierabend.“ Bei einer Beobachtungsfahrt nicht. Ich mache mich wieder locker und fahre mit einer Hand am Steuer. Nicht gut - ebenso wenig wie mein überkreuzender „Affengriff“ ins Lenkrad. Fehler.„Bitte mit zwei Händen“, sagt Bullinger.

Das A und O: Schulterblick

Puh. Verunsichert lege ich nach und mache in der 50er-Zone den gleichen Fehler wie in der 30er-Zone. Ich bin zu schnell. „Ich sage immer, lieber 46 oder 47, damit ich noch einen kleinen Puffer nach oben habe“, erklärt mir Bullinger seelenruhig. Einen kleinen Trost gibt er mir noch mit: „Das kommt mit der Erfahrung, wenn man sein Auto besser kennt.“ Das Fahrschulauto ist für mich aber neu.

So neu, wie die Erfahrung, dass mir jemand beim rückwärts einparken mit Argusaugen zuschaut. Der Schulterblick ist mir ins Gedächtnis eingebrannt. Ich schaue in den Spiegel und drehe meinen Kopf engagiert hin und her. „Schulterblick ist das A und O der Verkehrsbeobachtung und unerlässlich. Es gibt tote Winkel“, betont Bullinger, der seit 20 Jahren Fahrlehrer ist. Er weiß: auch bei Beobachtungsfahrten sind die häufigsten Fehler Geschwindigkeitsüberschreitungen, fehlender Schulterblick, die Verkehrsbeobachtung, die Handhabung des Fahrzeuges mit nur einer Hand am Lenkrad. „Man gewöhnt sich eben mit der Zeit solche Dinge an.“ Auch für erfahrene Autofahrer gelte: fehlt der Schulterblick, ist das gefährlich.

Problem: Routine statt Umsicht

Das Alter auch? 30 bis 40 Beobachtungsfahren hat Klaus Diebold als Fahrlehrer über die Jahre gemacht. „Es waren auch viele 80-Jährige, auch jemand über 90 darunter.“ Letzterem habe er geraten, es mit dem Fahren nun bleibenzulassen. Für den Senior sei eine Welt zusammengebrochen. „Es ist schon ein Riesenschritt, seine Mobilität zu verlieren“, sagt Diebold. Die Anfrage nach Beobachtungsfahrten würden ohnehin meist aus dem Familienkreis kommen, den Kindern, die sich Sorgen machen würden. Manches Mal aber auch von den Behörden, weil „der Fahrstil auffällig ist“, so Diebold. Besonders beliebt seien diese Beobachtungsfahrten aber bei Fahrlehrern und Fahrlehrerinnen nicht. „Es ist eine Empfehlung. Keine rechtliche Handhabe.“ Was, wenn man sagt, der Beobachtete sei noch sicher unterwegs, aber dann passiert doch was, gibt Diebold zu bedenken. „Eine Nachschulung ist uns eigentlich lieber.“ Besonders Ältere würden neue Regelungen nicht kennen, wären mitunter zu schnell unterwegs oder würden Umsicht mit Routine kompensieren, so Diebold. „Möglich ist auch eine Auffrischungsstunde für diejenigen, die jahrelang nicht gefahren sind“, fügt er an.

Das ist bei mir nicht der Fall. Trotzdem. Bei der Gefahrenbremsung, die es anno dazumal in der Prüfung nicht gab, versage ich kläglich. Viel zu zaghaft steige ich in die Eisen. Abgewürgt. Nicht bestanden. Zweimal. „Lassen sie mich mal übernehmen“, sagt Bullinger. Ich bekomme ein mulmiges Gefühl, auch, weil ich trotzdem hinter dem Steuer sitze. Bullingers Bremsung hat deutlich mehr Schmackes als meine. Dafür beeindrucke ich ihn, indem ich problemlos im zweiten Gang anfahre.

Bleibt noch die Fahrt durch den Kreisverkehr. Eigentlich muss ich blinken, wenn ich rausfahre. Das weiß ich, und mach es diesmal richtig. Dafür fehlt hier und noch ein paar Mal der Schulterblick. Zudem drehe ich auf der Straße um, obwohl ich das auch in einer privaten Hofeinfahrt dürfte. Rückwärts einparken passt dafür. Ein weiteres Mal ohne moderne Einparkhilfe aufs erste Mal. Meinem alten Golf sei Dank. „Das würde jetzt bei der Prüfung passen“, sagt Bullinger. Ich bin erleichtert - und froh, dass ich nicht noch mal hören muss: durchgefallen.

Die Beobachtungsfahrt ist kein „Idiotentest“

Die Beobachtungsfahrt ist nicht zu verwechseln mit der medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) - im Volksmund „Idiotentest“ genannt. Diese wird meist notwendig, um den Führerschein wieder zu bekommen.Wer betrunken oder unter Drogeneinfluss Auto fährt, dem droht der Führerscheinentzug. Dies gilt ebenso für alle Verkehrsteilnehmer, die mehr als sieben Punkte auf Ihrem Punktekonto in Flensburg haben. Ab acht Punkten muss gemäß dem Bußgeldkatalog die Fahrerlaubnis abgegeben werden.

Würden Sie die Theorieprüfung schaffen? Machen Sie mit bei unserem Quiz.

Auch das rückwärts Einparken gehört zur Beobachtungsfahrt. Hier heißt es einmal nicht: durchgefallen.

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