Ein Hauch von 68 weht durch Aalen

  • Weitere
    schließen
+
Der Protest der jungen Aalener richtete sich vor allem gegen NPD-Chef Thadden.

In der dreiteiligen Reihe beleuchtet Stadtarchivar "schillernde" Bauwerke. Heute: die Stadthalle.

Aalen

Am 31. Mai 1957 war es endlich so weit: Begeistert feierten die Aalener die Einweihung der "Stadt- und Sporthalle" am Fuße der Schillerhöhe – und ein klein wenig auch sich selbst. Nach Jahrzehnten von Krieg und Entbehrung sollte die Stadthalle Symbol für die kulturelle Wiedergeburt Aalens werden. Nicht umsonst zeigt das Steinmosaik im Innenraum der Halle den Lichtbringer Prometheus.

Wie aber kam es zum Bau der Stadthalle? Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich abgezeichnet, dass der Spritzenhaussaal im alten Feuerwehrmagazin – heutiger Standort: Mode Funk – nicht mehr ausreichen würde. Nach dem Zweiten Weltkrieg platzte die Stadt aus allen Nähten. Fast 30 000 Alt- und Neuaalener – viele von ihnen Flüchtlinge aus dem Osten – sehnten sich bald nicht mehr nur nach einem Dach über dem Kopf. Sie sehnten sich auch nach Kultur- und Vereinsleben. Ein neues Kulturzentrum musste her, beschloss der Gemeinderat im März 1953.

Kein Platz in der Aalener Altstadt

Bloß wohin? In der beengten Altstadt fand das Stadtplanungsamt keine Lücke mehr. Stattdessen empfahl die Verwaltung, die neue Stadthalle zum Zentrum des Vorzeigestadtquartiers Rohrwang-Hüttfeld zu machen. Das Viertel beherbergte mit seinen schicken Einfamilienhäusern nicht nur ohnehin den besonders kulturbegeisterten Teil der Aalener Stadtbevölkerung. Der Weg zur Halle von der Innenstadt war auch äußerst kurz.

Im Herbst 1954 schrieb der Gemeinderat einen offenen Architektenwettbewerb aus. Einige Stadträte schienen aber bereits auf ihrer Besichtigungsreise im Sommer zuvor ein Vorbild gefunden zu haben. Die Stadthalle in Göppingen, die gerade vom Stuttgarter Architekturbüro Greif und Theil gebaut wurde, sieht jedenfalls dem Aalener Pendant verblüffend ähnlich: Hinter einer gläsernen Gebäudefront präsentiert sich ein mehrstöckiges Foyer mit Wendeltreppe und wie in Aalen befinden sich dahinter ein teilbarer Festsaal mit Konferenzraum im Obergeschoss und darunter die Funktionsräume. Für Aalen reichte das Architekturbüro Greif und Theil einen ähnlichen Entwurf ein, der aber auch die besondere Topografie am Hang einkalkulierte. Während die Göppinger Stadthalle über die schmale Stirnseite betreten wird, präsentiert sich die Aalener Stadthalle mit einer langen, gläsernen Front selbstbewusst gen Tal und Stadt.

Im Januar 1955 erhielt Greif und Theil den Zuschlag, und bereits im April 1956 stand der Rohbau. Die Front schmückte eine Grünanlage mit Wasserbecken, das zur Not auch als Löschwasser genutzt werden konnte. Auf der Rückseite wurde der Berghang terrassiert; im Winter perfekt zum Schlittenfahren. Im Mai 1957 war der Zwei-Millionen-Mark-Bau fertig, wobei Aalener Bürger immerhin ein Zehntel der Kosten durch Spenden beglichen.

Ein sittsames Eröffnungsprogramm

Das Eröffnungsprogramm gestaltete sich dem Zeitgeist entsprechend sittsam: Operetten, Klassik-Konzerte und Schauturnen. Das freilich sollte nicht so bleiben. Ende der 1960er Jahre trauerten auch Aalener Studenten um Benno Ohnesorg, und die Schüler vom THG streikten gar gegen die Einführung von Studienzugangsbeschränkungen.

Auch durch die Stadthalle wehte ein Hauch von 68, als die NPD im März 1968 für die anstehenden Landtagswahlen zur Kundgebung lud. Schon vor der Halle grüßten 100 Gegendemonstranten die Teilnehmer mit Plakaten wie "NPD = 3. Weltkrieg".

Im Foyer kam es dann zu tumultartigen Szenen zwischen NPD-Ordnern und Demonstranten, als die Veranstalter die Saaltür schließen wollten. In letzter Sekunde gelang es der herbeieilenden Polizei, die Gruppen auseinanderzubringen. Anschließend veranstalteten die jungen Linken ein Sit-in im Foyer und sangen Protestlieder.

Um sich dennoch Gehör zu verschaffen, pochte der NPD-Redner so heftig auf das Rednerpult ein, dass das Pultlicht zerbrach. Es sollte der einzige Sachschaden an diesem Abend bleiben, als die Stadthalle sich vom Symbol des Aufbruchs hin zu einem Symbol des Umbruchs entwickelte.

Walking Guide über die Schillerhöhe: Ab sofort können Sie mit Stadtarchivar Dr. Georg Wendt im Ohr selbstständig die Schillerhöhe historisch erkunden. Alle Informationen hierzu auf www.aalen.de/spaziergang.

Dr. Georg Wendt

Die Stadthalle 1957. Der südliche Flügel mit Restaurant und Kegelbahn wurde erst später angebaut.
Die Stadthalle in Göppingen diente als Vorbild der Aalener Stadthalle.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL