Eine Frau für „Wegschauthemen“

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Uta-Maria Steybe (65) war Leiterin der Stabstelle für Chancengleichheit, demografischen Wandel und Integration.
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28 Jahre arbeitete Uta-Maria Steybe bei Aalens Stadtverwaltung. Nun kann sie sich offiziell Rentnerin nennen. Bei einer Rückschau auf die vergangenen Jahre blickt sie auch in die Zukunft.

Aalen

Ihre Lieblingsblume? Die „Jungfer im Grünen“. „Ich bin eine begeisterte Gärtnerin“, sagt Uta-Maria Steybe. Doch eigentlich soll’s hier gar nicht um den grünen Daumen der Aalenerin gehen, sondern um das, was sie die vergangenen 28 Jahre bei der Stadtverwaltung, in Aalen und drumherum bewirkt hat. Denn die Leiterin der Stabsstelle für Chancengleichheit, demografischen Wandel und Integration kann sich nun offiziell Rentnerin nennen. Ob der Begriff zu ihr passt? Dazu später mehr.

Der Ostalbkreis und die inzwischen 65-Jährige lernten sich in den 70ern kennen. Geboren bei Tübingen, kam die junge Uta-Maria Steybe des Studiums wegen in die Region. An der Pädagogischen Hochschule in Gmünd habe sie schnell gemerkt: der Dreiviertel-Stunden-Rhythmus, der Frontalunterricht und sie passen nicht zusammen. Es zog sie nach Tübingen. Dort studierte sie Erziehungswissenschaften und erzog nebenbei ihren Sohn Hannes, ohne einen Vater. „Das war eine herbe Zeit. Ohne meine Mama hätte ich das nicht geschafft, das war ein Geschenk des Himmels“, sagt Steybe, die 1991 schließlich nach Aalen kam und Geschäftsführerin des Stadtjugendrings wurde.

Mit einer Stimme mehr wurde sie zwei Jahre später von Aalens Gemeinderat zur Frauenbeauftragten gewählt. „Wegen einer Stimme mehr ging mein Leben in eine andere Richtung“, sagt die Frau, die ihrem Gegenüber beim Sprechen fest in die Augen blickt. Von da an widmete sie sich ihren Herzensthemen: Feminismus, Gerechtigkeit und Integration.

Feminismus – eine Weltsicht

Feminismus, das hat für die 65-Jährige immer etwas mit Politik zu tun. Inzwischen werde über das Thema auf intellektueller Ebene diskutiert, die politische Schlagkraft, wie sie diese in den 80er und 90ern kennengelernt habe, sei verloren gegangen. „Feminismus ist für mich eine grundlegende Weltsicht. Es geht um die Suche nach Gerechtigkeit für Kinder, Frauen und Männer.“ Gendergap, Carearbeit – auf struktureller Ebene hätten wir immer noch die gleichen Probleme wie in den 90ern. Frauen und Männer handeln zu wenig aus, so Steybes Meinung. „Wenn ich in den Urlaub gehe, schließe ich einen Vertrag ab. Warum machen dies viele nicht, wenn sie in eine Ehe gehen“, fragt sie sich.

Wer den Namen Steybe hört, denkt nicht nur an eine toughe Frau, sondern auch an Schutzwohnungen für Frauen. Denn diese richtete sie 1993 in Aalen ein, die ersten in Baden-Württemberg wohlgemerkt. Wobei, den ersten Stein habe ihre Vorgängerin Gertrud Hahn ins Rollen gebracht, betont sie. Behörden und Entscheidungsträger von ihrem Konzept zu überzeugen, das sei kein Selbstläufer gewesen, sagt die Rentnerin, die mit ihrem Mann in Aalen wohnt. Da brauchte es Durchsetzungsfähigkeit und einen langen Atmen. Beides hat sie. Und Hörnchen – „ich bin Widder“, sagt Uta-Maria Steybe und deutet mit ihren Händen zwei Hörner an.

Auf ihren typischen Tagesablauf vor der Rente angesprochen, antwortet die Frau mit kurzem grauen Haar „ach du herziges Bisschen“, verstummt einen Moment, denkt nach. Jeder Tag sei anders gewesen. Veranstaltungsmanagement, Projektmanagement, Besuche in den Schutzwohnungen, und, und, und. Die Vielseitigkeit gefiel und gefällt ihr. „Sonst würde man das gar nicht aushalten.“

Die Vielseitigkeit ist es auch, die Steybe im Ruhestand sucht. Auf der Couch liegen und in den Tag leben, das ist nichts für sie. Steybe will sich selbstständig machen und mit dem Bündnis gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution ein Projekt gegen Pornografie starten. „Kinder und Jugendliche haben vor ihrem ersten Kuss oft schon eine Vergewaltigung gesehen“, erklärt sie. Von Eltern, Lehrerinnen und Lehrer werde dies noch nicht wahrgenommen. „Ich bin in meinem Leben für Wegschauthemen zuständig“, sagt sie. Ihre Kraft möchte sie künftig einsetzen für einen geschlechtersensiblen, respektvollen Umgang miteinander.

Viele Projekte hat Steybe beim Jäten entwickelt – vielleicht entstehen dabei in Zukunft weitere.

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