Gerhard Sittner korrigiert für sein Leben gerne – auch die SchwäPo

+
Gerhard Sittner liest auch noch mit 95 Jahren die Schwäbische Post und markiert die Rechtschreibfehler.
  • schließen

Gerhard Sittner liebt die deutsche Sprache und kümmert sich seit vielen Jahrzehnten darum, dass Menschen richtig schreiben. An diesem Mittwoch feiert er seinen 95. Geburtstag. Die SchwäPo wünscht alles Gute.

Aalen

In einer Nische auf einem kleinen Schreibtisch hat er sie gestapelt: mehrere Ausgaben des Duden. Die Journalistenbibel „Deutsch für junge Profis“ von Wolf Schneider. Das „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“. Und ein weiteres Standardwerk, „Richtiges und gutes Deutsch“. Das ist Gerhard Sittners Thema seit Jahrzehnten: richtiges und gutes Deutsch. An diesem Mittwoch wird Sittner 95 Jahre alt. Gerhard Sittner lebt im Seniorenwohnheim Albstift und kennt sich aus mit den Fallstricken der deutschen Sprache wie kaum ein anderer.

Akribisch liest er alles, was ihm unter die Augen kommt. Zu seiner Tageslektüre gehört die SchwäPo, ein „lokales Qualitätsmedium“, wie Sittner sagt. Aber er findet immer wieder „Ungenauigkeiten“ – bei der Groß- und Kleinschreibung. Bei der Kommasetzung. Oder wenn ein Journalist ein aus dem Englischen entlehntes Fremdwort benutzt. Dann zückt er den Rotstift. Denn Gerhard Sittner hat die Lizenz zum Röten. Meist schreibt er dann auch eine Mail. An Redakteurinnen und Redakteure. Oder an die Stadt. Und wer klug ist, liest sie. Denn man kann immer etwas lernen vom Rechtschreibfuchs Gerhard Sittner.

Ein paar Beispiele dessen, was Sittner anstreicht:

Der Bindestrich: Den setzt man unter anderem bei Zusammensetzungen mit mehreren Namen. So heißt es zum Beispiel St.-Ulrich-Kirche - und nicht St. Ulrich-Kirche. Oder Richard-Wagner-Festspiele - und nicht Richard Wagner-Festspiele. Und nicht Nord und Süddeutschland. Sondern Nord- und Süddeutschland.

Groß- und Kleinschreibung: Sittner schaut besonders darauf, wie das nach einem Doppelpunkt ist. Heißt der Satz "Daher ist wichtig: gründliches Recherchieren", dann wird nach dem Doppelpunkt klein geschrieben, weil kein kompletter Satz folgt. Anders ist es, wenn man so schreibt: "Daher ist wichtig: Gründliches Recherchieren ist ihre Pflicht." Denn es folgt nach dem Doppelpunkt ein kompletter Satz. Zuhause ist auch so ein Wort, bei dem Sittner immer genau hinschaut. "Ich muss nach zuhause" - da wird es klein geschrieben. "Ich habe mein Zuhause verloren" - jetzt schreiben wir's groß. Und mit den Bayern ist es ganz knifflig: Bayern ist deutscher Fußballmeister. Aber: Bayern München, Deutscher Fußballmeister 2021, ist auf dem absteigenden Ast.

Getrenntschreibung: Viele schreiben viel zu viele Worte auseinander, moniert Sittner. Auch trotz zahlreicher Reformen werde aus der Zwiebelsuppe keine Zwiebel Suppe oder eine Zwiebel-Suppe. Und aus dem Haarstudio kein Haar Studio. Wenngleich das mit den Eigennamen eine eigene Sache sei.

Denglisch: Ganz schlimm findet Gerhard Sittner, wenn anstelle deutscher Wörter Anleihen aus dem Englischen gemacht werden. Wenn er etwa "Ostalb-Kids" liest, dann ärgert sich der Mittneunziger so richtig. "Wir geben unsere Sprache auf", sagt er.

Modewörter: Wenn jemand schreibt, das könne er "nachvollziehen", auch dann setzt Sittner den Rotstift an. Es gebe so viele gute Begriffe: verstehen, begreifen, erkennen oder kapieren und einsehen oder einleuchten. Und falsch sei es auch noch, weil es ja eher "nachmachen" bedeute und nicht "verstehen". Und wenn dann noch einer "nach voll ziehen" schreibt: Dann gibt es einen doppelten Rotstrich.

Rechtschreibreformen findet er eigentlich gut, "weil sich Sprache verändert". Was ihn aber stört: dass es an Klarheit fehlt. Wenn der Duden die eine Schreibweise zulasse - und die andere auch: Dann hat das für Sittner nichts mit einer "Entwicklung der Sprache" zu tun, sondern der Duden gebe einfach nach.

Woher kommt eigentlich Sittners Faible für die Rechtschreibung? Von klein auf hat er gern gelesen. Als junger Mensch hat er für eine Schülerzeitung geschrieben. Und er war für die Gmünder Tagespost, die Schwesterzeitung der Schwäpo, als Mann er der ersten Stunde von 1959 an sieben Jahre lang im Einsatz als Reporter, berichtete von Gemeinderatssitzungen, Einweihungen, Festen und Bauwerkern.

Sittner kam vor mehr als 60 Jahren mit seiner Frau Brigitte nach Schwäbisch Gmünd. Dort schloss er seine Lehrerausbildung ab und unterrichtete von 1958 bis 1966 an der Volksschule in Leinzell, wechselte dann an die Klösterleschule nach Schwäbisch Gmünd, wo er über 20 Jahre, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1987, Konrektor war. Zudem arbeitete er an der Pädagogischen Hochschule als Ausbildungslehrer. Übrigens hat er bei seinen Korrekturarbeiten immer einen pädagogischen Ansatz: "Ich möchte nicht der Besserwisser sein, mir geht es darum, die deutsche Sprache zu erhalten." Und wenn - auch zum Beispiel über das SchwäPo-Projekt "Zeitung in der Schule" - die eine oder andere Anmerkung auf fruchtbaren Boden fällt, dann freue er sich.

Heute, mit 95 Jahren, lebt er im Albstift in Aalen. Es gefällt ihm dort gut, auch wenn er seit geraumer Zeit nicht mehr so flott unterwegs und sein Aktionsradius eingeschränkt ist. Schwimmen geht er jeden Tag - immer mindestens eine halbe Stunde. Er liest die SchwäPo. Arbeitet mit in der Redaktion der Hauszeitung des Albstifts, dem "Spion von Aalen". Er schreibt aber meist nicht. Sondern er macht das Korrektorat - mit seinem Rotstift. Denn er hat die Lizenz zum Röten.

Gerhard Sittner liest auch noch mit 95 Jahren die Schwäbische Post und markiert die Rechtschreibfehler.
Gerhard Sittner liest auch noch mit 95 Jahren die Schwäbische Post und markiert die Rechtschreibfehler.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare