Er war der Mann an der Kasse

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So kennt man Jacques Janke: Immer ein bisschen nachdenklich. Dabei war sein bisheriges Leben durchaus turbulent. Auch im Ruhestand bewegt er noch einiges.
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Für Theaterbesucher gehörte er zum Inventar: Jacques Janke. Jetzt ist er im Ruhestand nach einem wechselvollen Leben.

Aalen

Wer jemals eine Vorstellung im Theater besuchte, begegnete unweigerlich Jacques Janke. Er war der freundliche Mann an der Kasse, der die Karten verkaufte. Seit Februar dieses Jahres nun ist er im Ruhestand. „War kein schönes Ende mit Corona“, meint der 66-Jährige. Aufgrund der Pandemie gab es keine offizielle Abschiedsfeier. Dafür einen virtuellen Abschiedsgruß. Viele kleine Videos mit Grußbotschaften von Freunden und Weggefährten. Jacques Janke sagt gerührt: „Das war das schönste Geschenk“ und scrollt zum Beweis durch die Bilder auf seinem Handy. „Das Theater war wie eine Familie.“

Seit 2009 arbeitete Janke an der Theaterkasse. Eine Stelle, für die er sich nicht beworben hatte. „Den Job habe ich Katharina Kreuzhage zu verdanken.“ Die damalige Intendantin habe ihn angesprochen, nachdem der vorherige Kassierer verstorben war, erzählt Janke. Er war da schon einige Jahre als Barmann am Theater tätig, schenkte vor und nach den Vorstellungen im Alten Rathaus und im WiZ Getränke aus. Einen Tag Bedenkzeit habe er sich erbeten, dann sagte er zu. „80 Prozent Festanstellung bei der Stadt – ich wollte ohnehin am Theater etwas machen“, erinnert er sich.

Das Theater war wie eine Familie.“

Jacques Janke, bekannt als der Mann an der Kasse

Da er sich mit dem Computer nicht auskannte, besuchte er zuerst einen Kurs vom Arbeitsamt. Wie man Leute anspricht, wusste er: Zu dem Zeitpunkt verfügte er bereits über langjährige Erfahrungen im Gastronomieservice.

Jacques Janke stammt aus Bernburg in Sachsen-Anhalt. Kurz vor dem Bau der Mauer verließen seine Eltern mit ihm die DDR und kamen nach mehreren Stationen in Aalen an. Hier wuchs er auf und lernte Großhandelskaufmann „beim Eich“, damals Kfz-Großhandel am heutigen Gmünder Torplatz.

Mit 20 ging er nach Berlin, 50 Deutsche Mark in der Tasche. Der Grund: „Ich wollte nicht zur Bundeswehr“, erklärt Janke. Sein erster Job: Eierfahrer. Da habe er Kurven fahren gelernt, nachdem eine Palette umgekippt war und er alles putzen musste.

„Spannendes Leben“, sagt der Aalener über die Berliner Zeit. Als Barmann hinterm Tresen verdiente er sein Geld. Arbeitete in der Nacht, schlief am Tag und lernte jede Menge Leute kennen, darunter Promis wie Udo Lindenberg, Liza Minnelli und Otto Waalkes. Und wenn Janke von seiner Statistenrolle am Schillertheater erzählt, schwingt immer noch Begeisterung mit: Bei 66 Vorstellungen von Goethes „Clavigo“ habe er mitgespielt.

Die Nase voll von der Großstadt

2003 ging’s dann nach Aalen zurück. „Ich hatte genug von Berlin“, erinnert sich der Ruheständler. Gelegenheit zum Theaterspielen gab es weiterhin. Denn Jacques Janke war nicht nur als Kassierer an der Theaterkasse tätig, sondern immer wieder als Komparse auf der Bühne aktiv. Manchmal auch beides an einem Abend. Erst die Kasse bedient, dann ins Kostüm geschlüpft. An manche Rollen kann er sich noch gut erinnern. Sommerspielzeit, Kleists „Der zerbrochene Krug“: Da lag er als besoffener Büttel mit der Bierflasche im Heuhaufen. Oder als er mal den „Geräuschebär“ spielte, mit Bärenkopf und Arbeitstasche auf der Bühne Platz nahm und am Mikrofon fleißig Hintergrundgeräusche zum laufenden Stück „Rose und Regen, Schwert und Wunde“ produzierte.

Wie verbringt Jacques Janke nun seinen Ruhestand? Langweilig sei es nicht, versichert er. Die Pflege seiner 91-jährigen Mutter, Essen ausliefern als 450-Euro-Job – es gibt genügend zu tun. Und, keine Frage, er werde auf jeden Fall weiterhin ins Theater gehen.

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