Fasziniert von kreativem Neuland

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Margarete Schmid bleibt kreativ und offen für Neues. Hier zeigt sie ein paar ihrer bunten Wachs- und Aquarellkarten
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Glaube und Kunst sind für die 90-jährige Margarete Schmid die Kraftquellen, aus denen sie Lebensmut schöpft, auch in Corona-Zeiten. Bis heute lotet sie stetig neue Hobbys aus.

Aalen

Sie ist 90 und körperlich eingeschränkt, den Lebensmut kann Margarete Schmid aber keiner nehmen. Auch Corona nicht. „Ach wissen Sie, ich bin 1931 geboren, was glauben Sie, was ich da schon alles erlebt habe? Corona ist furchtbar, aber wir überstehen das“, sagt sie am Esszimmertisch ihres Häuschens im Pelzwasen.

Für die jungen Leute sei die Pandemie besonders schlimm, „die müssen so vieles entbehren und wollen doch raus ins Leben.“ Aber auch für Margarete Schmid hat sich manches verändert. Ihr fehlen die sozialen Kontakte, die sie bis vor der Pandemie noch reichlich pflegte. „Zum Glück bin ich geimpft, mein Sohn hat das organisiert und bald dürfen wir bestimmt wieder mehr“, hofft sie.

1959 haben sie und ihr Mann das neugebaute Haus im Pelzwasen bezogen. Zwei Söhne und zwei Töchter schenkte das Leben „Hänsel und Gretel“ - „so haben uns Freunde genannt“, lacht sie. Zwei Kinder leben mit ihren Familien am Bodensee und zwei in der Nähe „und aus allen ist etwas geworden“, freut sie sich.

Aus Neßlau stammt sie und so gerne hätte sie damals auf der Parkschule in Aalen Abitur gemacht. Tierärztin wollte sie werden. „Aber das ging nicht, mein Vater starb früh und meine Mutter musste uns durchbringen, also habe ich die Oberschule für Mädchen absolviert und dann gearbeitet“, erinnert sie sich.

„Mein ganzes Leben habe ich vom Abitur geträumt, das hat erst aufgehört, als ich in Rente kam, und zu malen anfing“, sagt sie.

Kreativ sein, Geschick entwickeln und erproben, das hat ihr Leben geprägt. Beruflich auch bei Stützel und Sachs, dem Betrieb, der dort Tongeschirr fertigte, wo vor Corona die Jugend in der „Tofa“ feierte. Häkeln, stricken, schneidern waren daheim ihre Metiers, für ihre Kinder hat sie alle Kleidung selbst gemacht, berichtet sie. „Wir mussten sparen, aber gefehlt hat es uns trotzdem an nichts“, sagt sie.

Zeitgleich mit der Währungsreform 1948 war ihr Mann Hans nach vier Jahren Kriegsgefangenschaft aus England zurückgekehrt. Nach einer Lehre beim Bahnausbesserungswerk habe er sich hochgearbeitet. „Es ging für uns immer mehr aufwärts“, blickt sie dankbar zurück.

2013 dann aber ein Tiefpunkt. Ihr Mann verstarb. Ein schwerer Schlag, aber Margarete Schmid ist die positive, umtriebige Frau geblieben. Einen Schlaganfall hat sie erlitten und sich danach ins Leben zurückgekämpft. Einige OPs hat sie hinter sich. Und neben anderen Gebrechen leidet sie heute auch an Parkinson und ist auf den Rollator angewiesen. Pflegeheim? Noch nicht. So lange es geht, will sie in ihrem Haus bleiben. Morgens die SchwäPo, abends die Tagesschau. Wach, selbstbestimmt und weitestgehend autonom, mit Notrufknopfarmband. Die Sozialstation bringt Essen, eine Nachbarschaftshelferin von St. Maria kümmert sich um sie. „Das ist ein Segen für mich“, sagt sie.

Den Weg zum Arzt schaffe sie manchmal sogar alleine und in ihren Garten an die Hochbeete, die die Familie ihr gebaut hat, immer. In den Keller, in ihr Atelier, dagegen wagt sie sich nicht mehr. „Die Treppen“, lacht sie, aber kein Problem, sie hat nun eben eine „Kunstküche“.

Kraft schöpft sie aus zwei Dingen: „Der Glaube ist mir wichtig. Ein Pfarrer sagte mir mal, wer abends betet, schläft besser. Das stimmt“, versichert sie. Die Gottesdienste fehlen ihr, die Gemeinschaft, „aber das geht ja gerade allen so“, meint sie.

Eine Kraftquelle ist auch ihre Kreativität. Stricken, häkeln, nähen, schneidern, basteln, malen, Teppiche knüpfen - all das liebt sie schon lange. Viele Vhs-Kurse hat sie besucht und an der Weitbrechtschule einst selbst unterrichtet. „Man muss neugierig bleiben und in der Kunst gibt's immer etwas Neues“, erklärt sie, warum sie vor Jahren mit Aquarellmalerei begonnen hat. Ein, zwei Ausstellungen habe es gegeben, „nichts Großartiges“, winkt sie ab. Gemälde und Karten schafft sie bis heute, „Auftragsarbeiten, Geschenke. Manches landet an der Wand“, kreist ihr Blick durch Zimmer und Flure, reich mit gerahmten Schmuckstücken verziert.

Wachsmalerei, „Enkaustik“, das hat sie jüngst auch noch angefangen, eine Technik mit dem Bügeleisen. Die Ideen dazu und das Wissen holte sie sich im Internet. „Auf Youtube“, zeigt sie auf ihren Computer. „Ich bin so froh, dass mein Sohn mich vor drei Jahren in diese Welt geholt hat.“ Dort hat sie auch ihr jüngstes Hobby kennengelernt: „Acrylic Pouring“. Dabei werden Acrylfarben miteinander vermischt und direkt auf die Leinwand gebracht. Man lässt die Farben fließen – in verschiedene Richtungen und ineinander. Die Zentrifuge, die dafür nötig ist, haben ihre Kinder für sie gebaut. Sie dominiert die „Kunstküche“.

„Ich zeig es ihnen“, funkelt sie tatendurstig und wir ziehen um. Während sie Farben auf die Leinwand gießt und die Zentrifuge diese zu bunten Mustern rotiert, steht ihr die Freude ins Gesicht geschrieben. „Wissen Sie, man muss zu sich selbst stehen, bei sich selbst sein und das tun, was einem Freude macht, und nicht das, was andere meinen. So will ich es versuchen und dann geht es munter auf die 100.“ Dann lacht sie wieder. Die Farben fließen weiter ineinander und Kreise schließen sich.

„Man muss neugierig bleiben, und in der Kunst gibt's immer etwas Neues.

Margarete Schmid, Hobbykünstlerin

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