Fontane, ein Playmobil-Monster und ein totes Pferd

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Anne-Dore Krohn und Denis Scheck feiern Theodor Fontane im Kulturbahnhof. Unter anderem mit Playmobil. Foto: Oliver Giers
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Wie die Literaturkritikerin Anne-Dore Krohn und der Literaturkritiker Denis Scheck in einer literarischen Revue Theodor Fontane feiern.

Aalen

Das hätte vermutlich sogar Abiturienten gefallen, die bei Theodor Fontane sonst wohl fast alle müde gähnen. Mehrere bunte Nummern über den Autor präsentierten bei einer literarischen Revue Anne-Dore Krohn und Denis Scheck im Kulturbahnhof. Auch die dunklen Seiten des Schriftstellers wurden von den beiden Kritikern vor rund 60 Gästen ins Bühnenlicht gerückt.

Fontane, der Kulturbahnhof und das Wasserklosett: Denis Scheck nimmt zunächst den „Geist des Ortes“ auf. Schildert Fontane als begeisterten Eisenbahnfahrer. Der auf einer dieser Reisen in einem Kölner Hotel erstmals ein Wasserklosett erlebte. Und das wohl bemerkenswert fand.

Fontane, die Playmobilfigur: Anlässlich des Fontanejahres 2019 sind Krohn und Scheck nach Neuruppin gereist. Dort wurde der Autor am 30. Dezember 1819 geboren. Die beiden ergatterten in der brandenburgischen Stadt Playmobil-Figuren, die Fontane mit Stock und Hut zeigen. Ein Exemplar hält Scheck nach oben, während Anne-Dore Krohn erzählt, wie ihr Sohn der Figur einen Monsterkopf verpasst hat. Tatsächlich ist für Scheck die Arbeit von Literaturexperten auch ein wenig wie Frankensteins Schaffen: Aus Teilen einer Biografie werde „totes Material zu neuem Leben erweckt.“

Fontane und ein totes Pferd: Die journalistische Form des Interviews gab es zu Fontanes Zeiten noch nicht. In einem „Torturbüchlein“ allerdings gab der Schriftsteller selbst einst Antworten auf viele Fragen. Darunter auch auf die, welches für ihn das ärgerlichste Ereignis der Geschichte gewesen sei. Fontane nennt die „Schlacht bei Bronnzell“. Unbedeutend auch, weil lediglich ein Schimmel zu Tode kam. Ein Witz, der freilich ein Verfallsdatum habe, so Scheck. „Diesen einsilbigen Menschen hätte ich ungern interviewt“, sagt Scheck. Trotzdem: das Torturbüchlein zeige Fontane als „subversiv hoch zehn.“ Als eine Art „Popliteraten“.

Fontane, der Schriftsteller: Anne-Dore Krohn hebt die „Menschlichkeit und Lebendigkeit der Figuren“ Fontanes hervor. Denis Scheck die „langausschweifenden Satzgirlanden“. Da fühle er sich daheim, wenn es auch nicht gemütlich sei. Fontane sei immer der Auffassung gewesen, dass es keine unanfechtbaren Wahrheiten gebe. Scheck sieht im „Stechlin“ zudem bereits Hinweise auf die globalisierte Gesellschaft. Seinen ersten Roman hat Fontane im Alter von 59 Jahren veröffentlicht. Thomas Mann wiederum hat 1919 als junger Autor ein Buch über Fontane geschrieben. Auch heute habe Fontane immer noch „internationale Wirksamkeit“, so Scheck.

Fontane, der Mensch: Bei seinem Freund Kersting sei zu lesen: „Charakter habe ich noch nicht viel bemerkt.“ Und weiter: „Eitelkeit ist seine Hauptschwäche“, zitiert Denis Scheck. Fontanes Frau Emilie habe seine Manuskripte ins Reine geschrieben, fährt Anne-Dore Krohn fort. Zwei uneheliche Kinder habe Fontane schon vor seiner Ehe mit einer anderen Frau gezeugt - Briefe aus dieser Zeit zwischen den beiden habe Emilie vernichten lassen. Erhaltene Briefe aus der Ehe aber seien „Dokumente einer „Jahrzehnte langen Liebe.“

Fontane, die Wahrheit und der Antisemitismus: „Er hat es nicht so ganz genau genommen“, sagt Anne-Dore Krohn. Jede Wanderung etwa, die mehr als 20 Minuten gedauert habe, sei Fontane gefahren. „Copy and Paste“, „Pionier der Fake News“, all das sei mit ihm in Verbindung zu bringen, zeigt Scheck auf. Allerdings habe es zu Fontanes Zeit auch noch nicht die heutigen journalistischen Standards gegeben. Sein Antisemitismus sei ein dunkles Kapitel, hier aber sei Fontane auch, zitiert Scheck Marcel Reich-Ranicki, „ein Kind seiner Zeit gewesen.“

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