Für eine gerechtere Medizin

+
Jana Wolf

Prof. Dr. Jana Wolf von der Hochschule Aalen forscht zur Gendergerechtigkeit im Gesundheitswesen.

Aalen. In der Corona-Pandemie steht das Gesundheitswesen im Fokus wie noch nie. Bei der Sicherstellung der Gesundheitsversorgung spielt auch das Thema Gleichstellung eine Rolle. Es zeigt sich jedoch, dass dafür zahlreiche Veränderungen notwendig sind. In ihrer Veröffentlichung „Strinking the Balance“ zeigt Prof. Dr. Jana Wolf von der Hochschule Aalen Handlungsoptionen auf und gibt Denkanstöße für mehr Gendergerechtigkeit im Gesundheitswesen.

Knapp die Hälfte der Ärzteschaft ist weiblich – bei den Studierenden der Medizin sind es laut Statistischem Bundesamt sogar 62 Prozent. Das schreibt die Hochschule in einer Pressemitteilung. Dennoch sind nur 13 Prozent der Führungspositionen in der Medizin laut dem Deutschen Ärztinnenbund mit Frauen besetzt. Ein Blick auf das medizinische Produkt- und Dienstleistungsangebot zeigt, dass eine zielgruppengerechte Forschung, Lehre und Kommunikation für Patientinnen und Kundinnen häufig noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Denn die medizinische Lehre widmet sich vornehmlich dem männlichen Körper. Trotz entsprechender gesetzlicher Regelungen steht das männliche Geschlecht auch bei der Gestaltung von medizinischen Studien im Vordergrund, so dass in Zulassungsstudien für Arzneimittel häufig eine unsichere Entscheidungsbasis für weibliche Patientinnen existiert. „Eine geschlechtsspezifische Datenerhebung, die sich auch in der Produktgestaltung, Dosierung, Darreichungsform von Medikamenten etc. für Frauen niederschlägt wird immer wichtiger“, erklärt Wolf, Professorin im Studienbereich Gesundheitsmanagement und stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule Aalen. Für zunehmende Diskussionen sorgen auch Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), die den Gender Gap verstärken. Grund hierfür ist für Wolf, „dass Frauen häufig andere Symptome haben, die Datenlage aber männerbasiert sind und die Apps meist von Männern programmiert werden.“

Um das Potenzial aller im Gesundheitswesen bestmöglich zu heben, bedürfe es eines gleichberechtigten Ansatzes, der den sich wandelnden gesamtwirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen einspricht, schreibt die Hochschule.

Wesentliche Ansatzpunkte auf der individuellen Ebene seien eine gendergerechte Kommunikation und Sprache sowie Lehre und Forschung. „Frauen fühlen sich mehr angesprochen und werden stärker gedanklich einbezogen, wenn es sich in Worten wiederfindet“, berichtet Wolf. Eine angemessene bildliche Repräsentation von weiblichen Modellen und Körpern in der Medizin bietet für Wolf zudem die Chance, das Verständnis zu erweitern. Wissenschaftliche Beiträge, Fallstudien und Bespiele in Lehre und Forschung sollten zudem gendergerecht gestaltet werden. Auch bei Weiterbildungen sei es wichtig, diese Thematik aufzugreifen.

Zwei zentrale Ansätze für mehr Gendergerechtigkeit sind auf der Organisationsebene zu finden. Zum einem schlägt Wolf ein verpflichtendes Gendersensitivitätstraining für alle Beteiligten vor, um der Thematik mehr Bedeutung zu verleihen und um Personen zu sensibilisieren, die bislang thematisch wenig Berührungspunkte damit hatten oder der Thematik keine Bedeutung beigemessen haben. Zum anderen bietet eine Führung in Teilzeit/Jobsharing vor allem in einem Krankenhausschichtbetrieb große Chancen, mehr Frauen für Führungspositionen zu gewinnen.

Zuletzt sollten auch die gesellschaftlich-ordnungspolitischen Rahmenbedingungen angepasst werden. Wichtige Hebel sind für Wolf hier die rechtliche Gleichstellung von Individuen sowie die Transparenz und Kontrolle von genderspezifischen Strukturen.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare