Gegen Desinformation kämpfen

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Professor Bernhard Pörksen sprach im Kulturbahnhof über die Macht der Medien.
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In der Aalener Reihe spricht der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Kulturbahnhof darüber, wie das Netz Falschmeldungen transportiert und was dagegen getan werden sollte.

Aalen."Man kann unter nicht-pandemischen Bedingungen jede Menge Blödsinn behaupten“, so steigt er ein. Bernhard Pörksen spricht über die Macht der Desinformation im digitalen Zeitalter. Er tut dies in der Aalener Reihe „wortgewaltig“. Und er tut dies durchaus angemessen wortgewaltig. Er analysiert vor leider wenigen Zuhörern, wo die Ursachen liegen von einer Krise der Wahrheit. Und wie Meinungen gemacht, manipuliert und instrumentalisiert werden können und werden.

Corona ist dabei das Paradebeispiel für den Wissenschaftler. Unter nicht-pandemischen Bedingungen also könne jede Menge Blödsinn verbreitet werden - und die Wahrheit bleibe „geduldig und still“. Was aber, „wenn sich unter den Bedingungen einer Pandemie aus den eigenen Meinungen, den Gerüchten und Verschwörungstheorien eine Handlungsstrategie formt?“ Pörksen: „Was, wenn man in der Spur der Desinformation auf einmal behauptet: 'Das Virus gibt es gar nicht.'“ Dann erlebe man, was er einen Realitätsschock nennt. Plötzlich wehre sich die Realität - und Desinformation könne im Extremfall tödlich sein. Man könne alles mögliche behaupten. Aber das Virus verschwinde nicht, nur weil man nicht daran glaubt. „Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt“, zitiert er einen US-Autor.

Die Vermachtung des Raums

Pörksen steigt ein in die Analyse. „Wir erleben, was man eine neue Konstruktion unserer Informationswirklichkeit nennen könnte.“ Fakenews, Desinformationen und Falschnachrichten seien „Schaumkronen auf dem Meer der vernetzten Welt“. Pörksen spricht über die „gigantische Öffnung des kommunikativen Raums“ - jeder könne sich sichtbar machen, sich zuschalten, in Extremfall vor einem großen Publikum in Echtzeit.

Gleichzeitig erlebe man eine gigantische „Vermachtung des kommunikativen Raums“. Ganz wenige Player, Google, Facebook und Youtube etwa, „bestimmen für Milliarden von Menschen Wirklichkeit“ - über Algorithmen, die im Hintergrund ihren Dienst tun.

Vier Diagnosen

Vier Diagnosen stellt Pörksen: Zum ersten die Diagnose der neuen Geschwindigkeit - als Bedrohung einer „ausgeruhten Wahrheitssuche“. Zum zweiten sprach Pörksen von einer „neuen Ungewissheit“. Menschen seien gewissheitsbedürftige Wesen. „Wir brauchen, um uns sicher zu fühlen eine feste Wahrheit“ - besonders in Momenten der Gefahr. Mehr Informationen machten aber nicht mündiger, das habe man lernen müssen. Sondern mehr Information erhöhe die Chance zu effektiver Desinformation. „Weil wir in Momenten der Gefahr auf das zurückgreifen, was wir glauben wollen“ - und das Netz viele Scheingewissheiten biete. „Das Extremereignis ist die große Stunde der Falschmeldung“, sagt Pörksen: „Weil wir auf der Suche nach der Ruhebank fester Wahrheiten das suchen und glauben, was wir glauben wollen.“ Und weil sich auf der anderen Seite jederzeit in Echtzeit Scheinwahrheiten in die sozialen Netzwerke einspeisen lassen.

Der dritte Trend sei der zu neuen Anreizen. Das Kommunikationsklima habe sich verändert in Richtung „der Überhitzung, der Übertreibung und in Richtung des Extrems“. Man könne zudem in Echtzeit sehen, wer was wie lange sieht. Und mit diesen Daten kann gehandelt werden: Was geht gerade durch die Decke? Das sei immer wichtiger. Und so entstehe ein neues Diktat - das der Interessantheit, das in Widerspruch steht zur Relevanz. Problem aus Sicht Pörksens: Im Zweifel schlage immer öfter die Interessantheit die Relevanz. „Wenn sie sehen, was funktioniert, dann liegt es nahe, sich auf diesen Hype draufzusetzen“, obwohl das Thema eigentlich irrelevant ist.

Pörksens vierter Punkt sind die Manipulationsmöglichkeiten - zum einen sei da die „Demokratisierung der digitalen Manipulationsmöglichkeiten“, was bedeute: „Jeder kann mitmachen.“ Zudem gibt es eine „Effektivierung der Möglichkeiten zur Desinformation“. Staatschefs wie Putinoder Erdogan nutzten ihre medialen Trolle, die Andersdenkende systematisch niederbrüllten. Mit Programmen und Künstlicher Intelligenz lassen sich Meinungsmehrheiten herstellen. Trump sei so an die Macht gekommen und der Brexit herbeigeschrieben worden, nennt Pörksen aktuelle Beispiele.

Kampfstoff Bildung

Pörksen ist einerseits die „Kloake der Hasskommunkation, die uns aus Teilen der sozialen Netzwerke entgegenschlägt“, zuwider. Auf der anderen Seite schätze er den Informationsreichtum und die Schnelligkeit des Netzes, gerade als Wissenschaftler. Ein Dilemma. Was tun? Pörksen empfiehlt gegen Desinformation zu kämpfen und empfiehlt als Kampfstoff Bildung. So wie ein Umweltbewusstsein entstanden ist, so erhofft sich Pörksen, dass ein Öffentlichkeitsbewusstsein entsteht.

Drei Vorschläge

Er schlägt ein eigenes Schulfach vor, in dem Schülerinnen und Schüler Medienrelevanz und ein Öffentlichkeitsbewusstsein lernen. Pörksen bringt zudem Regeln ins Spiel für alle, die sich im Netz bewegen - etwa solche, wie sie für seriöse Journalisten gelten: dass die andere Seite gehört wird, dass man prüft, was man ins Netz stellt. Dass man Positionen angreift, aber nicht Menschen. Dass man andere Meinungen zulässt. Und dass man transparent zeigt, wie gearbeitet wird.

Als drittes schlägt er vor, Plattformen zu regulieren. Facebook, Youtube oder Twitter nennt Pörksen „unverantwortliche Vermittler, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden könnten Ein Plattform-Rat könne helfen, auch Transparenzregeln für die Plattformbetreiber und die Möglichkeit, diese Betreiber zur Rechenschaft zu ziehen.

Viel Applaus erhält Pörksen zum Abschluss - und Dankesworte von Bürgermeister Karlheinz Ehrmann, der den Abend im KuBAA auch eröffnet hat.

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