Große Freiheit: Vom Möbeltransporter zum Tiny-House-Truck

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Helmuth Lauscher, auf 1000 Wegen
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Helmuth Lauscher hat einen ausrangierten Möbeltransporter zu einem Mini-Haus auf Rädern umgebaut und seine Wohnung gekündigt. Warum der MAN oft im Aalener Hirschbach steht.

Aalen

Wer träumt nicht von der großen Freiheit, von Unabhängigkeit und Ungebundenheit. Helmuth Lauscher hat diesen Traum zu Ende geträumt, hat Nägel mit Köpfen gemacht. Im Wortsinn. Eineinhalb Jahre echte Handarbeit hat der heute 64-Jährige in einen ausrangierten Möbeltransporter investiert und ihn zu dem gemacht, was er heute ist: Eine 15 Quadratmeter große rollende Heimstatt mit allem, was man für ein Leben braucht, das sich aufs Wesentliche besinnt.

Der grau-gelbe 7,5 Tonner mit seinen 180 PS und dem mageren Schriftzug „Auf1000Wegen.de“ springt ins Auge. So auch immer wieder Spaziergängern, die am Wohnmobilstellplatz im Aalener Hirschbach vorbeikommen. „Irgendwann habe ich diesen Schriftzug draufgemacht. Habe gedacht, vielleicht lerne ich dadurch neue Leute kennen“, sagt Lauscher. Denn obwohl er ja viel als Eremit unterwegs sei, wie er schmunzelnd sagt, knüpfe er auch gerne Kontakte übers soziale Netz.

Der Mann, der bis zu seinem Ruhestand Geschäftsführer eines großen Medizintechnik-Unternehmens war und aus Tuttlingen stammt, ist immer wieder gerne in Aalen. Seine Lebensgefährtin wohnt hier, mitten in der Innenstadt. „Unabhängig zu reisen war schon lange unser gemeinsamer Traum. Und irgendwann bin ich darauf gekommen, dass man im Auto auch leben kann.“

Bist zu 14 Tage autark

Doch von Anfang an sei ihm klar gewesen: Er möchte keine Kompromisse eingehen müssen, möchte kein vorgefertigtes Wohnmobil kaufen. Um so lange wie möglich unabhängig zu sein von Gas-, Wasser- und Stromanschlüssen, hat er eine intelligente Technik verbaut, die es ihm ermöglicht, bis zu 14 Tage völlig autark irgendwo zu stehen. Dazu zählen etwa vier große Solarfelder auf dem Dach des Wohncontainers, ein Batteriespeicher mit einer Kapazität von 560 Amperestunden und zwei Solarladeregler. „Die machen aus dem Solarstrom 230 Volt Wechselstrom für meinen Kühlschrank und die Mikrowelle.“

Helmuth Lauscher beheizt sein Tiny House auf Rädern mit Gas. Er hat einen 100-Liter-Flüssiggastank verbaut. „Damit komme ich etwa vier Wochen aus.“ Und unter Lauschers Schlafgalerie ist nicht nur Platz für Gepäck, sondern auch für einen 350-Liter Wassertank. „Was mir zuerst fehlen würde, wäre Wasser, Salat und frisches Gemüse“ sagt der Vater zweier erwachsener Töchter.

Irgendwann bin ich darauf gekommen, dass man im Auto auch leben kann.“

Helmuth Lauscher

Seine Energiebilanz bezeichnet er als „gigantisch minimal“. „Ich brauche vielleicht 50 Euro im Monat für Gas, fünf Euro für Frischwasser.“ Und wenn die Sonne scheint, braucht er keinen Cent für Strom. „Da produziere ich komplett alleine.“

Eineinhalb Jahre Bauzeit

Eineinhalb Jahre hat Helmuth Lauscher gebraucht, um den Möbelwagen von einem geschlossenen Quader mit zwei Türen am Heck in ein 15-Quadratmeter großes gemütliches Mini-Haus zu verwandeln. Jedes Brett hat er selbst zugesägt, jede Fensteröffnung mit eigenen Händen herausgeschnitten. Das Bad ist minimalisiert und bietet trotzdem alles, was man braucht. Damit's auch im Winter schön mollig ist, hat Lauscher die Gasgebläseheizung unter der Duschwanne verlegt. Das Spül-WC arbeitet mit einer Zerhackerpumpe und kommt damit ganz ohne Chemie aus. Einen ausrangierten Nachttisch hat Lauscher zu einem Spültisch umgebaut und ein winziges Waschbecken eingelassen.

Was das alles gekostet hat? „Irgendwann“, sagt der selbst ernannte Nomade, „habe ich aufgehört zu rechnen“. Es sei ein nennenswerter fünfstelliger Betrag zusammengekommen. „Aber es hat gereicht.“ Gereicht, um seine Mietwohnung aufzugeben und ganz umzuziehen in das kleine Haus auf Rädern. Ein Stückchen Sicherheit hat er sich bewahrt. Hat einen Teil seines Haushaltsinventars eingelagert. Gemeldet ist er bei seiner Tochter in Tuttlingen. „Das ist mein Plan B. Wenn alle Stricke reißen, kann ich auch dort wohnen.“

Nur sein Reiseradius - der wurde seither von Corona arg eingeschränkt. Die Jungfernfahrt gemeinsam mit seiner Partnerin im Oktober 2020 ging zum Ammersee und in den Hochschwarzwald. „Den zweiten harten Lockdown haben wir dann tatsächlich in der Wohnung meiner Lebensgefährtin in Aalen abgesessen.“ Anfang Juli 2021 dann die bislang einzige Auslandsreise hoch in den Norden, bis nach Lappland und zurück, rund 7000 Kilometer.

Lieblingsplatz im Hirschbach

Helmuth Lauschers Lieblingsplatz in Aalen ist der Hirschbach. Sein Tiny-House-Truck steht meist quer vor der Stromladesäule. Hier bietet er für die Vögel ein Tischlein Deck-Dich. Hängt Meisenknödel in die Büsche, legt Walnüsse und Haselnüsse für die Eichhörnchen aus. „Da schau ich aus dem Fenster und sehe ein buntes Geflatter. Das mag ich“, sagt Lauscher, der zuerst Sozialpädagogik und später Betriebswirtschaft studiert hat. Tiere und Natur beobachtet er am liebsten mit der Kamera in der Hand. 15 000 Fotos hat er innerhalb eines Jahres geschossen. „Abend für Abend sortiere ich meine neuen Fotos durch. Und dann entdecke ich zwei oder drei, bei denen ich Herzklopfen bekomme. Das sind dann meine Glücksmomente.“

Einer dieser Glücksmomente ist erst wenige Tage alt. Helmuth Lauscher hat ihn in seinem Internet-Blog auf „Auf1000Wegen“ festgehalten. An der Brenz wollten Nilgänse, Schwäne Reiher und Co „unbedingt“ von ihm fotografiert werden. Als Lauscher dann abends seine Fotos durchsah, blinkte eine Mitteilung aus dem sozialen Netz auf: „Habe den MAN gesehen. Willkommen in meiner Heimat und weiterhin gute Fahrt!“

„So gehen gute Tage“ notiert der fotografierende Nomade darunter.

Der Internet-Blog „Auf1000Wegen“ entstand im Herbst 2019 zunächst, um den Umbau des MAN zum Wohnmobil zu dokumentieren. Hinzugekommen sind dann aber auch andere Geschichten übers Reisen und mehr.

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Hinter den Klappen aus Fichtenholz befindet sich Lauschers "Kleiderschrank".

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