Großer Festzug durch Aalen

  • Weitere
    schließen
+
25 Jahre nach der Reichsgründung haben die Aalener auf dem St.-Johann-Friedhof ein Denkmal aufgestellt, das an Schlacht bei Sedan erinnert, die der Reichsgründung vorausging.
  • schließen

Aalen und das Kaiserreich - 150 Jahre nach der Reichsgründung: Was bleibt in Aalen von der wilhelminischen Epoche? Stadtarchivar Dr. Georg Wendt im Gespräch mit der SchwäPo.

Aalen

Drei blutige Kriege führten dazu, dass vor 150 Jahren, im Jahr 1871, das deutsche Kaiserreich mit einem Hohenzollern an der Spitze ausgerufen wurde. An dessen Ende stand der verlorene Erste Weltkrieg, für dessen Ausbruch der erste deutsche Nationalstaat zumindest mitverantwortlich war. Wie hat Aalen diese Reichsgründung vor 150 Jahren erlebt? Darüber sprach die SchwäPo mit dem Aalener Stadtarchivar Dr. Georg Wendt.

Vor 150 Jahren wurde das deutsche Kaiserreich ausgerufen. Die Aktenlage ist dünn, dennoch: Wie wurde das im württembergischen Aalen aufgenommen? Hat man sich über den "Deutschen Kaiser" gefreut?

Dr. Georg Wendt: "Im eher liberal geprägten Aalen freute sich längst nicht jeder über die Kaiserproklamation. Zwar berichtet das Amts- und Intelligenz-Blatt am 31. Januar 1871, dass "die Capitulation von Paris unter der hiesigen Einwohnerschaft die freudigste Aufregung [erzeugte], die sich alsbald durch reichen Flaggenschmuck der Häuser und Freudenschüsse" bemerkbar machte. Am Abend gab es auch einen "großen Festzug durch die illuminierte Stadt". Allerdings dürfte in dieser Freude viel Erleichterung gewesen sein, dass der brutale und verhältnismäßig lange Krieg endlich beendet war.

Gab es sonst Äußerungen?

Mit der Reichseinigung war auch nicht jeder zufrieden: Moritz Mohl, Reichstagskandidat von der liberalen Deutschen Volkspartei für Aalen, kritisierte, dass "ungeheure Lasten" den Württembergern durch die Reichseinigung auferlegt werden würden. Im neuen Reichstag sei den Süddeutschen dafür nur "staatsrechtlich eine sehr untergeordnete Rolle" zugedacht. 3/5 der Reichstagsabgeordneten, so Mohl, kämen aus Preußen.

Es gab ja drei Kriege auf dem Weg zum Nationalstaat. Was weiß man über Aalener, die in diesen Kriegen kämpften und starben?

Im Stadtarchiv Aalen sind lediglich die Musterungsakten von 1870/1871 für den Teilort Unterrombach/Hofherrnweiler überliefert. Dort erfährt man Name, Beruf und Alter der Soldaten. Bei den Gemusterten handelt es sich mehrheitlich um junge Bauern und Handwerker. Gemustert wurden aber auch Pferde, die die Bauern dem Heer zu übergeben hatten. Insgesamt 16 der 32 Pferde werden als tauglich erachtet. Aus der damaligen Stadt Aalen nahmen 87 Soldaten am Krieg teil, fünf kehrten nie zurück.

Was hat sich denn für die Aalener geändert dadurch, dass man jetzt zum Reich gehörte?

1907 wählten fast 54 Prozent der Aalener die SPD.

Dr. Georg Wendt Stadtarchivar in Aalen

Für die meisten Aalener änderte sich zunächst wenig, außer dass sie nun auch Abgeordnete in den Reichstag wählen durften. Unternehmer hingegen freuten sich rasch über die gefallenen Zollschranken. Ihnen eröffnete sich ein nationaler und bald auch internationaler Markt. So konnten die Hüttenwerke Eisen aus Lothringen günstig kaufen und mussten das "unreinere" Erz aus dem Braunenberg nicht mehr selber holen. Auch profitierten die Aalener von der Vereinheitlichung im deutschen Rechtsstaat. Nur ein Beispiel: Auch in Aalen wurde bis 1876 das Standesamtswesen professionalisiert und verstaatlicht, Kirche und Staat getrennt.

Irgendwann am Ende des 19. Jahrhunderts kam dann offenbar Stolz auf über den neuen Nationalstaat und Aalen wollte ein Denkmal bauen. Was weiß man darüber?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ergriff der deutsche Patriotismus auch immer mehr Württemberger. Auf der Schwäbischen Alb errichtete der Albverein nicht nur zahlreiche Bismarcktürme. Viele Schwaben feierten nun auch jedes Jahr am 2. September den Sedantag; in Erinnerung einer Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg. Als sich 1894 der 25. Jahrestag der Schlacht näherte, schlug der Aalener Veteranenverein der Stadt vor, ein Denkmal für die Kriegsteilnehmer zu errichten. Eine Kommission für das Denkmal wurde gegründet. Sie schlug vor, beim St.-Johann-Friedhof an der Leichenhalle einen roten Sandsteinsockel aufzustellen, auf dem ein Bronzeadler thronte. Auf einer Tafel erinnerte man die 82 Teilnehmer und fünf Gefallenen des Kriegs aus Aalen. Als Preis kalkulierte man mit 3600 Mark, etwa ein Drittel günstiger als das damals vier Jahre alte Schubartdenkmal. Der Sockel stammte übrigens – wie auch beim Schubartdenkmal – vom Werkmeister Fritz, die Gussarbeiten erledigte der Stuttgarter Paul Storz. Die Einweihung fand am 2. September 1895 statt.

Wie waren denn die politischen Verhältnisse seinerzeit in Aalen? Ab wann spielten Sozialdemokraten eine Rolle?

Bei den Reichstagswahlen setzte sich im Wahlkreis 13, zu dem auch Aalen gehörte, im Kaiserreich stets der Vertreter der katholischen Zentrumspartei durch. Im evangelisch geprägten Aalen wollte man aber mit den katholischen Kandidaten wenig zu tun haben. Mit überwältigender Mehrheit wählten die Aalener stets die Gegenkandidaten. In den 1870er Jahren war das Moritz Mohl von der Deutschen Volkspartei. Ab 1890 wuchs auch in der kleinen Industriestadt Aalen der Einfluss der Sozialdemokraten. 1907 wählten fast 54 Prozent der Aalener – unter ihnen sicher viele Arbeiter – die SPD.

Was in Aalen kann man heute als "typisch Kaiserzeit" bezeichnen?

Viel mehr als das deutsche Kaiserreich hinterließ das Königreich Württemberg Spuren in Aalen. Schließlich blieben die Aalener auch nach 1871 in erster Linie Untertanen der württembergischen Könige. Daran erinnern in Aalen und Wasseralfingen nicht nur Straßennamen wie die Friedrich- oder Wilhelmstraße (benannt nach württembergischen Königen). Auch der Tiefe Stollen heißt ja eigentlich Wilhelmstollen. Das "Hotel Olga" (heute: Commerzbank) wiederum erinnert an eine beliebte württembergische – und russischstämmige – Monarchin.

Georg Wendt

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL