Gundermann: duftender Alleskönner

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SchwäPo-Redakteur Bernhard Hampp kann sich seit 2021 Kräuterpädagoge nennen. In dieser Folge der Sommerserie schreibt er über Gundermann.
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Über eine besondere Pflanze, die ich in meiner Kräuterpädagogen-Ausbildung kennengelernt habe.

Aalen

Seit Herbst 2021 darf ich mich zertifizierter Kräuterpädagoge nennen. Sollen andere doch einen Angel- oder Jagdschein machen – ich habe meine Freizeit für diese doch recht aufwendige Ausbildung bei der Gundermannschule geopfert. Wie zu erwarten, war ich bei den Prüfungen zum Kursabschluss neben 39 Kräuterpädagoginnen der einzige männliche Teilnehmer, der bis zum Ende durchhielt.

In den weiteren Folgen dieser Serie kommen dementsprechend nur Kräuterpädagoginnen und Kräuterexpertinnen aus der Region zu Wort. Aber was machen und können Kräuterpädagoginnen und -pädagogen? Sie bieten Kräuterwanderungen, Kurse und Workshops für Kinder und Erwachsene an. Sie erklären, wie Wildpflanzen in Küche, Kosmetik, Heilkunde zur Dekoration oder als Räucherwerk eingesetzt werden.

Kräuter kennenlernen

Für mich persönlich ging es weniger darum, die Pflanzen als Mittel zu allen möglichen Zwecken für uns Menschen zu nutzen. Ich möchte die Kräuter selbst kennenlernen – als lebendige Organismen, die wie wir Menschen Teil der Natur sind. Kräuter, Sträucher und Bäume haben nicht nur botanische Eigenschaften. Sondern immer auch eine Persönlichkeit, um die sich Geschichten und Legenden ranken und die uns Menschen seit Jahrtausenden vielfältig beeinflussen.

Namensgebend für die Gundermannschule ist ein besonderes Kraut:  wissenschaftlich Glechoma hederaceae, deutsch Gundermann oder Gundelrebe. „Würt gebraucht zu Zyerden und zu Kräntzen“, spielte der Straßburger Botaniker Otto Brunfels in seinem Kräuterbuch von 1532, auf seine hübsche Form an: Das kleine, kriechende Kraut mit seinen rund gezähnten Blättchen wächst auf nährstoffreichen Böden – am liebsten im Rasen oder an seinem Rand. Gartenbesitzer, die ihm deshalb mit Unkrautvernichtungsmittel zu Leibe rücken, werden gottlob immer seltener. Zu finden ist Gundermann das ganze Jahr über, auch im Winter. Dann färben sich die Blätter mitunter bläulich oder rötlich, weil die Pflanze Inhaltsstoffe als Kälteschutz einlagert.

Im Frühjahr erscheinen die ansehnlichen violetten bis rosa Blüten mit kleinen Unterlippen- und großen Oberlippen-Blütenblättern. Der Gundermann gehört botanisch zur Familie der Lippenblütler – so wie Thymian, Rosmarin, Majoran, Minze oder Salbei. Wie diese verströmt  er einen besonderen Duft. In seinem Fall ist es eine unverkennbare, würzige Note, die sogar beim Rasenmähen in die Nase steigt. Verantwortlich sind die ätherischen Öle, die beim Zerstören der Pflanzengefäße beim Rasenmähen oder Zerreiben frei werden.

Viele Vitamine stecken drin

Die ganze Pflanze kann bedenkenlos gegessen werden – sollte sie sogar. Sie enthält nämlich unter anderem Gerb- und Bitterstoffe, Vitamin C, Mineralstoffe und Saponine. In der Heilkunde gilt sie traditionell als Stoffwechsel und appetitanregend, soll gegen Durchfall, Husten und Zahnschmerzen helfen. Wer Kopfschmerzen hat, sollte den Geruch inhalieren, heißt es. Äußerlich wurden und werden Blätter auf schlecht heilenden Wunden aufgelegt. Davon zeugt auch der Name, der wohl vom germanischen „gund“ für Flüssigkeit oder Eiter kommt. Für Insekten – besonders die Hummelköniginnen – bieten Gundermannblüten im Frühling ein leckeres Buffet. Für Pferde hingegen kann Gundermann giftig sein.

Hilfe bei verhextem Euter

Früher begleiteten wilde Kräuter die Menschen durch das ganze Jahr. Oft wurden ihnen magische Eigenschaften zugesprochen. Der Gundermann ist ein solches Zauberkraut, das bei den alten Germanen als Donnerrebe dem Wettergott Donar geweiht war. Das Zauberbuch „Albertus Magnus bewährte und approbirte sympathetische und natürliche egyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh“ empfiehlt, durch einen Gundermannkranz zu melken – dann gebe eine Kuh, deren Euter verhext wurde, auch wieder ausreichend Milch.

Und schließlich sollte Gundermann zu einer Art Röntgenblick verhelfen, der es möglich mache, verkappte „Hexen“ als solche zu erkennen: Dafür wurde aus dem Kraut in der Walpurgisnacht ein Kranz geflochten und am nächsten Tag in der Kirche – je nach Überlieferung – auf den Kopf gesetzt oder wie durch eine magische Brille hindurchgeblickt. 

Gundermann in der Küche

„Soldatenpetersilie“ wurde der überall, selbst für die Soldaten im Feld, verfügbare Gundermann früher genannt. Wo echte Petersilie oder gar Salz und Pfeffer Mangelware waren, bot sich das aromatische Wildkraut mit seinen essbaren Blättern und Blüten als Geschmacksträger an. Und tatsächlich: Wer ihn einmal probiert hat, will auf das Gundermannaroma als Gewürz nicht mehr verzichten: frisch und klein geschnitten zu Kartoffeln, in den Wurstsalat, zu Pilzgerichten oder einfach auf dem Butterbrot.

Wer selbst Brot bäckt, kann dem Teig mit ein paar Gundermannblättchen eine besondere Note geben. Gleiches gilt für Kräuterbutter und Kräutersalz. Ein Gundermannpesto verfeinert Nudelgerichte. Und in die Gründonnerstagssuppe gehört der Gundermann – neben anderen Frühlingswildkräutern wie etwa Sauerampfer, Brennnessel, Giersch, Bärlauch und Löwenzahn – unbedingt hinein.

Gundermann passt aber auch gut auf den Schokopudding, in die selbst gemachte Eiscreme oder ins Müsli und schmeckt prima als Konfekt – einfach die Blätter auf ein Backblech legen und mit flüssiger Kuvertüre bestreichen. Er eignet sich, um Öl, Essig, Limonaden und Spirituosen zu aromatisieren. In Zeiten vor dem Reinheitsgebot wurde der aromatische Gundermann statt Hopfen bei der Herstellung von Bier verwendet. Ein alter Brauch ist, einen Gundermannkranz auf das Bierfass zu legen: Das soll die Haltbarkeit des Bieres verlängern.

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