Handel: OBs für kontrollierte Öffnung

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Aalen im Lockdown: Wo sonst in Aalen Menschen durch die Gassen und in die Geschäfte strömen, ist nichts los – außer einer Corona-Kontrollfahrt der Polizei.
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Vor dem Gipfel an diesem Mittwoch in Berlin wenden sich Oberbürgermeister aus der Region in einem dramatischen Appell an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Aalen

Veröden unsere Städte wegen Corona? Bereits im Januar hatte sich der Aalener Oberbürgermeister Thilo Rentschler an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gewandt. "Die Sorge um die Zukunft der Attraktivität der Innenstädte als lebenswerte und florierende Zentren einer Stadtgesellschaft erfordert rasche staatliche Hilfen für den stationären Handel", hatte Rentschler damals formuliert.

An diesem Dienstag, einen Tag vor den mit Spannung erwarteten Beratungen in Berlin über eine Verlängerung des Lockdowns, haben sich seine Amtskollegen in Schwäbisch Gmünd, Tübingen und Schorndorf in einem gemeinsamen Appell ebenfalls an Kretschmann gewandt. Richard Arnold (Schwäbisch Gmünd), Matthias Klopfer (Schorndorf) und Boris Palmer (Tübingen) appellieren an den Bund und das Land, "eine kontrollierte Öffnung der Innenstädte im Februar zuzulassen". Trotz der zugesagten, "aber vielfach bisher nicht ausgezahlten Hilfen drohen bald erhebliche Leerstände in den Innenstädten", argumentieren die drei.

Die Folgen: Die Kaufkraft wandere ins Internet ab. Der große Profiteur sei Amazon. Dabei stehe noch nicht einmal fest, dass die Logistik der Online-Lieferanten weniger Infektionen verursache als der stationäre Handel. Ausbrüche in den Logistikzentren und die Verteilung der Pakete an den Haustüren ließen hier Zweifel aufkommen. "Je länger der Lockdown anhält, umso mehr Händler geben auf, umso mehr Kunden wandern ab", sagen Arnold, Klopfer und Palmer. Deshalb brauche es jetzt "so schnell wie möglich einen Marshall-Plan für die Innenstädte".

Nach zehn Wochen im Lockdown "wachsen die Schäden an der Verfassung des Gemeinwesens unserer Städte und am Innenstadthandel exponentiell", formulieren sie weiter. Die Innenstädte seien "nicht einfach nur Handelsplätze", sondern seien "seit Jahrhunderten der Ort, an dem Bürgerstolz und Bürgersinn" entstehen und weiter: "Wir benötigen im Februar Konzepte für eine kontrollierte Öffnung, sonst erleiden unsere Städte einen irreparablen Schaden an Substanz und Seele."

Kontrollierte Öffnung: Unter kontrollierter Öffnung verstehen die Oberbürgermeister eine Kombination bekannter und neuer Instrumente. FFP2- oder OP-Masken könnten den Handel "so sicher machen wie Bus oder Bahn". Für einen ersten Öffnungsschritt seien strikte Personenbegrenzungen und Terminvereinbarungen möglich. Vielen kleinen Geschäften genüge es, "einen Kunden im Laden zu bedienen, bevor der nächste eintritt". Friseursalons könnten zunächst immer nur einen Kunden pro Raum bedienen. Größere Kaufhäuser oder Baumärkte könnten den Einlass "an einen negativen Schnelltest koppeln".

Besser als ganz zu schließen, wäre "ein exklusives Zeitfenster" zum Einkauf für Senioren. Personen über 65 Jahren sollten von Montag bis Freitag eine Stunde zum Einkaufen reserviert bekommen. Denn in dieser Altersgruppe sei die Inzidenz niedriger, "das Risiko, schwer zu erkranken, aber drastisch größer".

Der Handel ist schon auf der Intensivstation.

Aussage der drei OBs

Für Arnold, Klopfer und Palmer ist klar: "So wie jetzt kann es nicht weitergehen. Wir brauchen differenziertere Lösungen statt pauschaler Verbote." Der Handel in den Städten sei "schon auf der Intensivstation". Er brauche jetzt eine Rettung. "Wir sind überzeugt, dass diese mit klugen Schutzkonzepten jetzt möglich ist", sagen die OBs.

Aalen für Stufenplan: Die Stadt Aalen erwartet von der Landesregierung im Nachgang zu den morgigen Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz "einen klaren Stufenplan zur schrittweisen Rückführung zur Normalität", erklärt der Aalener OB Thilo Rentschler – gerade vor dem Hintergrund "kontinuierlich fallender Inzidenzen in fast allen Landkreisen", so auch im Ostalbkreis, wo der Wert wieder unter 50 gefallen sei. "Gedacht werden muss neben dem Einzelhandel auch an Dienstleister und andere Gewerbe, die mit einem vorübergehenden Berufsverbot durch den Lockdown versehen wurden – und natürlich auch an die Kitas und Schulen", sagt Rentschler. Er begrüßt deshalb auch die Initiative zum Appell der drei Städte Tübingen, Schorndorf und Schwäbisch Gmünd. "Grundsätzlich ist es gut, wenn Initiativen ergriffen werden, die zum Ziel haben, verantwortungsvoll in eigener Zuständigkeit vor Ort zur Normalität auf allen Ebenen zurückzukehren", ergänzt Rentschler. Wichtig sei jetzt, allen Akteuren "eine Hoffnungsperspektive zu geben und mehr Kompetenzen wieder in regionale Verantwortlichkeiten zu lenken".

Rentschler weist in diesem Zusammenhang auf den Stufenplan der Landesregierung hin, den es nach dem ersten Lockdown im Mai 2020 gegeben hatte. Innerhalb dieses damals fünfstufigen Plans sei – wenn auch zeitlich nicht genau festgelegt – ein Prozedere festgeschrieben gewesen.

Gegen Ungerechtigkeiten: Dem Aalener City-Manager Reinhard Skusa geht es auch darum, die "vielen Ungerechtigkeiten" zu beseitigen. Etwa, die "dass sich Lidl und Aldi dumm und dämlich verdienen mit Non-Food-Produkten", die Einzelhändler aber geschlossen haben müssen. Ungerecht sei auch, dass Millionen von Paketen auf den Straßen hin und her gefahren werden, ohne dass dafür Geld verlangt wird. Der Einzelhandel hingegen stecke gleich in mehreren Kostenfallen: Das Vermögen sei in Ware gebunden, die nicht abgesetzt werden könne, oft seien Mieten zu bezahlen. Und weil Hilfen kaum ausbezahlt würden, verzehrten die Händler ihr Vermögen. "Da geht es um Existenzen", sagt Skusa. Über Jahre habe man erfolgreich versucht, durch Aktionen und Konzepte Leben in die Innenstadt zu bringen. Nun sei die Situation so, dass immer mehr Händler resignierten. Daher begrüßt er ausdrücklich alle aktuellen Initiativen: "Alle Vorschläge sind gut", sagt er. Wichtig sei jetzt, "dass eine Perspektive aufgezeigt wird".

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