Hausärztemangel: Wie Aalen Mediziner herlocken will

+
Ein kommunales Aktionsprogramm gegen den Hausärzte-Notstand in einigen Aalener Teilorten will die Stadt Aalen am kommenden Mittwoch, 1. Juni, den Mitgliedern des Gemeinderatsausschusses vorstellen.
  • schließen

Im Welland hat sich der hausärztliche Notstand dramatisch verschärft. Auch auch auf dem Vorderen Härtsfeld und in Wasseralfingen brennt's.

Aalen

Jetzt will die Stadt Aalen das Heft des Handelns in die Hand nehmen, damit sich Ärzte in den aktuell unter- bis nichtversorgten Teilorten niederlassen. Dabei denkt die Stadt an kommunale Förderungen zur finanziellen Unterstützung bei der Niederlassung. Und sie denkt auch an Anreize bei der Wohnraumsuche von niederlassungswilligen Medizinern.

Ein entsprechendes kommunales Aktionsprogramm gegen den Hausärzte-Notstand wird die Stadtverwaltung am kommenden Mittwoch, 1. Juni, den Mitgliedern des Finanzausschusses des Aalener Gemeinderats zur Beratung vorstellen.

Die Lage: Vor allem im Welland hat sich der hausärztliche Notstand seit Anfang 2022 dramatisch verschärft. Rund 7000 Menschen in Dewangen und Fachsenfeld haben keinen Hausarzt mehr direkt am Ort. „Aber auch auf dem Vorderen Härtsfeld und in Wasseralfingen zeigt sich, dass die wohnortnahe hausärztliche Versorgung in Zukunft nicht mehr sichergestellt werden kann“, heißt es in der Sitzungsvorlage. Momentan werden die Patienten so gut es geht von Hausärzten in angrenzenden Kommunen mitversorgt. Doch auch dort drohten altersbedingte Praxisschließungen - und zwar mit einer deutlich höheren Dynamik, als noch vor zwei Jahren erwartet. In Abtsgmünd beispielsweise hat Dr. Wolfgang Schlipf Ende März seine Praxis aufgegeben.


Die Gründe sind bekannt und vielfältig: Besonders der Wunsch nach geregelten Arbeitszeiten, nach einer Tätigkeit in Teilzeit (die Medizin wird zunehmend weiblicher, Anm. d. Red.) und ein den Ärzten in selbstständiger Praxis auferlegtes hohes Maß an Bürokratie führen dazu, dass Nachwuchsmediziner von einer selbstständigen hausärztlichen Tätigkeit zurückschrecken.


Die Förderprogramme von Land und Kassenärztlicher Vereinigung (KV) greifen in der Gesamtstadt Aalen nicht, weil sich die Bedarfsplanung der KV für Hausärzte am gesamtstädtischen Versorgungsgrad orientiert. Und der liegt bei 97,6 Prozent. Die prekäre Lage in den untergeordneten Teilorten bleibt bei der Bedarfsplanung also gewissermaßen unberücksichtigt. Aalen bleibe lediglich die Aussicht auf eine „Landärzte“-Förderung des Landes, die Förderhöhe aber sei für die Aalener Gemarkung aktuell auf 15 000 Euro begrenzt. Deshalb will die Stadt Aalen nun mit einem kommunalen „Aktionsprogramm ärztliche Versorgung“ die fehlenden Förderungen von Land und KV kompensieren.

1 Bereitstellung von geeigneten Flächen: Die potenzielle Umsetzung zeitgemäßer Praxiskonzepte soll die städtische Wohnungsbau künftig in ihren Projekten berücksichtigen. Zudem sollen auch in der Stadt- und Ortsentwicklung künftig dafür Potenzialflächen vorgesehen werden.

2 Kommunale finanzielle Unterstützung: Die Stadtverwaltung überlegt, niederlassungswillige Ärzte mit einem Förderbetrag in Höhe von 15 000 Euro zu unterstützen. Grundlage könnte die Festlegung einer kommunalen Versorgungsquote sein. Für diesen Investitionskostenzuschuss aber müssten Rahmenbedingungen festgezurrt werden, beispielsweise, den Arzt in seiner Praxis auf einen festen Zeitraum zu verpflichten. Kalkulierte Kosten: etwa 1500 bis 2000 Euro.

3 Weitere, nicht-monetäre Anreize: Bei der Vergabe von Wohnbauflächen etwa könnten niederlassungswillige Ärzte bevorzugt werden. In „Kennenlernpaketen“ sollen interessierten Ärzten die Vorzüge und Angebote von Stadt und Region vorgestellt werden. Zudem denkt die Stadtverwaltung an vergünstigte Bus- und Bahntickets, an Gutscheine für Kultur, Einzelhandel, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen. Und auch bei der Vergabe von Kita-Plätzen könnten niederlassungswillige Mediziner künftig priorisiert werden. Kalkulierte Kosten: rund 10 000 Euro.

4 Ausweitung der Werbekampagne: Nachdem Dewangen schon seit über sechs Jahren ohne Hausarzt ist und in Fachsenfeld kurz vor Weihnachten 2021 die einzige Hausarztpraxis geschlossen hatte, hat die Stadt Aalen Anfang Dezember 2021 eine Werbekampagne konzipiert und kurz vor Weihnachten Werbebanner an den beiden Ortseingängen aufgehängt. „Auf die Kampagne haben sich Ärzte gemeldet, die sehr konkret an eine Niederlassung in den Teilorten mit einer Einzel- oder Gemeinschaftspraxis interessiert sind“, heißt es seitens der Stadtverwaltung. Die Stadt will nun die Werbekampagne auf weitere Teilorte ausweiten, in denen künftig die größten Versorgungslücken entstehen werden: also etwa auf Wasseralfingen, Hofen, Waldhausen und Ebnat.

5 Medizinische Versorgungszentren: Seit 2015 können Kommunen medizinische Versorgungszentren (MVZ) in eigener Trägerschaft betreiben. Laut Stadtverwaltung allerdings standen die ärztlichen Gremien im Ostalbkreis solchen Gründungen in kommunaler Trägerschaft bislang kritisch gegenüber.

Ärzte-Notstand im Welland: Viele Patienten hängen in der Luft

Grüne: MVZ in kommunaler Trägerschaft prüfen

Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Aalener Gemeinderat erkennt gerade in medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in kommunaler Trägerschaft eine Möglichkeit, die ärztliche Versorgung vor Ort zu sichern. Einen entsprechenden schriftlichen Antrag hat die Fraktion am 12. April an OB Frederick Brütting adressiert. Demnach solle die Stadt alle Daten über die hausärztliche und fachärztliche Versorgung der Bürgerschaft in der Gesamtstadt bis zum Jahr 2027 erheben. Und zudem prüfen, ob mit der Gründung eines oder mehrerer MVZ in kommunaler Trägerschaft die haus- und fachärztliche Versorgung in Aalen und Teilorten gesichert werden kann.

In einem MVZ arbeiten Ärzte als Angestellte ohne unternehmerisches Risiko in Voll- und Teilzeit. Im Gegensatz zu einer selbstständigen Praxis sind sie hier von Bürokratie befreit.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

Kommentare