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Carsharing bei den Stadtwerken: Den VW up öffnet man nicht mit einem Schlüssel, sondern indem man eine persönliche Kundenkarte ans Lesegerät hinter der Windschutzscheibe hält.
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Carsharing - die gemeinschaftliche Nutzung eines Fahrzeugs - ist auch bei den Stadtwerken in Aalen möglich. Wie das funktioniert und was man darüber wissen muss.

Aalen

Ohne Kundenkarte geht hier gar nichts. Das Plastikkärtchen ist der Schlüssel zu allem. An der Fahrerseite vor das Lesegerät hinter der Frontscheibe halten. Ein sattes Klacken – und der kleine „VW Up“ ist offen. E-Carsharing der Stadtwerke Aalen – der Test beginnt.

Die Carsharing-Flotte der Stadtwerke: Vier Autos: zwei Smarts und zwei VW Up, alles Elektrofahrzeuge. Je eines steht in der Rathaustiefgarage und im Parkhaus am Bahnhof. Wer ein Auto mieten möchte, muss sich beim Internet-Portal E-Wald registrieren. Via Video werden Führerschein und der Personalausweis verifiziert, einmalig zehn Euro für die Kundenkarte werden fällig, dann kommt die Karte per Post von E-Wald. Dort muss und kann ein Auto buchen, wer einen gültigen Führerschein hat.
Das Wageninnere ist blitzsauber und wirkt nagelneu wie das ganze Auto. Wo ist eigentlich der Schlüssel? Ein Blick ins Handschuhfach: Da steckt er, eingetütet in ein Schlüsseltäschchen, samt Karte fürs Parkhaus, Ladekarte für den Strom, Fahrzeugpapieren und einer Kurzanleitung. Ein Blick darauf hätte sich gelohnt, wie ich später merke.

Die Sache mit dem „E“: Der „Up“ für unsere Probefahrt hängt am Strom in der Rathaustiefgarage. Ihn loszueisen, ist erst einmal nicht so einfach: Bombenfest sitzt das Kabel im „E-Tank“, das andere Ende in der Ladebox an der Wand. Nach einem kurzen Moment der Irritation ist klar: entriegeln – ganz einfach durch einen kurzen Druck auf die Autoschlüsseltaste. Also Ladekabel an beiden Enden ausgesteckt, zusammengerollt und ab damit in den Kofferraum. Und los geht's.

Motor: Nanu, kein Ton zu hören? Was den an Diesel- oder Benzinmotor gewöhnten Autofahrer irritiert, ist normal: Vom Elektromotor hört man – nichts, doch der Wagen rollt. Die Parkkarte öffnet die Tiefgaragenschranke, ab jetzt ist die Straße mein. Der „Up“ schnurrt munter los, ist fix beim Beschleunigen, direktes Fahrgefühl, ein bisschen wie Boxauto. Doch die Freiheit hat enge Grenzen: 133 Kilometer, sagt mir die Reichweiten-Anzeige im Armaturenbrett. 100 bis 130 Kilometer ist üblicherweise der Radius bei den Carsharing-Fahrzeugen der Stadtwerke. Dass die Reichweite eins zu eins mit jedem gefahrenen Kilometer abzieht, darauf verlässt man sich besser nicht, rät Stadtwerke-Pressesprecher Igor Dimitrijoski. Je nach Fahrweise und Geschwindigkeit verbrauche der Motor mal mehr, mal weniger Strom. Verlässlicher sei die gut erkennbare Akku-Anzeige neben dem Tacho.

Gut zu wissen: Strom nachzuladen ist beim Carsharing ausschließlich in den beiden Parkhäusern der Stadtwerke möglich. Ärgerlich, wenn man mit dem Auto liegenbleibt: Es muss abgeschleppt werden in die Werkstatt. Ein Mal sei das bisher passiert, sagt Dimitrijoski. Die Kosten trägt der Kunde, was er bei der Anmeldung unter den Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren muss.

Blitzer, Beule oder Schlimmeres: Knöllchen wegen Falschparkens oder Anzeigen wegen zu schnellen Fahrens landen bei den Stadtwerken als Halter der Autos und dann beim Fahrer über die Firma E-Wald, die die Nutzerdaten verwaltet. Ähnlich wird verfahren, falls jemand das Auto beschädigt oder einen Unfall hat. Stadtwerke-Sprecher Igor Dimitrijoski: „Wir empfehlen, einmal kurz um das Auto herumzugehen, bevor man losfährt. Wenn einem irgendwas auffällt, sollte man ein Handyfoto machen.“ Seines Wissens war bisher aber alles in Ordnung – „die Leute behandeln die Autos wirklich pfleglich.“

Carsharing bei den Stadtwerken: Die Autos sind Elektrofahrzeuge.

Nach der Fahrt: Auf jeden Fall zurück in die Rathaustiefgarage, andere Standorte sind definitiv ausgeschlossen. Das Auto wieder an den Strom hängen und den Schlüssel nicht in der Handtasche vergessen, sondern ins Handschuhfach legen. Abschließen wieder mit Karte über die Windschutzscheibe. Eine Stunde war ich mit dem Auto unterwegs: nach Wasseralfingen, Affalterried, über die Westumgehung und Oberalfingen zurück in die Stadt. Verkehrsbedingt konnte nicht mehr als Tempo 90 gefahren werden. Durchschnitts verbrauch auf den 23 Testkilometern: 14,4 kW/h, sagt die Anzeige. Aha. Interessanter finde ich den Akku: Kaum ein Viertel „Saft“ ist weg; es wäre also noch einiges an Spritztour möglich gewesen.

Was das Carsharing kostet: Eine Stunde im Smart schlägt mit 4,99 Euro, im VW Up mit 5,99 Euro zu Buche. Der ganze Tag liegt bei 29 bzw. 35 Euro für Miete, Versicherung. allgemeine Betriebskosten. Auch wochen- oder monatsweise Nutzung ist möglich, abgerechnet wird immer am Monatsende. „Die meisten Fahrzeuge werden stunden- oder tageweise gemietet,“ berichtet der Stadtwerke-Sprecher. Die Resonanz auf das Angebot nennt er „relativ konstant auf niedrigem Niveau“. Etwa zwei bis drei Stunden am Tag sei jedes Fahrzeug gebucht.

Fazit: Wer gefühlt nur drei Mal im Jahr ein Auto braucht, für den ist das Angebot interessant. Aber auch nur im erweiterten Stadtverkehr für den Ausflug ins Allgäu reicht's buchstäblich nicht. Und wer Sperriges transportieren will, wendet sich besser an die gängigen Mietwagenanbieter. Smart und „Up“ bieten vieles, aber wenig Platz.

Die Leute behandeln die Autos wirklich pfleglich.“

Igor Dimitrijoski, Pressesprecher Stadtwerke

ADAC: Carsharing ist vor allem für Gelegenheitsfahrer interessant

„Carsharing stellt für Wenigfahrer bis etwa 10 000 Kilometer pro Jahr, die überwiegend den ÖPNV benutzen und das Auto nur gelegentlich benötigen, eine kostengünstige Alternative zum Pkw-Besitz dar“, resümiert der ADAC auf seiner Website. Interessant sei Carsharing für Familien, die zum Beispiel aus Kostengründen auf einen Zweit- oder Drittwagen verzichten wollen.

Carsharing

Umwelt: Beim sogenannten stationsbasierten Carsharing stehen die Fahrzeuge an festen Stationen und werden nicht „frei“ in der ganzen Stadt abgestellt. Der ADAC hält das stationsbasierte Carsharing für einen sinnvollen Baustein eines nachhaltigen Stadtverkehrs, kombiniert mit einem leistungsfähigen ÖPNV und einem guten Radwegenetz. Die verkehrlichen und ökologischen Wirkungen seien aber als gering einzustufen, wenn man die wenigen Carsharing-Autos ins Verhältnis zur Gesamtzahl der zugelassenen Fahrzeuge setze, so der ADAC.

Schäden am Carsharing-Fahrzeug: Laut ADAC haftet der Kunde nur für einen Schaden, wenn ihm der Carsharing-Anbieter ein Verschulden nachweisen kann. Für vergleichbare Situationen bei beschädigten Mietwagen sei in der Rechtsprechung anerkannt, dass der Mieter für unaufklärbare Schäden am Mietauto nicht haftet.
Der Kunde hafte auch nicht, wenn die Miete ordnungsgemäß beendet wird und das Auto an öffentlich zugänglicher Stelle abgestellt wurde. In diesem Fall, so der ADAC, sei nicht auszuschließen, dass der Schaden durch die Einwirkung eines Dritten (z.B. Parkunfall durch fremdes Fahrzeug) entstanden ist. bea

Start und Ziel der Test-Tour ist die Rathaustiefgarage.
Carsharing

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