Die Geschichte von Herrn M.: Wenn der Notruf die bessere Wahl ist

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„Unser Rettungssystem ist klasse. Aber man muss auch die 112-Taste drücken“, sagt der Aalener Herzspezialist Prof. Dr. Ulrich Solzbach. „Und den Notfall dringlich formulieren.“
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Als Herr M. plötzlich unter starkem Schwindel mit massiver Übelkeit litt, wollte er sich beim Arzt nur den Blutdruck messen lassen. Was dann passierte.

Aalen

Das hat wohl schon jeder einmal erlebt: Vor den Augen dreht sich alles, die Beine wollen einem nicht mehr gehorchen. Der Blutdruck sackt ab. Das sind typische Symptome für Kreislaufprobleme. Und meist helfen ja auch kleine Tipps und Kniffe, wie etwa Füße hochlegen, eine Salzbrezel knabbern oder einen kalten Waschlappen an den Hals legen.

Als aber Herrn M. (Name der Redaktion bekannt) vor einigen Tagen ganz plötzlich das Gefühl starken Schwindels mit massiver Übelkeit befiel, muss der 73-Jähriger geahnt haben, dass hier weder Tee noch Waschlappen helfen können.

Das ist vorgefallen: Gerade hatte er seine Frau mit dem Auto zur Fußpflege gefahren. „Kurz nachdem sie ausgestiegen war, drehte sich plötzlich alles um mich herum. Es war, wie wenn das Herz aussetzt“, schildert Herr M. An Autofahren war nicht mehr zu denken. Er steuerte zu Fuß auf die nächste Apotheke zu. Er konnte sich eigenen Angaben zufolge kaum senkrecht halten. Musste sich an den Türrahmen der Apotheke lehnen, als er den Wunsch äußerte, Puls und Blutdruck messen zu lassen. Die Apotheken-Angestellte indes habe ihn sofort an die nahe gelegene Arztpraxis weiterverwiesen.

„Mir ging es dermaßen schlecht. Für mich hat es sich angefühlt wie eine Situation zwischen Leben und Tod“, berichtet Herr M. In der Arztpraxis habe er sein Sprüchlein erneut aufgesagt und gebeten, ihm Puls und Blutdruck zu messen. Doch die Arzthelferin habe sofort nach seiner Krankenversicherungskarte gefragt. Die aber hatte Herr M. im Auto liegenlassen. Die Arzthelferin bot ihm dann an, in einem extra Raum Platz zu nehmen.

Als nach zehn Minuten Schwindel und Übelkeit nachließen, stand Herr M. auf, verließ unvermittelt Wartezimmer und Arztpraxis. Setzte sich ins Auto, holte seine Frau von der Fußpflege ab und fuhr nach Hause.

Der Zusammenbruch: Zwei Tage später erlitt Herr M. zuhause einen Zusammenbruch. Seine Frau reagierte sofort, alarmierte die Rettung. Herr M. kam in die Klinik. Drei Tage Intensivstation. „Wahrscheinlich bekomme ich einen Herzschrittmacher“, schließt Herr M. aus den Gesprächen mit den Ärzten.

Die Vorerkrankung: Doch warum hatte Herr M. weder in der Apotheke, noch beim Arzt nichts von seiner Vorerkrankung am Herz erwähnt? Dass er seit Jahren unter Herzrhythmusstörungen leidet und dass ihm zudem im vergangenen Jahr mehrere Stents eingesetzt wurden? Herr M: „Ich konnte kaum sprechen. Ich war verzweifelt, konnte keinen klaren Gedanken fassen - wie sollte ich da meine Krankengeschichte erzählen?“

Die Arzthelferin: „Herr M. kam zur Tür herein, hat nur gesagt, ihm gehe es schlecht, er wolle sich den Blutdruck messen lassen. Nichts weiter.“ Von Herzproblemen oder gar Beklemmungen war keine Rede. „Nach zehn Minuten ist er einfach wieder gegangen.“

Was ist da schiefgelaufen? Dr. Sebastian Hock, Vorsitzender der Kreisärzteschaft Aalen, sagt: „In so einem Fall sollte der Patient dringend seine Beschwerden und seine Vorerkrankung klar schildern. Dann läuft auch die Rettungskette.“ Bei diesen Symptomen sei es nicht nur dringend angeraten, sich ärztliche Hilfe zu suchen, sondern sie auch in Anspruch zu nehmen.

Das sagt der Aalener Herzspezialist Prof. Dr. Ulrich Solzbach: „Das ist die typische Tücke von Herzrhythmusstörungen: Sobald es dem Patienten wieder bessergeht, möchte er den Ernst der Situation nicht mehr wahrhaben.“ Wenn man sich in so einer Situation aber gleich wieder ans Steuer eines Autos setze, sei das sehr unklug. „Denn trotz Stents am Herzen können die Gefäße auch mal wieder zugehen.“ In so einer Situation, appelliert Solzbach, sollte man die Notrufnummer drücken – die Taste 112. „Unser Notfallsystem ist klasse. Aber man muss es auch bedienen.“ Was voraussetze, dass man seine Not auch dringlich formuliert. Insofern sei es sehr unglücklich gewesen, dass Herr M. seine Situation nicht klar und deutlich benannt hat, sondern sich nur den Blutdruck messen lassen wollte.

Das sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Matthias Wagner: Er kann nachvollziehen, dass sich Herr M. in dieser akuten Ausnahmesituation aufgrund seines körperlichen Zustands nur aufs Wesentliches konzentrieren konnte. Und dass es ihm nicht möglich war, weitere Angaben über seine Vorerkrankung zu machen. „In solchen Fällen am besten sofort die 112 drücken“, rät auch Wagner. „Unsere Helfer leiten dann vor Ort sofort ein EKG ab, messen und stabilisieren Puls und Blutdruck.“ Zumal die Symptome für Kreislaufversagen auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen sein können, wie etwa verdeckter Herzinfarkt, Unterzucker oder andere Stoffwechselerkrankungen.

Wagner kann das Verhalten von Herrn M. aber nachvollziehen. „Gerade mit zunehmendem Alter ängstigen sich viele Menschen sehr vor einem Klinikaufenthalt.“

Die Nummer 112 gilt es zu wählen immer, wenn akut Notfallsituationen auftreten, in denen unmittelbar Hilfe geleistet werden muss.

Von einer Herzrhythmusstörung spricht man, wenn das Herz zu langsam, zu schnell oder unregelmäßig schlägt.

Ein Stent ist ein Gittergerüst aus Metall, das Ärzte in Gefäße des Herzens einsetzen. Das Implantat dient dazu, verschlossene oder verengte Blutgefäße offen zu halten.

Mir ging es so schlecht. Wie sollte ich da meine Krankengeschichte erzählen?“

Herr M. (Name geändert), Herzpatient

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