Immer mehr Polizisten werden Opfer von Gewalt

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Gewalt gegen Polizei Polizeipräsidium Aalen
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Mehr Übergriffe denn je auf Beamte des Polizeipräsidiums Aalen prognostiziert Polizeipräsident Reiner Möller für 2021. Zwei Streifenpolizisten und eine Polizistin schildern ihre persönlichen Erfahrungen.

Aalen

Sie werden getreten, gebissen, werden bespuckt und gekratzt, an den Haaren gerissen ... oder verbal beleidigt. Immer öfter und immer respektloser werden Polizistinnen und Polizisten im Einsatz angegangen und damit selbst Opfer von Gewalt. „Es gibt zahlreiche betroffene Kollegen im Streifendienst, die in der Folge unter starken psychischen Beeinträchtigungen leiden. So dass sie nur noch im Innendienst oder in einem anderen Aufgabenfeld einzusetzen sind“, sagt Polizeipräsident Reiner Möller.

Die Mittel, mit denen sich die Täter gegen die Gesetzeshüter wehren, sind mannigfaltig. In der Jahresstatistik 2020 ist unter anderem die Rede etwa von Glasflaschen, Schlagringen, Haushaltsscheren, Messern und sogar einem Sturmgewehr AK-47. Durch so geartete Angriffe wurden im vergangenen Jahr 175 Polizistinnen und Polizisten verletzt – ein Polizist schwer verletzt. Die Diagnosen reichen von Prellungen und Platzwunden bis hin zu Knochenbrüchen, von Bänderrissen bis zu einem Schädel-Hirn-Trauma.

Mit insgesamt 342 Fällen dieser Übergriffe gegen Polizeibeamte war im Jahr 2019 der vorläufige Höchststand im Bereich des Polizeipräsidiums erreicht. „Doch nach einem leichten Rückgang auf 324 Fälle im vergangenen Jahr werden wir in 2021 voraussichtlich leider ein neues Allzeithoch erreichen“, prognostiziert der Polizeipräsident. Denn bereits in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres sei eine über 15-prozentige Steigerung dieser Fälle zu verzeichnen.

Zwei Polizeibeamte und eine Polizeibeamtin schildern ihre persönlichen Gewalterfahrungen während ihrer Einsätze.

Andreas Klinke (31), Polizeihauptmeister in Waiblingen

Polizeihauptmeister Andreas Klinke war gut zwei Monate dienstunfähig.

Andreas Klinke sollte gemeinsam mit einem Kollegen einen 14-jährigen Jugendlichen festnehmen, der bereits wegen mehreren Delikten auffällig geworden war. Und der bereits ein Dreivierteljahr zuvor einem Polizei-Kollegen mehrfach ins Gesicht geschlagen hatte. Allerdings war er damals noch keine 14 Jahre alt und somit strafunmündig. An besagtem Einsatz aber, ein bis zwei Monate nach seinem 14. Geburtstag, ist er vor den Polizeibeamten geflohen. „Ich bin zu Fuß alleine hinter ihm her, während ihm mein Kollege im Streifenwagen den Weg abschneiden wollte“, erzählt Klinke. Ihm gelang es, den 14-Jährigen einzuholen. „Als ich ihm die Handschellen anlegen wollte, entwickelte er eine enorme Energie und schlug wild um sich.“ Der Polizist erlitt eine komplizierte Daumenfraktur, die operiert werden musste. Klinke war gut zwei Monate dienstunfähig. „Mit der Art und Weise und der Intensität der Gegenwehr einer noch so jungen Person hatte ich nicht gerechnet“, bekennt der Polizeihauptmeister.

Nach seinem Widerstand kam der 14-Jährige zwei bis drei Monate in Untersuchungshaft. Und wurde schließlich zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. „Als ich ihm bei Gericht gegenübersaß, hatte ich schon das Gefühl, dass das etwas mit ihm gemacht hat. Er hat sich dann auch vor Gericht entschuldigt“, meint der Streifenbeamte, der wie viele seiner Kollegen inzwischen mit einer Bodycam ausgestattet ist. Ob die Ankündigung, dass die Situation gleich gefilmt werde, immer hilfreich ist? „Ja, bedingt“, sagt Klinke. „Allerdings nicht, wenn das Gegenüber unter Drogen- oder Alkoholeinfluss steht.“

Cynthia Russ (36), Polizeihauptmeisterin in Aalen

Polizeihauptmeisterin Cynthia Russ bangte ein Jahr lang um ihre Gesundheit.

Widerstand im Einsatz hat die 1,67 Meter große Polizeibeamtin schon öfter erlebt. Den Biss in ihre Hand aber wird sie wohl nie vergessen. Täterin war eine alkoholisierte Frau, die sich in einem psychischen Ausnahmezustand befand und auf ihren Mitbewohner eingeschlagen hatte. „Uns war es vor Ort nicht möglich, mit Worten auf die Frau einzuwirken. Sie war völlig hysterisch. Sie hat um sich geschlagen und mir dabei in die Hand gebissen“, erinnert sich Cynthia Russ. Nach ein paar Tagen der Schock: Der Verdacht, dass die Täterin HIV-positiv ist, war bestätigt worden. „Das ist natürlich enorm belastend für die gesamte Lebenssituation, nicht nur beruflich, sondern auch privat“, sagt die Polizeibeamtin und ringt sich ein Lächeln ab. Fortan musste sie sich ein Jahr lang alle drei Monate testen lassen. Ein Jahr in steter Ungewissheit und Angst, möglicherweise infiziert sein zu können. Am Ende die Erleichterung: Der Test blieb negativ.

„Gut war, dass ich in der fraglichen Situation Einsatzhandschuhe getragen habe. Die Wunde war zwar da, aber letztlich haben die Handschuhe Schlimmeres verhindert“, ist sie sicher. Seither zieht sie diese Handschuhe während des Dienstes lieber früher an, als später. Nicht, um damit furchteinflößend zu wirken. „Sondern einfach, um mich zu sichern. Denn diese Handschuhe sind auch schnitthemmend und stichfest.“ Seit zehn Jahren ist die Beamtin im Streifendienst. Sie erlebt nicht nur ein stetig steigendes Aggressionspotenzial. Sondern zudem auch ein neues Phänomen: Dass sich das Umfeld, „dass sich teilweise völlig Unbeteiligte“, mit dem Täter solidarisieren. „Einer fängt an, mit dem Smartphone die Szene zu filmen. Dann kommt es zur Zusammenrottung. Und aus der Menge heraus werden die Polizeibeamten dann verbal attackiert.“

Martin Sünder (56), Polizeikommissar in Aalen

Polizeikommissar Martin Sünder erzählt von einer Solidarisierungsaktion gegen Polizei und Rettungskräfte.

Martin Sünder erzählt von einer Solidarisierungsaktion gegen Polizei und Rettungskräfte in einem Ausmaß, wie er es während seines 30-jährigen Streifendienstes noch nie erlebt hatte. Martin Sünder war im Einsatz, als Anfang Mai ein zwölfjähriges Mädchen bei einem Verkehrsunfall auf der Aalener Bahnhofstraße schwer verletzt wurde. Er war dabei, als der hinzueilende Vater des Mädchens die Rettungskräfte zur Seite geschoben, und sie in ihrer Arbeit behindert hat. „Auf der wegen des Unfalls gesperrten Bahnhofstraße kam es schnell zur Zusammenrottung von Schaulustigen, die mit dem Vater sympathisierten und die Handlungen filmten, um sie hinterher ins soziale Netz zu stellen. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um den Menschenauflauf zu entzerren, damit sich die Situation nicht überhitzt. Und damit die Rettungskräfte ihre Arbeit tun konnten.“

Das sagt der Polizeipräsident

Polizeipräsident Reiner Möller setzt sich dafür ein, dass jeder Widerstand gegen Polizeibeamte sanktioniert wird.

Wegen der stetig steigenden Fallzahlen hat das Polizeipräsidium Aalen die Gewalt gegen Polizeibeamte inzwischen zum internen Schwerpunktthema erklärt. Und ein Fünf-Punkte-Programm aufgelegt, das, so Polizeipräsident Reiner Möller, zur Chefsache gemacht wurde. Darin geht es etwa um Mitarbeiterberatung in Fragen um Schadensersatz oder in Fragen um rechtliche Auseinandersetzungen. Um Einsatztraining, das aufgestockt wurde. Um Prävention, mit Vortragsreihen an Schulen.

Vor allem aber um die Strafverfolgung. „Jede Widerstandshandlung gegen Vollstreckungsbeamte mündet bei uns in einen Strafantrag“, sagt Möller, der sich dafür einsetzt, dass jeder Widerstand gegen Polizeibeamte sanktioniert werden muss. „Das darf vor Gericht nicht als Geringfügigkeit abgetan werden!“

Die Polizei ist wesentliche Trägerin des staatlichen Gewaltmonopols. Sie kann und muss in bestimmten Situationen sogenannten unmittelbaren Zwang anwenden. Dies kann durch körperliche Gewalt, durch Hilfsmittel (wie Handschellen) oder auch durch Waffen geschehen. Zwang darf nur eingesetzt werden, wenn es dazu keine milderen Alternativen gibt, und seine Anwendung unterliegt stets dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

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