In der Tofa glüht der Stahl

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Andreas Ulbrich ist Schmied aus Leidenschaft. In der Aalener Tonfabrik an der Ulmer Straße richtet er sich derzeit eine Werkstatt ein. Weil im Inneren noch kein Kamin installiert ist, bringt er den Stahl aktuell noch in seiner Esse im Freien zum Glühen.
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Was Messerschmied Andreas Ulbrich in einem Teil des früheren Tanztempels an der Ulmer Straße in leidenschaftlicher Handarbeit fabriziert.

Aalen

Die Aalener Tonfabrik ist zu neuem Leben erwacht. Der Beat des ehemals nächtlichen Tanzlokals ist ein anderer: Anstelle nächtlich wummernder Disco-Bässe dröhnen seit Neuestem laute Hammerschläge zur Ulmer Straße hinaus. Auf dem Hof sprühen gleißende Funken, in der flammenden Kohle glimmt glühendes Eisen. Andreas Ulbrich ist es, der hier seine Hände in eine ferne Vergangenheit ausstreckt und in schweißtreibender und leidenschaftlicher Handarbeit individuelle Messer für Köche, Jäger, Metzger fertigt. Kurz: für alle Liebhaber guter alter Handwerkskunst, die bereit sind, für ein Exemplar mehrere hundert bis einige tausend Euro auszugeben.

Der 42-jährige gebürtige Aalener ist im Dezember mit seiner Messermanufaktur in die hinteren Räume der früheren Tofa eingezogen, die er sich jetzt nach und nach als Schmiedewerkstatt einrichtet. Vermittelt hat ihm diese Arbeitsstätte Andreas Seydelmann, der neue Eigentümer des Tofa-Areals. Weil im Inneren noch kein Kamin installiert ist, lodern draußen auf dem Hof die Flammen aus der Esse.

In der Linken hält Ulbrich den glühenden Stahl, in der Rechten den schweren Schmiedehammer. Durch den Großvater sei er zum Schmiedehandwerk gekommen, erzählt er später, als die verschiedenen Stähle zum sogenannten Damaszener-Stahlverbund zusammengeschweißt sind. Den erkalteten Werkstoff hält er demonstrativ auf Augenhöhe: "Jeder Hammerschlag sitzt anders. Jedes meiner Messer ist weltweit ein Unikat", weist er auf den besonderen Moment hin, in dem etwas Einzigartiges entstanden ist. Der Preis? "Das ist eine Herzensangelegenheit", weicht Ulbrich aus. "Man kauft so ein Messer nur ein Mal im Leben. Das hält für die nächsten Generationen."

Beim Großvater gelernt

"Schmieden ist wie eine Therapie für mich", offenbart der ausgebildete Rettungsassistent dann. Denn in jedes seiner Messer fließe nicht nur Schmerz, Blut und Schweiß, sondern dahinein gibt er auch ein Stück seiner Seele. "Das ist für mich Kunst. Es ist ein Privileg, so etwas machen zu dürfen", sagt er dankbar. Seine Augen leuchten, wenn er vom Großvater erzählt, dem Kunst- und Hofschmied, der ihn damals als Bub einer alleinerziehenden Mutter unter die Fittiche genommen hat. "Großvater war der letzte Hof- und Hufschmied von Mohrenstetten und hat 45 Jahre lang in der GSA gearbeitet." Opa Roman hat ihm, dem Elfjährigen, damals eine Feile in die Hand gedrückt. "Da habe ich mein erstes Messer gemacht. So ist meine Leidenschaft fürs Schmieden entstandenen. Und die lässt mich nicht mehr los."

Doch was der Großvater nie wollte: dass der Enkel das Schmieden zu seinem Beruf macht. Andreas wurde Rettungsassistent. Und musste eines Tages einen Säugling reanimieren. Aber es gelang ihm nicht, das Baby ins Leben zurückzuholen. "Ich schaute dem Vater in die Augen ... und ab da konnte ich nicht mehr. Das hat mir das Herz gebrochen." Obwohl Andreas Ulbrich bei dieser Erinnerung jedes Mal die Tränen in die Augen schießen, wollte er sich den Schmerz lange nicht eingestehen. Er verpflichtete sich für sechs Jahre als Soldat bei der Bundeswehr, war als Rettungsassistent bei Auslandseinsätzen in Usbekistan und Afghanistan. Das, was er dort erlebt hat, all die Bilder, lassen ihn Tag und Nacht nicht mehr los.

Ein schmaler Grat

Schmieden ist wie eine Therapie für mich.

Andreas Ulbrich Messerschmied

Zu innerer Ruhe findet Ulbrich heute am besten in solchen Momenten, wenn der Hammer krachend auf den glühenden Stahl schlägt. Und wenn er, der Schmied, sich dabei auf dem schmalen Grat zwischen brachialer Gewalt und faszinierender Kunst bewegt.

Seit zwölf Jahren ist der Messermacher auf Mittelaltermärkten unterwegs. Hat eigener Aussage zufolge als erster Schmied nach über 200 Jahren im Jahr 2013 das Hammerwerk am Blautopf wieder zum Laufen gebracht. Und sich danach als Bühnentechniker bei den Burgfestspielen in Jagsthausen verdingt. Durfte dort – freilich noch vor Corona – die letzte Hand für den Götz von Berlichingen schmieden und den Festspiel-Laden im Herzen der Stadt betreiben.

Aus Dankbarkeit zum Hause Berlichingen hat Andreas UIbrich den Ritterorden zu Jagsthausen und Berlichingen gegründet, dessen Erster Ritter er ist. Bis vor Corona haben sich die aktuell 50 Mitglieder dieses Vereins jede Woche zum Schwertkampf und ein Mal im Monat zum Exerzieren getroffen.

Erneut beginnen Ulbrichs Augen seltsam zu glänzen: "Ohne den Götz von Berlichingen und ohne Jagsthausens Bürgermeister Roland Halter, zugleich Geschäftsführer der Burgfestspiele, würde es meine Geschichte so nicht geben", ist er sich sicher.

Damaszenerstahl oder "Damast": Der feuergeschweißte Schichtstahl ist wegen seiner besonderen Eigenschaften und seiner einzigartigen Ästhetik berühmt.

"Schmieden können ist für mich ein Privileg", sagt Andreas Ulrich.
Eines der handgefertigten Unikat-Messer mit der typischen Damastmaserung und edlem Holzgriff.

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