Ismail Demirtas: sechs Jahrzehnte in Aalen

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Seit 60 Jahren lebt Ismail Demirtas in Aalen.
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Generationen seiner Landsleute hat er geholfen, auf der Ostalb Fuß zu fassen.

Aalen. Er kam aus der Türkei. Am 15. Februar 1962, auf den Tag genau vor 60 Jahren, traf er nach drei langen Tagen Zugfahrt von Istanbul in Aalen ein. Hatte mit seinen damals 24 Jahren zunächst keinen Job, keine Wohnung und konnte kein einziges Wort Deutsch. Und doch war Ismail Demirtas bei seinen Landsleuten, den „Gastarbeitern“, wie man sie damals nannte, schon bald der erste Ansprechpartner, wenn es darum ging, in Aalen anzukommen und Fuß zu fassen.

Generationen von Türkinnen und Türken half er in den folgenden Jahrzehnten, sich auf der Ostalb ein neues Leben aufzubauen. Noch heute ist der Name Demirtas untrennbar mit Integration verbunden.

Gesundheitlich ist der heute 83-Jährige angeschlagen, doch die Energie, seine Lebensgeschichte zu erzählen, hat kaum gelitten. Wie er als studierter Agrartechniker zunächst beim „Hollandgärtner“ unterkam. Ihm aber schnell klar wurde: „Mit Landwirtschaft komme ich hier nicht weiter, ich muss einen Industrieberuf erlernen.“ Zweieinhalb Jahre später hatte er den Gesellenbrief in der Tasche, als erster Türke, der in Baden-Württemberg eine duale Ausbildung absolviert hatte.

Der Schlüssel zu allem war für ihn Bildung, Deutsch lernen, und zwar so gut wie möglich. Er lernte fix. Schon nach einem Vierteljahr traute er sich, eine Frau auf einen Kaffee einzuladen. Es sollte seine Frau fürs Leben werden: eine evangelische Deutsche, mit der er seit mehr als fünf Jahrzehnten glücklich verheiratet ist.

Von 1971 bis 1999 leitete er das Büro der Arbeiterwohlfahrt am heutigen ZOB, kümmerte sich als Sozialbetreuer bis zur Erschöpfung um die Integration seiner Landsleute. Gründete Ende der 1970er Jahre mit Türken und Deutschen den Verein „Inländer – Ausländer“ und initiierte einen Ausländerbeirat, den Vorläufer des heutigen Integrationsausschusses. Auch an der Initiative für das spätere „Ausländerfest“, das heutige Internationale Festival, war er beteiligt. Unter der Ägide des damaligen OB Pfeifle stellte er Kontakte her zu seiner Heimatstadt Antakya - 1995 wurde daraus eine offizielle Städtepartnerschaft. 2008 dann die höchste Ehre für ihn: Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zeichnete ihn für sein Engagement in der Integration aus.

Seit 1993 ist er Deutscher. Da wurde er offiziell eingebürgert. Stolz schwingt mit, wenn er betont: „Meine Heimat ist Deutschland.“ Und das nicht nur wegen einer Urkunde. ⋌Bea Wiese

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