Kalte Wohnzimmer und Stromausfälle - das droht Aalen im Dezember

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Reicht das Gas für den Winter? In Aalen könnte es knapp werden - auch für Privathaushalte.
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Im Gespräch mit der SchwäPo blickt Stadtwerke-Chef Christoph Trautmann auf die Lage bei Gas, Strom, Erneuerbaren Energien und den städtischen Bädern. Trotzt Optimismus, kann er Versorungsausfälle nicht ausschließen.

Aalen

Reicht das Gas und wie ist die Lage auf der Ostalb? Diese Sorge treibt viele um. SP-Redaktionsleiter Jürgen Steck und Redakteur Martin Simon  haben mit dem Geschäftsführer der Stadtwerke Aalen, Christoph Trautmann, gesprochen. Themen waren neben Gas auch die Stromversorgung, die Situation auf dem Feld der erneuerbaren Energien und die Bäder der Stadt Aalen.

"Doppelwumms" hilft, macht aber auch Arbeit

Die Bundesregierung hat die Gasumlage kassiert und feuert den „Doppelwumms“ ab. 200 Milliarden Euro, um die explodierenden Energiekosten abzufedern. „Ob dies hilft, müssen die Verbraucher entscheiden. Aus unserer Sicht ist es in jedem Falle positiv, dass Verbrauchern und der Wirtschaft unter die Arme gegriffen wird“, sagt Trautmann. Die Kommission habe unter hohem Zeitdruck gearbeitet, das sei dem Paket an manchen Stellen anzumerken. Für die Stadtwerke bedeute die Initiative „hohen Umsetzungsaufwand“. Finanzminister Lindner habe bemerkt, wenn der Staat das Geld direkt dem Bürger gebe, dauere es 18 Monate bis es ankomme, „aber wir können das auch nicht mal kurz aus der Hüfte erledigen, da sind viele Überstunden, Umstellungen im System nötig, um das nun umzusetzen“, meint Trautmann.

Gas kann knapp werden

Steht Aalen im Winter ohne Gas da? „Hoffentlich nicht“, sagt Trautmann, eine Gasmangellage sei aber nicht auszuschließen. Schwierig werden könnte es „ab Mitte, Ende Dezember“. Dann könnte es sein, dass die Stadtwerke eingreifen müssten, dass die Industrie nicht mehr das Gas erhalte, auf das sie hofft, dass die Stadtwerke kontrolliert abschalten müssen. Private Haushalte genössen einen hohen Schutz, sie verbrauchen etwa 60 Prozent des Gases hier, aber, sagt Trautmann, reiche es nicht aus, Großkunden vom Gasnetz zu nehmen, könnte es auch geschehen, dass private Haushalte kein Gas mehr erhalten.

Die Stadtwerke hätten Notfallpläne, diese orientierten sich an denen der Bundesnetzagentur. Sei die Gasmangellage absehbar, würden große, wegen Homeoffice vielleicht ohnehin wenig bespielte Gebäude analysiert, die zunächst vom Netz gehen könnten. Primär werde dort angesetzt, wo mit einem Handgriff viel eingespart werden könne.

Reiche das nicht, müssten Betriebe genau untersucht werden, danach dann die Haushalte. Technisch sei es möglich, auch private Haushalte abzuschalten - dies geschehe ebenfalls manuell. Weil das aber eine hoheitliche Aufgabe sei, wären hier Polizei und Ordnungsamt mit im Boot, wenn die Stadtwerkemitarbeiter an der Türe klingeln.

Volle Gasspeicher helfen nur kurz

Trautmann hofft, dass es nicht so weit kommt. „Das will keiner“, völlig ausschließen lasse sich das derzeit aber nicht. Die Gasspeicher seien zwar voll, aber das seien sie in jedem Jahr und diese Reserve sei nicht dafür gedacht, Deutschland monatelang durchzubringen, sondern reiche maximal ein paar Wochen. Wichtig werde sein, wie schnell es gelingt, die geplanten Flüssiggasterminals (LNG) in Norddeutschland in Betrieb zu nehmen und wie kalt der Winter werde, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa, denn die Gasversorgung sei europäisch vernetzt.

Sparen funktioniert nicht, wie nötig

Die Bundesnetzagentur habe klar kommuniziert, unter welchen Voraussetzungen Deutschland ohne eine Gasmangellage durchkommen kann, sagt Trautmann. Eine entscheidende Komponente dabei sind Einsparungen - auch auf dem privaten Sektor von 20 Prozent. „Das Sparen funktioniert aktuell nicht so, wie es nötig wäre“, konstatiert der Stadtwerke-Cef. Dass es dieses Jahr schon früher kalt wurde als im vergangenen Jahr, das habe die Netzagentur „eingepreist“, sagt er, hier wäre man von Temperaturen im Fünf-Jahresmittel ausgegangen. „19 Grad im Büro, das ist wirklich nicht kuschelig“, hat auch Trautmann erfahren, er weiß aber auch, „ein Grad mehr bedeutet etwa sechs bis sieben Prozent mehr Gasverbrauch“.

Sorge bereitet ihm, dass viele dächten, ich kann sowieso nichts ändern und andere eben nicht auf Komfort verzichten wollen. Keiner dürfe aber meinen, die Industrie sei nicht sein Problem. „Wenn wir Große sechs Wochen aus dem Spiel nehmen müssen, dann ist es im heimischen Wohnzimmer vielleicht angenehm warm, aber es drohen Kurzarbeit, Insolvenzen, Steuerausfälle, dann hat der Bäcker zu und andere auch. Die Industrie darf nicht kaputtgehen“, sagt Trautmann. Daher werbe er eindringlich dafür, dass jeder zu dem Schluss kommt: „Ich leiste meinen Beitrag“.

Gaspreis bis zu 2,4 mal höher

Gasmangel ist die eine Seite der Medaille, der Gaspreis die andere. Und der wird nie wieder so niedrig werden, wie er war. Der Preis pro Kilowattstunde könne sich bei Bestandskunden, deren Zweijahresbindung bald ausläuft, um den Faktor 2,4 erhöhen, meint Trautmann. Über 50 Prozent der Stadtwerkegaskunden haben sich langfristig an das Unternehmen gebunden. „Bei ihnen bleibt der Energiepreis so lange fix, wie die Vereinbarung läuft“, verspricht Trautmann. Allerdings beinhaltet der Endpreis für den Kunden auch Umlagen und die – so sähen es die Verträge schon lange vor – könnten sich immer wieder verändern und das Preisgefüge neu gestalten, sagt Trautmann.

Viele Schreiben haben die Stadtwerke an ihre Kunden jüngst versandt. Von drei Umlagen ist darin die Rede. Gasspeicherumlage, Gasbeschaffungsumlage und die Bilanzierungsumlage. Die Gasbeschaffungsumlage ist vom Tisch, die hat die Regierung gestrichen. Auf die Bilanzierungsumlage verzichten die Stadtwerke bei Bestandskunden mit laufenden Verträgen bis zum 30. September 2023. Weitergegeben aber wird die Gasspeicherumlage. „Die neuen Schreiben gehen raus, sobald es abschließende Klarheit seitens der Bundesregierung gibt“, kündigt Trautmann an. 

Fürchten die Stadtwerke nun, viele Stammkunden zu verlieren, weil die sich nur kurz binden und möglicherweise günstigere Energiepreise abwarten wollen? „Das wäre sehr schade, aber wir hoffen, unsere Kunden zeigen Verständnis und wir sind auch zuversichtlich, aber uns sind hier einfach die Hände gebunden“, sagt Trautmann. Er warnt davor, künftig nur kurzfristige Verträge mit den Stadtwerken abzuschließen. Die Zeiten des günstigen Pipeline-Erdgases seien vorbei. Pipelinegas koste 2,5 Cent/kWh, LNG sieben bis acht Cent je kWh.  „Der Gasmix der Zukunft in der EU wird ein ganz anderer sein. Langfristig werden die Preise für Gas viel höher sein, als vor der Krise. Die Hoffnung, die Welt werde wieder, wie sie vor dem Ukrainekrieg war, halte ich für unbegründet“, macht Trautmann deutlich.

Wer seine Gas- oder Stromrechnung nicht (mehr) bezahlen kann, dem wird der Gashahn oder der Strom abgedreht. „Wir halten uns an rechtliche Gegebenheiten und müssen dies auch. Wir können nicht ins Blaue liefern, ohne Entgelt. Aber es gibt Möglichkeiten, eine solche Situation zu vermeiden, es gibt hier Sozialleistungsträger und auch bei den Stadtwerken gibt es einen Härtefonds“, sagt Trautmann.

Zwar genug Strom, aber es drohen lokale Blackouts

Anders als beim Gas sieht Trautmann beim Strom keine Mangellage kommen. Zwar würden sich auch hier die Preise wesentlich verteuern, Trautmann rechnet hier mit dem Faktor 2, aber es sei genug Strom im Netz. Die Bundesnetzagentur sehe keinen deutschlandweiten Blackout kommen, lokal könne der Strom aber hin und wieder ausfallen, meint man dort.

Das sieht auch Trautmann so.  Problematisch werden könne es hier, wenn bei eintretender Gasknappheit zu viele ihren Heizlüfter oder Stromradiator gleichzeitig in Betrieb nehmen. „Da kann es dann schon passieren, dass da eine Last auf unser Netz, das eigentlich Reserven hat, zukommt, die es an die Grenzen bringt, dass einzelne Trafostationen in die Knie gehen“, sagt er. Fährt dann der Stadtwerkemonteur raus und behebt den Schaden, könne es wiederum passieren, dass die Haushalte meinen, prima, jetzt geht es ja wieder und die Heizlüfter wieder anschalten. „Dann fahren unsere Leute den ganzen Tag raus und rein“, meint er. Ausfälle könne dies in einzelnen Straßenzügen bringen, großflächige Blackouts fürchten die Stadtwerke nicht bei der Stromversorgung.

Nötig seien einfach Aufklärung und Appelle an die Bürgerschaft. „Wir müssen alle lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen. Es muss uns allen klar werden, diesen Winter wird es nicht ohne Verzicht gehen. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass wir da ohne Umdenken durchkommen. Straßenbeleuchtung und Sport in kurzer Hose in beheizten Turnhallen oder Jobs in Vollbeschäftigung? Wir müssen uns hinterfragen. Den Fokus nur auf den heimischen Herd und Hof zu legen, ist sicher zu kurz gedacht“, meint Trautmann.  

Erneuerbare Energien stehen erst am Anfang

Ein Ausweg aus der Energieabhängigkeit ist der Umbau des Landes auf erneuerbare Energien. Auch hier sind die Stadtwerke im Boot, und auch hier hat das Unternehmen mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie andere Akteure in der Branche.

Insgesamt stünde Süddeutschland hier ziemlich am Anfang, habe ein Jahrzehnt verpasst, konstatiert der Stadtwerke-Chef. Die Politik habe sehr lange nicht die nötigen Flächen zur Verfügung gestellt, beispielsweise für Windenergie. Für den Süden Deutschlands erwartet Trautmann nun einen „merklichen Zubau an Windkraftanlagen“. Denn die Probleme seien erkannt und würden auch angegangen. „Aktuell werden zurecht viele Wünsche und Forderungen auf dem Feld der Erneuerbaren formuliert, aber wir müssen hier erst einmal darüber reden, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um alles umsetzen zu können“, meint Trautmann.

Bislang sei der Netzausbau dem Anlagenbau nachgelagert gewesen. Das müsse sich ändern. „Wir müssen hier vor die Welle kommen“, sagt Trautmann. Es bedürfe einer Zielnetzplanung. Es müsse analysiert werden, wo es künftige Bedarfe gibt und die Netze entsprechend geschaffen oder ausgebaut werden. Die Stromplanung sei inzwischen an die kommunale Wärmeplanung gekoppelt. Das sei gut, meint Trautmann. Denn nicht alle geplanten PV-Anlagen könnten gleich morgen ans Netz gehen, hierzu muss die Netzinfrastruktur erst ausgebaut werden. Das dauere und koste sehr viel Geld, aber man sei auf dem Weg, findet Trautmann.

Stadtwerke planen zwei Schnell-Ladestationen für E-Autos

Sollte sich der Bürger nun eine PV-Anlage aufs Dach schrauben lassen? „Vielleicht nicht in den nächsten drei Wochen, denn die Preise sind gerade sehr hoch und die Handwerker ausgelastet, aber in zwei bis drei Jahren in jedem Fall, die Module werden auch immer besser“, meint Trautmann.

Und eine Wallbox für das E-Auto neben der Garage? Eine Wallbox am Einfamilienhaus betrachtet Trautmann persönlich als „eine Zwischenlösung“. Die Zukunft gehöre hier großen Ladestationen, sagt er. Die Stadtwerke Aalen planten derzeit zwei solcher großer Schnell-Ladestationen, eine in Wasseralfingen, eine an der A7. Die Ausschreibugen hierfür seien raus, informiert der Stadtwerke-Chef. Dort soll es in ein paar Jahren möglich sein, „in 15 bis 20 Minuten sein Fahrzeug vollzuladen und vielleicht dabei einen Kaffee zu trinken“. Die technische Entwicklung zeige klar in diese Richtung, sagt Trautmann. Solche großen Lösungen müssten her, denn Wallboxen in bestehenden Mehrfamilienhäusern nachzurüsten sei aufwändig und oft unmöglich. Klar sei aber auch, dass sich der Preis fürs E-Auto-Tanken den Preisen für Kraftstoff aus Mineralöl  über kurz oder lang anpassen würde.

Insgesamt sei der Umstieg auf E-Mobilität eine riesige Herausforderung, aber mit Optimismus und Mut sei diese zu bewältigen. Die Stadtwerke gingen hier gerne voran, versichert er. „Die Bürgerschaft und wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen. Die Richtung steht fest, der Kompass ist kalibriert, aber wir kennen nicht jeden Stein am Wegrand. Wir müssen einfach ein Stück weit akzeptieren, dass wir die Zukunft nicht kennen und trotzdem mutig und optimistisch bleiben, dann schaffen wir das“, ist Trautmann zuversichtlich.

Ein Blick auf die städtischen Bäder

Hallenbad: Die Stadtwerke sind auch für den Betrieb der Bäder in Aalen zuständig. Diese verbrauchen viel Energie. Trotzdem bleibt das Aalener Hallenbad vorerst geöffnet, während Oberkochen oder Bopfingen ihre Hallenbäder geschlossen haben. Wie findet das der Stadtwerke-Chef? „Dazu möchte ich mich nicht äußern. Das ist eine politische Entscheidung“, sagt Trautmann. Dass das Hallenbad den ganzen Winter über in Betrieb bleiben wird, das mag er nicht unterschreiben. „Die Bäder sind keine geschützten Verbraucher. Eine Schließung wäre also bei Bedarf möglich“, sagt er.

Thermalbad: Viel Energie verbraucht das Thermalbad. Verwunderlich, schießt das Thermalwasser dort doch sehr warm aus der Erde. Könnte das nicht reichen, um das Bad zu heizen? „Leider nicht. Die Schüttung unserer Quelle beträgt bis zu 2,5 Liter pro Sekunde und die Entnahmetemperatur liegt bei etwa 36 Grad Celsius. Wassermenge und Temperatur sind somit nicht ausreichend, um die Becken auf 34 bzw. 37 Grad zu halten, daher wird durch ein effektives Blockheizkraftwerk unterstützt“, sagt Trautmann. In den Anfangsjahren habe man tatsächlich Thermalwasser genutzt, um das Bad zu heizen. Hierzu habe aber zu viel Wasser aus der Quelle entnommen werden müssen. Um nicht zu riskieren, dass die Thermalquelle trocken fällt, habe man diese Praxis eingestellt.

Kombibad: Die Energiekrise verändere die Planungen für das Kombibad im Hirschbach nicht. „Vom Projektablauf sind wir hier mitten im Bau, planerische Änderungen sind da praktisch gar nicht möglich“, sagt Trautmann. Das sei aber auch nicht schlimm, denn das Kombibad habe man „energetisch so flexibel geplant, dass wir nun optimal für alle Szenarien gewappnet sind“. Gas, Fernwärme -  es gebe hier verschiedene Versorgungsoptionen. Hilfreich sei die hohe Energierückgewinnung, die im Kombibad erzielt wird. Die war dem Bund eine Millionenförderung wert. Das Projekt bleibe von der aktuellen Energiekrise nahezu unberührt und liege baulich auch im Zeitplan, informiert Trautmann.

Bädle: Gute Nachricht für alle Fans des Unterrombacher Bädles, zu denen sich auch der Stadtwerke-Chef zählt. „Es ist ein herrliches kleines Bad und energetisch komplett regenerativ“, ist Trautmann zufrieden. Es gebe aktuell keinerlei Überlegungen oder Diskussionen, die die Zukunft des Bades in Unterrombach in Frage stellten, versichert er.

Stadtwerke-Chef Christoph Trautmann
Nicole Stillhammer (Marketing und Kommunikation) und Stadtwerke-Chef Christoph Trautmann waren beim Pressegespräch zu Gst bei der Schwäbischen Post in Aalen.

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