Ralf Vendel wird die Aalener Bombe entschärfen

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Das Foto zeigt Ralf Vendel bei der Arbeit.
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Ralf Vendel vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes kümmert sich um die Entschärfung der Bombe im Baugebiet „Am Tannenwäldle“. Im Interview spricht er über seine Arbeit.

Aalen

Im Neubaugebiet „Am Tannenwäldle“ schlummert im Untergrund womöglich eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Stadtverwaltung spricht von einer „Bodenanomalie“, die untersucht wird. Mit im Boot ist hier der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes. Ralf Vendel entschärft Bomben und andere Munitionsarten. Er leitet den Kampfmittelbeseitigungsdienst im Regierungspräsidium Stuttgart mit 33 Mitarbeitern. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Vendel, sind Sie beim Einsatz in Aalen dabei?

Ja, wir sind hier mitinvolviert, ich werde am 3. und am 5. März vor Ort sein.

Was liegt denn da nun in der Erde?

Die Auswertung von Luftbildern hat einen Verdachtspunkt im Erdreich gezeigt. Untersuchungen mit der Sonde ergaben, dass hier ein metallisches Objekt liegt. Der Verdacht ist hoch, dass es sich dabei um eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg handelt, und die könnte sogar größer sein als die häufigen Fünf-Zentner-Bomben.

Wie ist man in Aalen auf die mögliche Bombe gestoßen?

Der Grundstücksbesitzer hat die Untersuchung beantragt. Das ist ein üblicher Prozess. In einigen Großstädten ist dies sogar Pflicht.

Wie läuft denn so eine Untersuchung ab?

Ein wichtiges Mittel hier sind Aufklärungsfotos der Alliierten. Einige Tage nach Bombardements, sobald die Feuer erloschen waren und der Rauch sich verzogen hatte, starteten Aufklärungsflieger und fotografierten alles. So wurde geprüft, ob die Luftangriffe ihre Ziele getroffen hatten. Diese Fotos hat das Land von den Engländern und US-Amerikaner später gekauft. Allein für Baden-Württemberg gibt es rund 117.000 dieser Fotos. Wir haben Geodäten, Geografen und Kartographen im Team, die diese auswerten.

Am besten dokumentiert sind wohl Großstädte?

Ja, in Stuttgart oder Mannheim wissen wir allein von 80 Überfliegungen, dementsprechend viele Luftbilder gibt es.

Gibt es auch für Aalen solche Fotos?

Ja, auch hier haben wir Material, wenngleich längst nicht so viel.

Wie läuft das mit der Sondierung im Boden, kommen da Metallsuchgeräte zum Einsatz, wie sie sich jeder kaufen kann?

Nein, so dürfen Sie sich das nicht vorstellen. Diese Geräte durchleuchten nur bis zu einer Tiefe von etwa 30 Zentimetern. Unsere Sonden dagegen sind Gradiometer, die finden Dinge in drei bis vier Metern Tiefe im gewachsenen Boden. Die Geräte sind sehr empfindlich, jeder Nagel, jedes Stückchen Draht erzeugt eine Anomalie, die entfernt werden muss. Dann kann man das Grundstück auf Bombenblindgänger untersuchen.

Und dann?

Wir baggern uns zuerst ran. Dann greifen wir zum Spaten und arbeiten uns von der Seite Schicht für Schicht in Handarbeit heran. Wir betrachten dabei die Farbveränderungen in den Erdschichten. Eine Bombe auszuheben, ist keine Akkordarbeit. Liegt die Bombe frei, wird deren Zustand gesichtet und der Zünder freigelegt.

Wo wird die Bombe entschärft und wer macht das?

Wir arbeiten in Zweier-Teams und entschärfen an Ort und Stelle. Jede Bombe ist quasi ein Einzelstück. Größe, Form, Art des Zünders, alles kann variieren. Auch die Örtlichkeit ist stets eine Herausforderung. Es macht einen Unterschied, ob eine Bombe in felsigem oder sandigem Gelände liegt. In Aalen haben wir es mit sandigem Untergrund zu tun. Die Bombe liegt wohl in drei bis vier Metern Tiefe.

Ein gefährlicher Job. Wie können sie sich schützen?

Natürlich wird vorm Entschärfen großräumig abgesperrt. Schutzkleidung hilft ihnen aber nicht bei einem Sprengkörper von 125 Kilogramm Netto-Explosivmasse. Der beste Schutz für uns ist daher Wissen. Das ist kein Job für Abenteurer oder Einzelgänger. Es gibt keinen Feuerwerker, der alles weiß, der alle Sprengkörper, Zünder, der jedes Vorgehen aus dem Effeff kennt oder alles schon mal gesehen hat. Wichtig ist es daher, nachzufragen, sich auszutauschen und sich weiterzubilden. Der Sprengkörper muss genau analysiert werden. Dann gibt es verschiedene Handlungsschemata, die, je nach Kampfmittel, beim Entschärfen dann angewendet werden.

Was passiert, wenn es nicht gelingt, die Bombe zu entschärfen?

Dann müssen wir bei einem Langzeitzünder zum Beispiel diese Bombe an Ort und Stelle kontrolliert sprengen. Ein Abtransport wäre zu gefährlich, aber auch die kontrollierte Sprengung birgt Risiken. Wir versuchen, die Wucht des Sprengstoffs durch Sand oder das Anbringen von Flexitanks zu verringern – das sind Big Packs, die man wie eine Folie obendrauf legt und dann mit mehreren tausend Litern Wasser füllt. Und die Sprengung wird stets aus sicherer Entfernung ausgelöst. Mehr kann man nicht tun. Der Ausgang lässt sich aber nie 100-prozentig vorherbestimmen, deshalb sind die Sicherheitsvorkehrungen, die wir immer treffen, auch so wichtig.

Wer haftet, wenn es dabei zu Schäden, beispielsweise an Gebäuden in der Nähe kommt?

Für den Kampfmittelbeseitigungsdienst haftet der Staat. Einsätze in dicht bebauten Innenstädten oder mitten in Neubaugebieten mit teuren Häusern sind da natürlich noch kniffliger, als solche auf unbebauten Gebieten.

Was geschieht mit entschärften Bomben?

Die werden in einem Spezialfahrzeug in unseren Munitionszerlegebetrieb gebracht, wo sie eingelagert und dann zu einer thermischen Vernichtungsanlage verbracht wird.

Wie geschieht diese Vernichtung?

Es gibt verschiedene Verfahren. Kleinmunition wird in Ausglüh- oder in Panzeröfen durch Wärmezufuhr kontrolliert zur Detonation gebracht. Möglich ist es auch, Bomben in Scheiben zu schneiden und anschließend auf einer Brandplatte auszubrennen, wobei die Explosivstoffe vollkommen vernichtet werden.

Der Verdacht ist hoch, dass es sich um eine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg handelt, und die könnte sogar größer sein als die häufigen Fünf-Zentner-Bomben.

Ralf Vendel, Feuerwerker

Kampfmittelbeseitigungsdienst kompakt

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst ist beim Regierungspräsidium Stuttgart angegliedert. Dort sind aktuell 33 Menschen beschäftigt. Neben dem Leiter Ralf Vendel arbeiten dort acht Feuerwerker, acht Luftbildauswerter/innen, 15 Munitionsarbeiter und drei Verwaltungsangestellte.

Ralf Vendel (56) ist seit 37 Jahren beim Dienst. Im Schnitt zweimal die Woche müssen Teams ausrücken, um Kampfmittel zu beseitigen. 15 bis 25 Bombenentschärfungen in Baden-Württemberg pro Jahr, seien es im Schnitt, sagt Vendel. 24 Tonnen Munition hat der Dienst im vergangenen Jahr unschädlich gemacht, im Jahr 2012 seien es aber über 193 Tonnen gewesen. Wie viel anfällt, hänge von der Bautätigkeit im Land ab, denn im Erdreich schlummere noch tonnenweise Munition.

Daher hat Vendel einen Appell: „Wenn Sie Munition in Wald, Feld und Flur finden, bitte lassen Sie es liegen, fassen Sie es nicht an, heben Sie es niemals auf, alarmieren Sie die Polizei, die kümmert sich dann.“

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