Kleber: Arzt ist ein wundervoller Beruf

  • Weitere
    schließen
+
In dem flachen Gebäude neben dem Fußweg wird Professor Gerhard Kleber seine internistische Praxis als MVZ Aalen der MVZ Ostalbklinken gGmbH am Ostalb-Klinikum wiedereröffnen.
  • schließen

Nach 20 Jahren als Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Ostalb-Klinikum hat Professor Gerhard Kleber neue Pläne. Seine Vorstellungen von einem zukunftsweisenden Gesundheitswesen.

Aalen

Ein vollkommenes Zusammenwachsen der Ostalb-Kliniken an ihren drei Standorten bietet große Chancen, sagt Professor Dr. Gerhard Kleber. "Das eigentliche Kapital einer Klinik aber sind ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie liegen mir besonders am Herzen."

Der Internist mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie und medikamentöse Tumortherapie beendet in diesen Tagen seine 20-jährige Tätigkeit als Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Ostalb-Klinikum. Dass er diesen Beruf mit Leib und Seele praktiziert, vermittelt Gerhard Kleber im Gespräch mit Redakteurin Cordula Weinke.

Herr Professor Kleber, was für ein Gefühl ist es, das Berufsleben als Chefarzt zu beenden?

Gerhard Kleber: Mit halb lachendem, halb weinendem Auge nehme ich Abschied. Ich bin ja jetzt 65, wobei ich mich ja eigentlich wie 45 fühle, aber mehr Zeit für Frau, Kinder, Freunde und weitere Lebenschancen zu haben, wird irgendwann immer wichtiger. Ich habe so gerne gearbeitet. Arzt ist ein wundervoller Beruf: Man kann so viel Positives bewirken, ist oft aber auch hilflos – ein Wechsel aus Macht und Ohnmacht. Das macht einen demütig. Das Wundervollste aber ist das dem Arzt vom Patienten bei jedem neuen Kontakt wie als Geschenk mitgebrachte Vertrauen. Dies bedingt eine ganz besondere persönliche, ja eine existenzielle Verpflichtung. Meine eigene Methode war immer die: Mit dem Patienten wie mit einem Freund oder Verwandten Umgang haben. Das ist freilich auch eine Last, die mir nicht immer gelang.

Und jetzt ganz ohne Medizin und Patienten? Ist das nicht ein recht großer Umbruch?

Der Medizin und den Patienten bleibe ich weiter verbunden. Die vergangenen acht Jahre führte ich ja parallel zu meiner Chefarzttätigkeit und gemeinsam mit Dr. Michael Meiborg die internistische Praxis in der Aalener Innenstadt – als Teil einer Berufsgemeinschaft mit der hausärztlichen Praxis von Dr. Ursula Bösl. Zum Jahreswechsel wird die internistische Praxis als MVZ Aalen der MVZ Ostalbklinken gGmbH am Ostalb-Klinikum wiedereröffnet, der hausärztliche Teil der Praxis bleibt in der Wiener Straße.

Sie werden ärztlicher Leiter des MVZ. Was ist der Hintergrund?

Im Bereich der hoch spezialisierten Medizin ist eine enge Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Medizin sinnvoll und auch gesundheitspolitisch erwünscht. Wenn die Betreuung zumindest für einen Teil der Patienten an ein und demselben Standort geschehen kann, ist das vernünftig. Ein MVZ, also ein Medizinisches Versorgungszentrum, stellt dafür eine stabile Struktur zur Verfügung. Es ermöglicht auch einen sehr engen Austausch mit der stationären Medizin, in Ergänzung zu der aufopferungsvollen und nicht hoch genug schätzbaren Arbeit der Kollegen in den selbstständigen Praxen außerhalb. Der Arztberuf ist ein sogenannter freier Beruf, die Selbstständigkeit in der Niederlassung bleibt weiter ein hohes und wertvolles Gut. Aber in jedem Fall müssen wir die stationäre und die ambulante Medizin intensiver und intelligenter miteinander verzahnen – für unsere Patienten und angesichts immer kürzerer stationärer Aufenthalte.

Wir haben nicht mehr genügend Zeit – weder für uns selbst noch für unsere Patienten.

Professor Dr. Gerhard Kleber bisher Chefarzt der Medizinischen Klinik I des Ostalb-Klinikums Aalen

Wie sehen Sie die Entwicklung im ambulanten Bereich?

Es gibt immer weniger selbstständig niedergelassene Ärzte in Haus- und Facharztpraxen. Der Raum Ellwangen hat außerhalb des Klinikums keine einzige gastroenterologische Fachpraxis mehr. Außer dem MVZ bleibt für den Altkreis Aalen-Ellwangen nur die Praxis von Dr. Karl-Heinz Auchter und Dr. Elsa Tsegai-Eh. Entsprechend lang sind die Wartezeiten. Es geht ja dabei nicht nur um endoskopische Leistungen. Hinzu kommt die normale Sprechstunde für Beschwerden im Verdauungstrakt. Vor 20 Jahren gab es in Aalen sieben solcher Arztpraxen und auch mehrere in Ellwangen. Der Aufbau einer eigenen Praxis ist mit einem existenziellen Risiko verbunden, für viele der jüngeren Kollegen nicht mehr so attraktiv. Zudem besteht eine Zugangsbeschränkung vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung.

Wie bewerten Sie die Fusion der drei Kliniken in Aalen, Ellwangen und Mutlangen?

Das Zusammenwachsen der Klinken hat schon jetzt für uns Ärzte erkennbar viel Positives bewirkt, gerade im Bereich von Verwaltung und Organisation. Man muss sich mal vorstellen: Durch die Fusion sind wir jetzt auf der Ostalb ein Großklinikum mit mehr als 1000 Betten. Das macht uns sehr stark, ein Schatz, der auch noch zu heben ist. Rein aus ärztlicher Sicht gibt es noch einiges zu tun: Die Anforderungen in den einzelnen Schwerpunkten der Medizin, wie eben etwa bei den Magen-Darm-Krankheiten, werden immer komplexer, da sollten auch die medizinischen Schwerpunkte zunehmend zusammenwachsen. Jeweils ein Schwerpunktleiter auf Chefarztebene, der hochkompetent und standortübergreifend arbeitet, wäre von Vorteil. Wir kämen so auch aus der in gewisser Weise unseligen Standortdiskussion heraus. Gleichzeitig gilt, dass größere Einheiten einfach die bessere Medizin machen. Gerade im reichen Flächenlandkreis Ostalb erwarten die Patienten mit Recht überall eine erstklassige Versorgung.

Welchen Stellenwert messen Sie den Beschäftigten bei?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - und zwar jede und jeder Einzelne von ihnen - sind das eigentliche Kapital des Klinikums. Ich habe immer wieder betont, dass ich ein Freund der Subsidiarität bin. Das Wort kommt vom Lateinischen "Subsidium". Dass bedeutet: Hilfe, Unterstützung. Die "Oberen" müssen eigentlich von "unten" her unterstützen. In diesem Sinn arbeitet jede kleine Funktionseinheit, etwa eine Station, so lange selbstverantwortlich, wie sie keine Unterstützung oder Kontrolle der Leitungsebene braucht. Die Subsidiarität hat unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftsleben so überaus erfolgreich gemacht. Das sollte auch für die Medizin gelten – und würde die Wertschätzung der Mitarbeiter stärken. So gesehen würden sich kleine selbstständige Teams, in denen auch die Abgrenzung zwischen den Berufsgruppen keine wesentliche Rolle mehr spielt, auch ökonomisch ganz stark rechnen – zum Nutzen aller.

In den letzten Jahren und gerade jetzt in der Pandemie merken die Patienten, dass das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt. Wie erleben Sie das?

Wir haben an den Klinken sehr viel Geld in die Technisierung eingebracht. Das war sehr gut. Gerade in der Endoskopie haben wir modernste Geräte, beispielsweise haben wir erst kürzlich als eine der ersten Kliniken in Deutschland ein motorgesteuertes und damit selbstfahrendes Dünndarmendoskop beschafft. Die nicht zuletzt durch die Technik getriebene Leistungsverdichtung hat aber massiv zugenommen. Die Kassen orientieren sich in der Abrechnung mit den Kliniken ja nicht mehr an der Aufenthaltsdauer, sondern an der Leistungsdichte. Dadurch hat sich die Verweildauer stationärer Patienten annähernd halbiert. Die ärztliche Visite, die ausführliche Erörterung der Krankheitsgeschichte, das Aufklärungsgespräch werden nicht honoriert. Dies führt zwangsläufig dazu, dass weniger Zeit zum Zuhören, zu Gespräch und Empathie bleibt – den wesentlichsten Merkmalen ärztlicher und pflegerischer Tätigkeit. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Bei der Optimierung des Zeitmanagements im Gesundheitswesen ist die Zeit selbst auf der Strecke geblieben. Wir haben nicht mehr genügend Zeit – weder für uns selbst noch für unsere Patienten. Der Kontakt zu Patienten wird damit immer technischer und tendenziell damit auch würdeloser. Das kann so nicht weitergehen. Das macht mir große Sorgen. Das gilt übrigens auch für die Phase des Sterbens, mit dem ich ja auch viel konfrontiert bin. Auf das Phänomen des Todes hat unsere Gesellschaft ja insgesamt keine rechte Antwort gefunden.

Endoskopie bedeutet umgangssprachlich "Spiegelung".

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL