Kleine Odessa-Familie findet in Hofen ein neues Zuhause

+
Das Ehepaar Uschi und Konrad Barth hat auf den Wohnungsaufruf der Stadt Aalen reagiert und stellt Hanna (l.) und ihrer kleinen Familie aus Odessa die leerstehende Wohnung im Obergeschoss ihres Wohnhauses zur Verfügung. Foto: HAG
  • schließen

Das Ehepaar Uschi und Konrad Barth hat sich bereits Anfang April auf den Wohnungsaufruf der Stadt Aalen gemeldet.

Aalen

Manchmal, nachts im Halbschlaf, kommt es ihr so vor, als würde sie die Detonationen deutlich hören. Die russischen Raketenangriffe auf Odessa, ihre Heimatstadt. Dabei ist Hanna (30) mit ihrer kleinen Familie, mit ihrem Ehemann Dmytro (34) und dem kleinen zweieinhalb jährigen Sohn Mark rund 2000 Kilometer davon entfernt, in Sicherheit.

Wenige Tage vor dem ersten Mai hat die ukrainische Flüchtlingsfamilie in Aalen-Hofen ein neues Zuhause gefunden. Das Ehepaar Uschi und Konrad Barth ist für die Geflüchteten so etwas wie ein Türöffner in ein neues Leben. Denn die Barths zählen zu den über 100 privaten Vermietern, die sich bereits im April auf den Aufruf der Stadt Aalen gemeldet hatten, um eine leerstehende Wohnung an Kriegsflüchtlinge zu vermieten und ihnen damit den Start in ein eigenständiges Leben in Deutschland zu ermöglichen.

Freudentränen wegen Mülleimer

Als Hanna an diesem Abend von ihrer Wohnung im Dachgeschoss zu den Barths herunterkommt, hat sie Tränen in den Augen. Freudentränen. Darüber, dass ihre Familie ab heute endlich einen eigenen GOA-Mülleimer hat. Uschi Barth hat ihn bestellt. Und ist ebenso gerührt wie Hanna. Sie mag es nicht fassen: „Die junge Frau ist gerade 30 geworden. Und freut sich so sehr über einen Mülleimer!“

Die Verständigung zwischen den Barths und ihren neuen Mietern funktioniert größtenteils problemlos. Hanna spricht perfektes Deutsch, hat in Odessa Germanistik studiert und ein Master-Diplom in der Tasche. Ihr Mann Dmytro spricht Englisch und besucht an diesem, wie an so vielen anderen Abenden, einen Volkshochschul-Kurs, um Deutsch zu lernen.

„Eigentlich“, sagt Konrad Barth, „wollten wir unsere obere Wohnung - zwei Zimmer, Küche und Bad - nicht mehr vermieten“. Das Ehepaar hatte zuletzt eine schlechte Erfahrung gemacht mit zwei Studenten. Rauschgift war im Spiel. Die Polizei kam ins Haus, durchsuchte alle Räume vom Keller bis unterm Dach. „Nie wieder vermieten!“, hatten sich Uschi und Konrad Barth alsdann geschworen. Fünf bis sechs Jahre stand die 65 Quadratmeter große Wohnung unterm Dach leer.

Die Gemütswende kommt irgendwann Ende Februar, Anfang März. Das Fernsehen zeigt Bilder aus einem Land im Krieg. Ukrainische Familien auf ihrer Flucht Richtung Grenze, Mütter mit kleinen Kindern an der Hand. Tränenreiche und verzweifelte Abschiede an der Grenze, weil die Männer im Land bleiben müssen, um zu kämpfen. Und keiner weiß, ob man sich je wieder in den Armen halten wird.

Die Gemütswende

„Das war der Augenblick, als ich zu meiner Frau gesagt habe: Wenn man dieses Leid sieht, muss man einfach helfen“, berichtet Konrad Barth. Als das Ehepaar in der SchwäPo den Wohnungsaufruf der Stadt Aalen liest, steht seine Entscheidung fest, die Wohnung im Obergeschoss zur Verfügung zu stellen. Kurzentschlossen rufen sie bei der Aalener Wohnungsbau an. Verlegen im oberen Schlafzimmer einen neuen Boden, besorgen dazu einen neuen Schrank, bugsieren ein Gästebett von unten nach oben und die Trainingsgeräte des Enkels von oben nach unten. Und warten voller Spannung. „Wir wussten ja nicht, wer kommt.“

Zu diesem Zeitpunkt wohnt Hanna mit ihrer kleinen Familie noch in einem Zimmer einer Pension. Keine Küche, keine Waschmaschine. „Um wenigstens für den Kleinen etwas Warmes zuzubereiten, sind wir zwei Mal in der Woche zu meiner Freundin gegangen, die ich schon seit der ersten Grundschulklasse kenne“, erzählt sie. Die Freundin war schon vor längerer Zeit nach Deutschland ausgewandert. Der Kontakt brach nie ab.

Unermüdlich sucht die kleine Familie im Internet und über Kleinanzeigen nach einer Wohnung. Doch ohne Arbeit und ohne festen Wohnsitz hagelt es lauter Absagen. Dann, wenige Tage vor dem 1. Mai, begleitet sie ein Mitarbeiter der Aalener Wohnungsbau zu den Barths nach Hofen. „Wir hatten zunächst Angst vor dem, was uns da erwartet“, berichtet Hanna. „Aber wir waren sofort beeindruckt von der schönen und hellen Wohnung. Mit Badezimmer. Und mit einer Küche.“ Konrad Barth lächelt: „Das hat mich am meisten gefreut, die Freude und Dankbarkeit in den Augen von Hanna und Dmytro.“

Inzwischen gibt Hanna in der Schillerschule Aalen ehrenamtlich Deutschunterricht für Flüchtlingskinder und hofft auf einen Arbeitsvertrag irgendwann. Ihr Mann Dmytro, studierter Jurist, arbeitete in der Ukraine zuletzt als Drehbuchautor für einen Youtube-Kanal für Kinder und macht derzeit eine Online-Fortbildung für Webdesign. „Aber momentan traue ich mich gar nicht, von einer Zukunft zu träumen“, sagt Hanna, die bereits am 24. Februar, in den ersten Stunden von Putins Angriffskriegs, im Auto gemeinsam mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn Richtung Deutschland geflohen ist. „Ein paar Stunden später, und Dmytro wäre nicht mehr mit über die Grenze gekommen.“

Wohnungssuche - helfen Sie mit!

Wer eine bislang „stillgelegte“ Privatwohnung vermieten möchte, wendet sich bitte an die Wohnungsbau Aalen, info@wohnungsbau-aalen.de Tel. Wohnungsbau: 07361 – 9575 0 oder an die Stadt Aalen, eva-maria.weng@aalen.de Tel. 07361 – 52 1286.

Auf der Seite aalen.de / hilfefuerdieukraine steht eine Checkliste zum Download, die bitte ausgefüllt direkt an die Wohnungsbau Aalen geschickt werden sollte. Eine Anmietung der Wohnung findet, falls geeignet, nach vorheriger Besichtigung direkt über die Wohnungsbau Aalen statt. Die Belegung der Wohnungen erfolgt über das Amt für Soziales, Jugend und Familie.“

Ein Mietvertrag kann mit der Stadt Aalen abgeschlossen werden. Die Wohnungsbau Aalen verwaltet das Mietverhältnis. Sobald die Personen durch Integration in den Arbeitsmarkt über eigenes Einkommen verfügen und so ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, wird der Abschluss eines direkten Mietverhältnisses zwischen Vermieter und Mieter angestrebt.

Zurück zur Übersicht: Stadt Aalen

Mehr zum Thema

Kommentare