Knappes Material: Betriebe alarmiert

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Den Handwerkern geht das Holz aus - und das ist längst nicht alles.
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Holz, Stahl, Kunststoff und viele weitere Materialien sind kaum noch zu haben und werden immer teurer. Nicht nur die Bauhandwerker fürchten einen Flächenbrand.

Aalen

Die Coronakrise klingt ab, die Wirtschaft nimmt Fahrt auf. Da taucht ein ganz anderes Problem auf: Rohstoffe werden knapp und verteuern sich explosionsartig. Würgt das Problem die zarte Entwicklung ab? CDU-Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter hat es in einer Online-Diskussion mit Vertretern des regionalen Handwerks und Gewerbes thematisiert.

Alles wird knapp

Holz, Stahl, Dämmstoffe, Kunststoffe, Kies, Sand, Elektroartikel, Farben, Ventile: Vieles, was vorher scheinbar in rauen Mengen vorhanden war, ist seit Beginn des Jahres rar. Das trifft den Bau – aber nicht nur. Peter Hoffmann-Pichler vom Logistikdienstleister IVH in Heidenheim sagt: „OSB-Spanplatten, die die Industrie für ihre Exportverpackungen braucht, haben zurzeit 20 Wochen Lieferzeit.“

Die Preise

Knapp bedeutet teuer. „Die Preise im Aluminiumbereich steigen teilweise um 100 bis 200 Prozent“, berichtet Robert Smejkal, Klempnermeister und Heidenheimer Kreishandwerksmeister. „Die Preise für Eisenerz haben sich mehr als verdoppelt“, fügt Eberhard Frick, Geschäftsführer beim Stahlgroßhändler Kicherer in Ellwangen, hinzu.

Die Gründe

Im Lockdown drosselten viele Industriebetriebe ihre Produktion – auch aus Angst, keine Abnehmer mehr zu finden. „Im Stahlbereich aber ist die Nachfrage schon im Oktober, November 2020 wieder stark angestiegen, durch die Autoindustrie, zuletzt auch durch Konjunkturprogramme“, sagt Frick. Dr. Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm, äußert einen Verdacht: Haben große Industriebetriebe Kurzarbeit angemeldet und damit subventioniert ihr Personal gehalten, während sie die Produktion herunterfuhren und so die eigenen Produkte verknappten und verteuerten? Hinzu kommt: Investitionsfreudige US-Amerikaner und Chinesen kaufen derzeit den Weltmarkt leer. Die Blockade des Suez-Kanals störte die Lieferketten zusätzlich. Mehlich weist auch auf den sogenannten „Toilettenpapier-Effekt“ hin: Wer derzeit überhaupt noch Rohstoffe bekommt, hamstert so viel davon, wie er kriegen kann: Eine Endlosspirale.

Die Sache mit dem Holz

Der Preis für heimisches Holz war lange im freien Fall. Nun explodiert er. „Seecontainer werden in unseren Wäldern mit Schadholz beladen und gehen sofort nach Übersee“, erzählt Hoffmann-Pichler. Länder wie Russland haben bereits Holz-Exportbeschränkungen verhängt.

Die Folgen

„Wir haben Aufträge, aber kein Material“, sagt Handwerkskammer-Chef Mehlich, der warnt, Handwerker in „Sippenhaft“ zu nehmen, wenn Bauen länger dauert und teuer wird. Die Handwerker leiden selbst unter dem Mangel. Wenn es auf Baustellen nicht vorangeht, weil das Material fehlt, können sie auch nicht abrechnen. „Alle Gewerke hängen aneinander“, sagt Katja Maier, Holzbauunternehmerin aus Lippach und Aalener Kreishandwerksmeisterin. Wenn einer pausiert, ruht die ganze Baustelle. Seriöse Angebote kalkulieren? Kaum möglich, wenn die Rohstoffe morgen schon das Doppelte kosten könnten. Müssen Verträge mit festen Preisvereinbarungen eingehalten werden, gehen die Handwerker inzwischen manchmal sogar mit Verlust aus Aufträgen heraus. Bauträger haben Schwierigkeiten mit der Vermarktung ihrer Wohnungen, wenn die vereinbarten Preise nicht zu halten sind. Die Folgen könnten ein Rückgang der Bautätigkeit und Kurzarbeit in den Betrieben sein, aber auch eine starke Inflation, die die Wirtschaft abwürgt. Andererseits haben die Deutschen in der Coronakrise Milliarden Euro auf die hohe Kante gelegt – wohin mit dem Geld?

Die Forderungen

Edgar Horn, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Ostalb, fordert vermehrte Preisgleitklauseln. Verteuert sich das Material, so muss der Auftraggeber – etwa die öffentliche Hand – dann entsprechend draufzahlen. Tobias Mehlich appelliert an die Politik, Fichten-Einschlagbegrenzungen in den Wäldern aufzuheben.

Mögliche Auswege

Statt auf allgemeine Preisgleitklauseln werde sich die Politik auf „punktuelle Lösungen“ einlassen, glaubt Abgeordneter Kiesewetter. Die Begrenzungen für den Einschlag von Fichtenholz in deutschen Wäldern könnten indes bald fallen. Damit, so Kiesewetter sei das Problem, dass die Kapazitäten in deutschen Sägewerken am Limit seien, aber nicht gelöst: Womöglich müsse auf Sägekapazitäten in Italien und Österreich zurückgegriffen werden. Kiesewetter schloss sich der Forderung von Kreisbau-Ostalb-Vorstand Georg Ruf an, der sagte: „ Wir müssen die Materialketten in Europa wieder schließen.“ Vor allem gegen die Abhängigkeit von China sei vorzugehen: „Wir dürfen nicht zur verlängerten Werkbank Chinas werden“, so Kiesewetter.

„Wir haben Angst, wie das weitergehen soll.“

Eberhard Frick, Friedrich Kicherer GmbH & Co. KG

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