Landwirtschaft im Ostalbkreis: nur mit Finanzspritze

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landwirtschaft, mähdrescher, ernte Archivfoto: Fred Ohnewald

Wie sich die europäische Reform der Agrarpolitik auf die Landwirtschaft auf der Ostalb auswirkt. Unter den Diskussionsgästen im Landratsamt: Ministerialdirektorin Grit Puchan.

Aalen. Wie beeinflusst Europa die Landwirtschaft auf der Ostalb? Dieser Frage ging jetzt eine Podiumsdiskussion des Europoint Ostalb im Landratsamt in Aalen nach. Hintergrund: Ende Juni einigten sich die europäischen Institutionen auf eine Reform der gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP).

In seiner Begrüßung wies Landrat Dr. Joachim Bläse darauf hin, dass mit der neuen GAP mehr Umweltschutz verwirklicht werde, diese aber gleichzeitig den Landwirten im globalen Wettbewerb auch hohe Anforderungen auferlege.

Ministerialdirektorin Grit Puchan vom Ministerium für Ernährung, Ländlicher Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg, stellte in ihrer Einführung dar, dass zukünftig ein deutlich höherer Teil der Förderung für Landwirte an umweltfreundliche Maßnahmen geknüpft sein wird. Die neue GAP gehe dabei Hand in Hand mit dem baden-württembergischen Biodiversitätsstärkungsgesetz, das zeige, dass Landwirtschaft und Naturschutz nicht als Gegensätze zu verstehen seien. Viele Umweltmaßnahmen, die mit der neuen GAP nun europaweit gelten, seien in Baden-Württemberg schon heute Standard, so dass die Reform zu einer Angleichung von Produktionsbedingungen führe. Bei Lebensmitteln aus Baden-Württemberg handele es sich um Top-Produkte in höchster Qualität und mit hohen Umweltstandards.

Abhängigkeit von Förderungen

In der anschließenden Diskussion verdeutlichte Hubert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim, dass rund die Hälfte des Einkommens landwirtschaftlicher Betriebe aus europäischen Agrarsubventionen stamme. Diese Abhängigkeit zeige auch, dass man in der Landwirtschaft heute nicht mehr von der Produktion alleine leben könne.

Er kritisierte dabei die Marktmacht der großen Handelsketten in Deutschland, die der Landwirtschaft ihre Bedingungen auferlegen würden, indem sie die Preise für Milch und Fleisch diktieren.

Vom Hof auf den Tisch

Hier hakte Robert Gampfer, Referent für Umwelt und Landwirtschaft von der Europäischen Kommission in Berlin, ein: Die Europäische Kommission mache sich mit der Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ daran, das Lebensmittelsystem zu modernisieren und vor allem die Position der Landwirtschaft im Marktgefüge zu stärken. Er verdeutlichte zudem, dass die EU-Agrarsubventionen ein Ausgleich der Leistung der Landwirte für mehr Biodiversität seien – eine Dienstleistung, die über den freien Markt nicht vergütet werde.

Professorin Dr. Christine Wieck von der Universität Hohenheim erklärte, dass die Lebensmittelpreise am Weltmarkt gebildet würden und die Landwirte für den Lebensmitteleinzelhandel quasi austauschbar seien. Die deutschen Konsumenten seien im Vergleich besonders für Tierwohl und Umweltschutz sensibilisiert. Diese gesellschaftlichen Strömungen nehme zunehmend der Einzelhandel auf und bestelle die entsprechenden Produkte. Darauf müsse insbesondere die deutsche Landwirtschaft reagieren – wobei der Handel eventuellen Mehrbedarf aus andere Ländern mit weniger hohen Standards zukaufe.

Appell: regional einkaufen

Angesichts dieses hohen Einflusses des Lebensmittelhandels auf den Verdienst und die Produktionsbedingungen der Landwirte appellierte Ministerialdirektorin Puchan an die Verbraucherinnen und Verbraucher, bewusste Kaufentscheidungen zu treffen und regional einzukaufen. Nur so wisse man, was man auf dem Teller habe und sorge für Wertschöpfung direkt vor Ort.

Die Fragen aus dem Publikum belebten die Debatte weiter und griffen zusätzliche Themen auf, wie den Export von überproduzierten Lebensmitteln nach Afrika, der Möglichkeit von Umweltgebühren für in die EU eingeführte Produkte oder den forcierten Ausbau von Biobetrieben.

Die Veranstaltung wurde hybrid organisiert. Neben dem Publikum vor Ort verfolgten über 100 Gäste die Diskussion über den digitalen Live-Stream.

Der Europoint Ostalb in der Trägerschaft des Ostalbkreises gehört zum Europe Direct Netzwerk der Europäischen Kommission und ist vor Ort Ansprechpartner für alle Themen rund um die Europäische Union.

Informationen zu den Angeboten des Europoint Ostalb gibt es unter www.europoint-ostalb.de.

Von der Produktion alleine könne man heute in der Landwirtschaft nicht mehr leben, machte Hubert Kucher, Vorsitzender des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim, bei der Podiumsdiskussion im Landratsamt deutlich. Archivfoto: Fred Ohnewald
Vor der Podiumsdiskussion v.r: Landrat Dr. Joachim Bläse, Andrea Hahn, Leiterin des Europoint Ostalb, die Podiumsgäste Robert Gampfer, Ministerialdirektorin Grit Puchan, Hubert Kucher und Prof. Dr. Christine Wieck.

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