„Letzte Generation“ sucht in Aalen nach Verbündeten

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Viele sind nicht gekommen, als Frieder Zürcher und Moritz Riedacher im Gasthaus "Bei Sonja" über die Ziele und Vorgehensweise der Gruppe "Letzte Generation" sprechen.
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Wie Aktivisten der „Letzten Generation“ in Aalen über ihre Aktionen informieren und was die Wenigen bewegt, die das interessiert.

Aalen

Auf 19.30 Uhr hatten sie eingeladen gehabt, die Aktivisten der „Letzten Generation“. Auf ihre Ziele möchten sie in Aalen aufmerksam machen, möchten informieren als „eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die bereit ist, persönlich viel zu riskieren, um die Regierung zu angemessenem Handeln im Angesicht des Klimakollapses zu bewegen“, wie sie im Vorfeld erklärt haben. Ihre Ziele, die sie erreichen möchten dadurch, dass sie Straßen blockieren. Sich an Straßen festkleben – oder in Museen an Bilderrahmen. Ganz Deutschland diskutiert darüber: Sind die Aktivisten der „Letzten Generation“ Verzweifelte, die angesichts der Unfähigkeit der Politik, die Kehrtwende bei der Klimapolitik zu schaffen, kein anderes Mittel mehr sehen als das des zivilen Widerstands? Sind’s Klima-Terroristen auf dem Wege, eine Klima-RAF zu bilden? Sind's schlicht Straftäter?

Fragen, die sich viele stellen. Fragen, auf die Moritz Riedacher (26) und Frieder Zürcher (63) in Aalen Antworten geben wollen im Gasthaus „Bei Sonja“ in Aalen. Geworben für diese Informationsveranstaltung hatten sie zuvor mit Flyern, über Tageszeitungen - auch die SchwäPo - und über sogenannte soziale Medien.

Was die Besucher bewegt

Sieben Interessierte waren es schließlich, die sich im großen Nebenzimmer des Lokals einfanden. Tim ist dabei, der während seiner Zeit in Freiburg bereits Erfahrungen gesammelt hat mit Formen des Protests wegen seiner Sorgen, dass die Menschheit auf eine Klimakatastrophe zurast. Harald, der als Lehrer frustriert ist von den Stammtischparolen, die ihm entgegengebracht werden, wenn es in der Schule um Themen wie den Klimawandel geht. Johannes, dem das Thema wichtig ist. Der aber zum Beispiel mit den Protesten der „Friday for Future“-Bewegung nichts anfangen kann, weil er den Generationenvorwurf falsch findet und eher den gesellschaftspolitischen Aspekt wichtig findet. Ute ist da von der Gruppe „Aalener Klimaentscheid“, die sich ein Bild machen möchte von der „Letzten Generation“ – und die findet, dass es der bessere Weg ist, sich vor Ort Etappenziele zu setzen als immer auf die große Welt zu schauen. Ute hat aber trotzdem Sympathie für die „Letzte Generation“. Am Tag darauf wird sich die Gruppe Aalener Klimaentscheid offiziell in einem Schreiben mit den Aktivisten solidarisieren. Pia, pensionierte Geigenlehrerin, treibt der „Krieg des Menschen gegen den Planeten“ um, findet aber zielgerichtete Aktionen besser. Etwa die Aktionen von Greenpeace, die konkret gegen Ölkonzerne vorgegangen sind, indem sie Ölplattformen als Ziel ihrer Aktionen ausgewählt haben. Dann noch ein älterer Herr, der es insgesamt wichtig findet, dass demonstriert wird, um es „den Millionären da oben“ mal zu zeigen.  Von der Aalener Politikprominenz oder von Kreispolitikern sieht man niemand .

Sich dem Horror stellen

Die, die da sind, hören, wie Moritz Riedacher über die Aktionen denkt. Der zunächst erläutert, wie es um die Welt steht, nämlich schlimm. Die Erderwärmung bringe Hungerkatastrophen, Dürre und Überflutungen und in der Folge Kriege, Flucht und Vertreibung. Er zitiert Wissenschaftler und politische Mahner – und hat für sich den Schluss gezogen, dass die Beibehaltung des Kurses zur „Vernichtung der menschlichen Zivilisation“ führt. „Wir müssen uns diesem Horror stellen“, sagt er. Frieder Zürcher hat ein schlichtes Schaubild dabei, das zeigen soll, dass die Menschheit die entscheidenden Grenzen bereits überschritten hat, und erklärt wortreich, wie er sich dabei fühlt, warum er sich für diese Art des Widerstandes entschlossen habe. Riedacher wird konkreter und meint, bisherige Protestaktionen hätten keine Umkehr in der Politik bewirkt.

Vergleich mit US-Bürgerrechtlern

Deswegen habe die „Letzte Generation“ sich für den Weg des zivilen Widerstands entschieden, zieht den Vergleich zu US-amerikanischen Bürgerrechtlern, die mit zivilem Widerstand in den 1950/60er-Jahren gegen die Rassegesetze in manchen Bundesstaaten gekämpft haben. Riedacher sagt, dass es darum gehe, aufmerksam zu machen auf die Ziele der „Letzten Generation“ – und dass der Weg, Straßen zu blockieren, Aktionen in Museen, sich anzukleben, sehr erfolgreich sei, um diese Aufmerksamkeit zu erreichen. „Wir kreieren ein Drama, das nicht ignoriert werden kann“, sagt er. So entstehe Spannung und Diskussion. Mittlerweile sei eine nationale Diskussion entstanden. Dafür nehme er den Frust etwa von Autofahrern in Kauf und auch, dass er Straftaten begehe. Mit Forderungen wie der eines Tempolimits von 100 Stundenkilometern auf deutschen Straßen oder der Einführung eines 9-Euro-Tickets werde Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, weil diese mehrheitsfähig seien. Die Protestaktionen würden diszipliniert, maximal entschlossen, aber gewaltfrei ausgeführt. Er berichtet, wie es ist, wenn er bei solchen Aktionen verhaftet wird und eine Zeit in einer Gefängniszelle verbringt, wie er vor Aktionen Angst hat und wie sich im Anschluss in, „wenn ich in der Zelle bin“, ein Gefühl von „Stärke und Selbstwirksamkeit“ bei ihm einstelle, „weil ich es so wollte“. Auch die Gemeinschaft, die er erlebe, sei gut. „Wunderschön“ sei es, ein Teil davon zu sein.

Lokale Keimzelle

Im Anschluss will Riedacher von den Besuchern in Aalen wissen, wer sich vorstellen könne, an Aktionen der „Letzten Generation“ teilzunehmen, ein entsprechendes Aktionstraining mitzumachen, bereit zu sein, ins Gefängnis zu gehen oder in einer „lokalen Keimzelle“ mitzuarbeiten. Von den mittlerweile nur noch sechs Gästen im Nebenzimmer „Bei Sonja“ ist dazu spontan niemand bereit. Ein paar aber nehmen Kontaktbögen mit, die Riedacher verteilt. Man kann auch spenden, steht darauf – und Riedacher ergänzt noch, dass es demnächst einen Online-Shop geben werde, über den T-Shirts und Ähnliches vertrieben werde.

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